Land des schadhaften Lächelns

Facharzt für Strahlentherapie berichtet aus chinesischem Provinz-Krankenhaus

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Mit Humor lässt sich vieles besser ertragen, dachte sich Dr. med. Udo Zimmermann, als er über die Zustände in einer Abteilung für Strahlentherapie in einem chinesischen Krankenhaus sprach.

Kempten – In loser Folge lädt der Senior Experten Service SES ehrenamtliche Fachleute zu Vorträgen ins Haus International ein, bei denen diese von ihren Erfahrungen als Entwicklungshelfer berichten.

Kürzlich berichtete Strahlentherapeut und Onkologe Dr. Udo Zimmermann, wie schlimm es um die medizinische Versorgung und die Strahlentherapie in der chinesischen Provinz bestellt ist. Dr. Udo Zimmermann war von 1992 bis 2017 Leiter der Onkologie und Strahlentherapie im Klinikverbund Kempten-Oberallgäu.

Die letzten sieben Jahre leitete er die Abteilung in Eigenregie, da diese als Krankenhausabteilung ausgegliedert worden war. Nun im Ruhestand, wollte der erfahrene Strahlentherapeut andere an seinem Wissen und seiner Erfahrung teilhaben lassen. Über den SES wurde ihm ein dreiwöchiger Aufenthalt in der chinesischen Provinz Shandong angeboten. In der Stadt Pingyin sollte er helfen, eine Station für Strahlentherapie im örtlichen Krankenhaus auf ein „neues Niveau zu heben“. Zuerst scheute er sich, die Aufgabe anzunehmen. Zu groß war der Respekt vor den Kollegen im Reich der Mitte, zu gewaltig erschien die Aufgabe. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte Dr. Zimmermann noch keine Ahnung, wie gering die Kenntnisse in der Strahlentherapie an chinesischen Provinzkrankenhäusern sind. Die Behandlung von Krebspatienten, so sein späterer Eindruck, sei „zum Teil hart an der Grenze zu Menschenversuchen“. Und in der Tat, der Facharzt für Onkologie und Strahlentherapie konnte mittels selbst geschossener Fotos exemplarisch darstellen, wie es um das Niveau der Provinz-Krankenhäuser in China bestellt ist. 

"Sodom und Gomorrha"
Gesundheitsversorgung, wie wir sie aus Deutschland gewohnt sind, ist nur in den großen Städten Peking, Schanghai oder Hongkong zu erwarten und dort auch nur für die, die es sich leisten können. Krankenversichert sind im Reich der Mitte nur Mitglieder der Partei. „Wer sich teure Behandlungen wie unter anderem Strahlentherapien nicht leisten kann, hat Pech gehabt“, so das bitterböse Fazit von Zimmermann. Wer trotzdem einmal für längere Zeit ins Krankenhaus kommt, sollte Angehörige haben, die ihn versorgen. In Ermangelung von Krankenhausessens droht ansonsten der Hungertod. Überhaupt seien die hygienischen Standards mit denen in Mitteleuropa nicht zu vergleichen, auf den Fotos scheint man Schimmel an den Wänden zu entdecken. Alles Interieur wirkt in Selbstbauweise „zam‘g‘schustert“, medizinische Apparate sind in der Regel doppelt so alt wie das Personal, das sie bedient. Tritt zu viel Strahlung bei der Behandlung eines Patienten auf, schützt sich das Personal, indem es die Angehörigen der Patienten zum Bedienen der Technik in den Bestrahlungsraum schickt. Hierbei werde auf das Anlegen von Bleiwesten „großzügig“ verzichtet. Auch bei der Lagegenauigkeit ist man im Krankenhaus von Pingyin wenig penibel. Warum auch, da man ohnehin mangels genauer Zielmarkierung nicht in der Lage sei, das zu bestrahlende Gewebe zu treffen. Um diese Ungenauigkeit zu kompensieren, verfährt das Personal, das zuvor unter Umständen in einer Schuhfabrik gearbeitet habe, unter Umständen nach der Devise: Viel hilft viel. „Kollateralschäden durch Überdosierung”, so weiß Zimmermann, zu berichten, „werden von den behandelnden Ärzten, pardon Maschinisten, in Kauf genommen.“ Am Ende seines Aufenthaltes hatte der Facharzt aus Kempten noch Besuch von lokalen Parteigrößen bekommen, die Fotos mit ihm machen wollten und die den Wert internationaler Zusammenarbeit mit einem „chinesischen Lächeln“ hervorhoben. 

Kühles Fazit
Das Fazit des Onkologen über seinen Aufenthalt in China fällt bescheiden aus. „Ich bin mir nicht sicher, ob meine Anregungen tatsächlich zu dem aus meiner Sicht notwendigen Umdenken in der von mir besuchten Abteilung für Strahlentherapie aufgenommen und umgesetzt werden.“ Vorerst möchte der Facharzt keine weiteren Aufenthalte in China absolvieren. In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum im gut besuchten Haus International erläuterte er seine Einschätzung. Grundsätzlich findet er die Arbeit des SES hervorragend, nur im Fall China rät der Facharzt zur Vorsicht im Wissenstransfer. Schlechte Behandlung von Patienten im Reich der Mitte lägen im politischen System begründet und könnten nicht einfach durch Hilfe von außen ausgeglichen werden. Der Stand der Medizin sei in den Großstädten auf einem hohen Niveau, jetzt sei es die Aufgabe der Verantwortlichen, dieses Wissen im Land selbst zu verteilen. Auch wenn der Vortrag von Dr. Zimmermann mit großem Humor vorgetragen wurde, so zeigte der Mediziner stets Respekt und Mitgefühl für die von ihm erwähnten Patienten. 

Jörg Spielberg

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