Beliebt: "Szenen einer Ehe" im Turm

Landesbund für Vogelschutz blickt auf ein "flatterhaftes" 2018 und auf naturnahe Forstwirtschaft

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Das LBV-Team und Gäste auf der JHV 2019 im Gasthof Krone in Waltenhofen: (v.l.) Revierförster Hubert Heinl, Thomas Blodau, Gastredner Dr. Herman S. Walter, Brigitte Kraft, Ethelbert Babl, Roswitha Lüer, Carmen Blodau, Karl Heinz-Wagner (2. Vorsitzender der KG).

Landkreis – Die Gelegenheit, sich über das aktuelle regionale Geschehen wie dem auf Landesebene zu informieren, hatten viele Mitglieder der Kreisgruppe Kempten-Oberallgäu des Landesbunds für Vogelschutz ergriffen. Auch der Vortrag von Dr. Hermen S. Walter, Forstbetriebsleiter in Ottobeuren, stieß bei der Jahreshauptversammlung auf großes Interesse.

Den Einstieg in den diskussionsfreudigen Abend übernahm Ethelbert Babl, aktives Mitglied der Kreisgruppe und seit vergangenen Oktober 2. Vorsitzender des LBV, der in den nächsten Wochen das 100.000 Mitglied begrüßen wird. „Es war und ist eine spannende Zeit, in die ich gewählt worden bin“, sagte Babl und zeigte als erstes seine Begeisterung über das sensationelle Ergebnis des Volksbegehrens. Sein Dank gilt allen aktiven Unterstützern und den 1,8 Millionen Wählern für den Artenschutz. 

Dass von Ministerpräsident Markus Söder, nachdem er bereits die Skischaukel gestrichen hatte, kürzlich am runden Tisch die vollständige Annahme der Forderungen des Volksbegehrens erfolgte und nahezu gleichzeitig die Alpenplanänderung im Staatskabinett definitiv zurückgenommen wurde, sind laut Babl der größte Erfolg für den Naturschutz in den letzten 20 Jahren. Der LBV hat maßgeblich daran mitgearbeitet. 

Die Umsetzung des Volksbegehrens hat bereits begonnen: Möglichst schnell sollen mehr Stellen für die untere Naturschutzbehörde geschaffen werden. Bearbeitet und diskutiert wird der hohe Flächenverbrauch in Bayern, den auch der Bauernverband als Kritiker des Volksbegehrens gleichermaßen wie der LBV eindämmen will. Nicht erreicht wurde 2018 die Ausweisung eines dritten Nationalparks, für den aber nutzungsfreie Wälder als Ausgleich geplant sind.

EU-Wahl: Bestimmen Sie über ihre 114 Euro

„Die Artenvielfalt und der Vogelschutz werden nicht bei uns in Bayern entschieden“, betonte Babl zum Schluss seiner Ansprache. Damit es wieder mehr als nur vereinzelte Paare von Wiesenbrütern wie Feldlerche (verschwunden im OA) oder Kiebitz in unserer Region gibt, brauche es eine neu ausgerichtete europä- ische Landwirtschaftspolitik. 

Der LBV fordert ein radikales Umsteuern – von der Massenproduktion zu naturverträglicher Agrarwirtschaft. „Unsere Landwirte sind nicht schuld, sie müssen sich nach den politischen Vorgaben richten“, so Babl. Jeder EU-Bürger zahle 114 Euro pro Jahr in den Topf der EU Agrarsubventionen. Wer zur Wahl gehe, bestimme, wie dieses Geld eingesetzt wird. Aktuell läuft eine Postkartenaktion des LBV, mit der jeder Bürger seine Forderungen an die örtlichen Politiker senden kann.

Viel Engagement in der Kreisgruppe

Thomas Blodau, 1. Vorsitzender, berichtete über diverse Projekte der Kreisgruppe, die von vielen Naturfreunden begeistert verfolgt werden. Allen voran die Webcams der bekannten Nisthilfen für Waldkauz, Turmfalke oder den Star, deren Brutverläufe aktuell live zu sehen sind. „Unsere Medienanalyse hat ergeben, dass sehr viele Vogelfreunde das Aufwachsen der Jungvögel verfolgen“, sagte Blodau. Besonders interessant seien momentan die „Szenen einer Ehe“ im Turm der St. Mang Kirche, in dem Turmfalken nisten. 

Viele Arbeitsstunden haben die Aktiven der Kreisgruppe in den LBV-Natur-Garten in der Kleingartenanlage Am Seggersbogen gesteckt. In dem Mustergarten sind vielfältige Strukturen angelegt, die Vögeln, Insekten, Amphibien und auch Säugetieren Unterschlupf und Nahrung bieten. 

Für Gartenliebhaber oder solche, die es werden wollen, wird es auch hier im Sommer Führungen geben. Die Fledermäuse im Oberdorfer Wald haben ihre Quartiere gut angenommen, zum Überwintern sind außerdem Schmetterlinge eingezogen. 

Über eine erfreuliche Zunahme an Jungtieren in der Fledermauswochenstube in Martinszell berichtet Carmen Blodau. Wie in den letzten Jahren geschehen, wird die Kreisgruppe auch in diesem Frühjahr weitere Wildblumenwiesen anlegen. Es sind mehrere 100 Quadratmeter in Planung und insgesamt werden die Blühflächen der Kreisgruppe 2019 auf drei Quadratkilometer anwachsen. 

Neu im Team ist Roswitha Lüer als Regionalbetreuerin für Kinder- und Jugendgruppen im Ober- und Unterallgäu. Im Sommer soll in Kempten eine neue Kindergruppe entstehen, die seit mehreren Jahren bestehenden Gruppen in Haldenwang und Altusried laufen wie bisher weiter. 

Brigitte Kraft, Leiterin der LBV Bezirksgeschäftsstelle Schwaben, beschließt den KG-Bericht mit einem herzlichen Dankeschön an Thomas Blodau und alle anderen Aktiven. „Ich bin stolz, dass wir in Schwaben so eine engagierte Kreisgruppe haben.“ Die große Einsatzbereitschaft bestä- tigt anerkennend zuvor auch Kassenprüferin Ulrike Kemmer. Allein anhand der Anzahl an Rechnungen über die unterschiedlichsten Posten könne sie schon erkennen, wie viele Projekte in der KG vorangetrieben werden. 

Gastvortrag zu naturnaher Forstwirtschaft

Forstbetriebsleiter Walter berichtete beispielhaft für die bayernweite naturnahe Forstwirtschaft aus seinem Forst in Ottobeuren. 2018 startete das Landwirtschaftsministerium das Projekt „Der Wald blüht auf“. Mit 90 Prozent der Kosten beteiligt sich der Staat an der Anlage von großen Blühflächen in den Wäldern und an ihren Rändern. Für Walter und sein Team war die Arbeit Neuland. „Wir waren sehr gespannt, was passiert“, sagt er. Es wurde Regiosaatgut mit 33 Arten, die zu einem Waldstandort passen, ausgebracht. Die Wiesen seien gut angewachsen, ab diesem Sommer werde die Pflegearbeit die Saatarbeit ersetzen. 

Weitere Bausteine der naturnahen Bewirtschaftung sind der Erhalt von Totholzbäumen – mindestens zehn Biotopbäume pro Hektar –, die Naturverjüngung zur Förderung des Mischwaldes, die Einzelbaumentnahme anstatt der Rodung von großen Flächen sowie ein Bewirtschaftungsstopp von Waldgebieten mit altem Baumbestand. 

Besonders begeistert ist Walter von Spechten, die in seinem Gebiet gut vertreten sind. „Wir haben eine komplette Höhlenkartierung gemacht und 500 Spechthöhlen gefunden“, erzählte er. Aufgefallen sind dabei regelrechte Spechtzentren. Diese Bereiche sind im Forst Ottobeuren wirtschaftlich jetzt ruhiggestellt, um den Schutz derartiger Strukturen zu garantieren. 

Fragen aus der Zuhörerschaft zu den Themen Rotwild, Eschensterben und Wolf konnte Forstleiter Walter beruhigend beantworten. Die Naturverjüngung benötige eine etwas stärkere Jagd der Rehe, man sehe sie im dichten Äsungswald aber auch deutlich schlechter. Der Wald würde das durch einen Pilz ausgelöste Eschensterben überleben, als Wirtschaftsbaum sei die Esche allerdings gestorben.

 Und der Wolf? „Er steht unter Naturschutz. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen“, sagte Walter und erntete Beifall. Revierförster Hubert Heinl, der für den Oberdorfer Wald zuständig ist und dort mit dem LBV das Fledermausprojekt gestaltet hat, bestätigt den LBVlern abschließend, dass auch in den übrigen Revieren der Region eine naturnahe Bewirtschaftung stattfindet. Diese ist von den Bayrischen Staatsforsten so vorgegeben. Verstärkt in dieser Richtung zu agieren – wie in Ottobeuren die Höhlenkartierung erfolgt ist – entscheidet jeder Forstbetrieb selbständig.

Annette Mayr

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