Erhitzte Gemüter.

TBC – Seuche oder nicht?

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Ferdinanda Schöll, Irmgard Kiechle, Lucia Frommknecht und Manfred Gabler wehrten sich bis zuletzt gegen die Reihenuntersuchung ihrer Tiere.

Das Thema TBC sorgt für erhitzte Gemüter. Nach Angaben des Landratsamtes Oberallgäu wurden von Ende 2012 bis zum 14. Oktober dieses Jahres im gesamten Landkreis und im Bereich der Stadt Kempten 1.875 von 1902 rinderhaltenden Betrieben (98,6 Prozent) mit insgesamt 72.322 Tieren untersucht.

954 Tiere wurden wegen verdächtiger Testergebnisse gekeult. Nur bei 83 davon (0,11 Prozent) konnte letztlich im Rahmen zweier weiterer Tests eine Infektion mit dem TBC-Erreger nachgewiesen werden. Eine Handvoll Landwirte verweigerte bis zuletzt die Testung, die nun mit Zwangsgeldandrohung durchgesetzt worden ist. Sie erläutern die Gründe, warum sie sich auf einen Rechtsstreit mit dem Freistaat Bayern eingelassen haben. 

Manfred Gabler, Irmgard Kiechle und Ferdinanda Schöll sind Vollerwerbs-Landwirte. Die Drei halten auf ihren Bio-Höfen circa 200 Kühe und Jungrinder. Sie gehören der letzten Bastion von mehr als 200 Bauern an, die im bayerischen Alpenraum gegen die Zwangstestung geklagt haben. „Wir sind gar nicht gegen die Testung an sich“, stellen sie klar. Aufgrund der offiziellen Zahlen des Landratsamtes (LRA), die ihnen erst nach monatelangem Ringen zugänglich gemacht wurden, zweifeln sie aber die Zuverlässigkeit der Testmethode an und wollen das Risiko falscher Testergebnisse mit Keulung gesunder Tiere und möglicherweise wochenlanger Milchliefersperre nicht eingehen. 

231 Betriebe zu Unrecht gesperrt? 

Im Zuge der vorgeschriebenen amtstierärztlichen Reihenuntersuchungen wurden seit Ende 2012 insgesamt 255 von 1875 getesteten Betrieben gesperrt. „Gesperrt“ bedeutet, dass die Tiere, die auffällige Testergebnisse zeigen, gekeult und dann untersucht werden. Der betroffene Landwirt darf für mindestens sechs Wochen bis hin zu mehreren Monaten keine Milch, kein Fleisch und keine Tiere verkaufen. Nach sechs bis acht Wochen wird der Bestand erneut getestet. Erst wenn zwei Nachtests negativ ausfallen, wird die Sperre aufgehoben. „Nur in 24 Betrieben wurde bei 83 Tieren der TBC-Erreger des Typs Mycobacterium caprae nachgewiesen. 231 Betriebe wurden also zu Unrecht gesperrt und 871 Tiere aufgrund falscher Testergebnisse getötet, das entspricht 87 Prozent“, rechnet Manfred Gabler vor. 

Finanzielle Einbußen 

Den Preis der gekeulten Tiere erstattet zwar die Tierseuchenkasse, die auch die Kosten für die Tests trägt (sie finanziert sich über die Beiträge der Landwirte). Die Ausfälle beim Milchgeld hingegen werden in vielen Fällen nicht komplett gedeckt. „Da entsteht schnell ein Schaden von mehreren Tausend Euro, von der psychischen Belastung mal ganz abgesehen“, gibt Ferdinanda Schöll zu Bedenken. 

Infektion? Ja! - Erkrankung? Nein! 

Von einem Ausbruch der Krankheit oder gar einer Seuche könne ohnehin keine Rede sein. „Es wurde lediglich nachgewiesen, dass einzelne Tiere Antikörper gegen den Tuberkulose-Erreger gebildet hatten, das heißt, sie müssen irgendwann einmal damit in Berührung gekommen sein. Sie gelten als infiziert. Infiziert – nicht aber erkrankt! Bei keinem einzigen Tier ist die Krankheit tatsächlich zum Ausbruch gekommen“, betont Lucia Frommknecht aus Weitnau. „Das ist ein ganz entscheidender Punkt, der gerne in den offiziellen Darstellungen unter den Teppich gekehrt wird“, ärgert sich die Homöopathin, die 17 Jahre lang Alphirtin war und sich mit den Testkritikern solidarisiert. 

Seuche oder nicht? 

Die Testkritiker vermuten vor allem politische und juristische Gründe, „warum das LRA seinen eigenen Zahlen im öffentlichen Diskurs nicht glaubt und den Eindruck erweckt, als wären alle 954 gekeulten Tiere erkrankt gewesen“. Auch die Tatsache, dass im September zahlreiche Viehscheide stattfanden, zeige deutlich, dass LRA und Allgäuer Herdebuchgesellschaft (AHG) wohl selbst nicht von der angeblich bestehenden Seuchengefahr ausgingen. Schließlich waren 5000 der insgesamt rund 30.000 Jungrinder auf Alpen gesömmert, die zu den Risikoübertragungsgebieten durch Rotwild gehören. Die Tiere waren nach ihrer Rückkehr nicht nur größtenteils nicht getestet worden, sondern werden und wurden auf den Zuchtviehauktionen der AHG ohne Kennzeichnung, ob sie getestet wurden, vermarktet. 

Streitpunkt Simultan-Test

Einer der Hauptstreitpunkte des gesamten Themenkomplexes ist die Testmethode an sich. Bei dem Simultan-Test, der irreführender Weise auch gleichzeitig „Impfung“ genannt wird, obwohl er keinerlei krankheitsverhindernde Wirkung hat, wird dem Tier ein Stoff injiziert, der eine geringe Menge gereinigter und filtrierter Antigene aus Mykobakterien enthält. Wenn innerhalb von drei Tagen eine Abwehrreaktion in Form einer Verdickung der Haut an der Einstichstelle auftritt, kann das bedeuten, dass das Tier sich mit Tuberkulose infiziert hat. Über eine tatsächliche Erkrankung sagt dies allerdings nichts aus. Übrigens steht auch der im Teststoff enthaltene Zusatzstoff Phenol im Verdacht, Verdickungen der Haut auszulösen und, wie Tierarzt Johannes Harlacher erklärt, kann es bei einem zu steilen Einstichwinkel leicht zu Hautverdickung kommen, weil dabei die Lymphbahnen verletzt werden. 

Impfung als Auslöser? 

Wie viele ihrer Mitstreiter glauben die vier Allgäuer der These, dass die Testmethode selbst durch die Injektion der Antigene der Grund dafür ist, dass überhaupt Antikörper gebildet werden – wodurch künftige Tests positiv ausfallen können. Dies ist sogar explizit auf der Internetseite des Landratsamtes nachzulesen. Hier heißt es: „Die medizinische Behandlung infizierter Tiere ist übrigens gesetzlich verboten – weil man nach einer Impfung infizierte Tiere nicht mehr von geimpften gesunden Tieren unterscheiden könnte.“ 

Auffällige Zahlen 

„Im Jahr 2008 wurden schon einmal sehr viele Tiere auf TBC getestet“ erinnert sich Ferdinanda Schöll. „Daraufhin ist der Erregernachweis bei den Tieren, die 2009 geboren wurden, extrem angestiegen. Seitens einiger Mediziner, mit denen wir Kontakt aufgenommen haben, besteht die Vermutung, dass diese Tiere als Föten aufgrund der Testung Antikörper entwickelt haben." Allerdings gehen die Meinungen der Experten hier auseinander. 

Alternative: Milchtestung 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für die Testkritiker der Verbraucherschutz. Da bei allen geschlachteten Tieren im Schlachthof eine Fleischbeschau stattfindet, könne ohnehin kein TBC-infiziertes Fleisch in den Handel kommen. „Dies gilt auch für Milch, da diese zu 99 Prozent in den großen Molkereien pasteurisiert wird, was nach Meinung aller Fachleute kein TBC-Erreger überlebt. Für das eine Prozent an Rohmilch, das in die Verarbeitung geht, würde sich ein Milchtest anbieten, den ein renommiertes Münchener Labor durchführt.“ 

Zwangsgelder bis 50.000 Euro 

Nach einem Gerichtsurteil des Augsburger Verwaltungsgerichts vom 25. November 2014 scheinen die Würfel nun zu Ungunsten der Verweigerer gefallen zu sein. Sowohl Irmgard Kiechle als auch Manfred Gabler sind inzwischen Zwangsgeldbescheide zugegangen (deren Bezahlung befreit nicht von der Testung), gekoppelt mit der Mitteilung, ihre Klage werde ohne Verhandlung abgewiesen. Beide haben ihre Tiere daraufhin innerhalb der gesetzten Frist testen lassen. „Ich habe keine Lust, das Landratsamt mit diesem Zwangsgeld in Höhe von 10.000 Euro finanziell zu unterstützen“, so Gabler. „Der Krieg ist aus, aber die Munition wird noch verschossen“, meint Lucia Frommknecht. Nicht nur die Zwangstestung, auch die jüngst wieder gekippte Vorgabe zum Kanülenwechsel liegt ihr schwer im Magen. „Ab sofort können wieder ganze Bestände mit nur einer Nadel getestet werden. Wir fragen uns, wie es da mit der Ansteckungsgefahr aussieht?“ 

Teilerfolg 

Einen Teilerfolg können die renitenten Landwirte aber verbuchen: „Das Bayerische Umweltministerium ist mittlerweile von einem zweiten flächendeckenden TBC-Test abgerückt, das freut uns“, sagt Manfred Gabler. Stattdessen sollen von Januar bis April die Tiere untersucht werden, die im Sommer auf Alpen gehen.

Vorschläge zum weiteren Vorgehen 

Um die Akzeptanz einer weiteren Tuberkulose-Untersuchung bei den Landwirten zu verbessern, fordern die Testkritiker mehr Augenmaß. Ihr Vorschlagskatalog lautet: Es sollen lediglich die 5000 Rinder mit sicheren und zuverlässigen Testmethoden untersucht werden, die 2015 auf Alpen gesömmert werden, die zu den Risikoübertragungsgebieten (Stichwort Rotwild) gehören. Tiere, die im Rahmen einer sicheren und zuverlässigen TBC-Testung auffällig werden, sind aus den Betrieben zu entfernen. Da alle bisher auffälligen 83 Tiere zwar Träger des TBC-Erregers, aber nicht erkrankt waren, ist in Zukunft auf Betriebssperren zu verzichten. Die TBC-Verordnung ist entsprechend zu ändern. Die Anwendung des durch Anwendungsfehler in Verruf geratenen Bovigam-Tests ist zu verbessern. Beim Simultantest ist eine sterile Kanüle pro Tier einzusetzen, um eine mögliche Verschleppung von Krankheiten zu verhindern. 

Das sagt das Landratsamt 

Der Pressesprecher des Landratsamtes Oberallgäu, Andreas Kaenders, nahm auf Nachfrage des Kreisboten zu den Argumenten der Textkritiker Stellung. 

In der öffentlichen Darstellung ist man bislang nicht von den Begrifflichkeiten „Seuche/ Seuchengefahr“ abgerückt, obwohl die belegten Zahlen durchaus anders gedeutet werden können. Zudem wird meist nicht zwischen Infektion, Ausbruch und Erkrankung differenziert. Aus welchen Gründen hält man an dieser Ängste schürenden Wortwahl fest? 

Kaenders: „Niemand will unberechtigte Ängste schüren, aber die Erfahrungen der Vergangenheit im Allgäu und zur Zeit im Vereinigten Königreich zeigen sehr deutlich das drastische Gefahrenpotential, wenn eine drohende Seuche nicht im Ansatz bekämpft wird. Wir versuchen, einer Seuche im umgangssprachlichen Sinn vorzubeugen.“ 

Kann man eindeutig feststellen, ob die fragwürdig gekeulten Rinder infiziert waren oder ob sie zu Unrecht getötet wurden? 

Kaenders: „Zu Unrecht ist kein Tier getötet worden, bei allen lag Seuchenverdacht oder Ansteckungsverdacht vor. Die Vorsorge gebietet es, potenzielle Träger zu eliminieren, vergleichbar mit Keulungen von tausenden Enten, wenn ein Tier Vogelgrippe hat. Bei keinem geschlachteten/gekeulten Rind gibt es einen Befund, der wissenschaftlich die Möglichkeit einer Infektion ausschließt.“ 

Ist eine TBC-Infektion durch eine Fleischbeschau erkennbar? 

Kaenders: „Nein, bei der Fleischbeschau kann die Infektion erst bei relativ weitem Fortschritt erkannt werden, wenn körperliche Veränderungen auffallen.“ 

Gibt es eine Möglichkeit, die Milch testen zu lassen? Gibt es Planungen hierzu? 

Kaenders: „Dies wäre sehr wünschenswert, aber leider gibt es derzeit keinen solchen Test in Deutschland, unseres Wissens auch woanders nicht.“ 

Der derzeit angewandte Hauttest ist nicht unumstritten. Es gibt Experten, die die Ansicht vertreten, die Impfung an sich könne durch die Injektion von Antigenen dazu führen, dass die Tiere überhaupt erst Antikörper bilden und künftige Tests genau deswegen positiv ausfallen. Was sagt das LRA hierzu? 

Kaenders: „Dass das nicht sein kann, zeigt die Tatsache, dass im Rahmen des zurückliegenden Monitorings auch die Bestände in den anderen Landkreisen am Bayerischen Alpenrand getestet wurden. Mit dem gleichen Test. Es hat Landkreise gegeben mit Null-Ergebnissen. Das heißt: wo nichts ist, findet der Test auch nichts.“ 

Können Sie die Bedenken der Zweifler nachvollziehen? 

Kaenders: „Die Tests können als Belastung empfunden werden, dafür haben wir großes Verständnis. Wir haben dennoch keine andere Wahl: die Tests müssen sein, um möglichst viele der infizierten Tiere auffinden zu können. Wenn wir zuwarten würden, könnte aus einem gehäuften Auftreten einer Tierkrankheit ein Desaster entstehen. Mit immensen Folgen, nicht nur für die Tiere.“ 

Die Kritiker plädieren für einen verbesserten Bovigamtest. Gibt es Planungen in diese Richtung? Kaenders: „Die Anwendung des Bovigamtests wurde wohl verbessert. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass er ebenso zuverlässig wie der Tuberkulintest werden kann. Auch andere Tests, zum Beispiel ein nicht in der EU zugelassener Antikörpertest sind deutlich ungenauer.“ Stichwort: Kanülenregelung: Sehen Sie in der Vielfachbenutzung von Nadeln ein Infektionsrisiko? 

Kaenders: „Nein, selbst der VGH hat nicht in Frage gestellt, dass hier kein relevantes Risiko besteht. Der Stich einer einzelnen Mücke ist da deutlich riskanter, da sie von Stall zu Stall fliegt und blutführende Bereiche gezielt ansteuert. Die Kanüle dringt nicht in Blutgefäße ein, sondern nur in die Hautzwischenschicht. Sollte versehentlich ein Blutgefäß verletzt werden, sieht man das daran, dass ein Tropfen Blut aus der Injektionsstelle austritt. Dann wird die Kanüle gewechselt. Immer schon. Wenn Betroffene auf einem Kanülenwechsel bestehen, bekommen sie ihn auch weiterhin.“ 

Werden die 25.000 Jungtiere, die heuer von den Alpen kamen, noch getestet? Wie ist es im Gesamtzusammenhang zu erklären, dass trotz Seuchengefahr Viehscheide stattfanden und die Jungtiere ohne Kennzeichnung verkauft werden dürfen? 

Kaenders: „Soweit die Tiere ein zweites Mal aufgetrieben werden, werden sie getestet. Der Testzwang vor dem Auftrieb soll eine schleichende Wiederverseuchung über die Jahre hin verhindern, das Risiko von Alptieren, die 2014 aus getesteten Betrieben stammten ist äußerst gering. Eine akute Seuchengefahr besteht jetzt nach der flächendeckenden Untersuchung nicht mehr. Aber damit es so bleibt, müssen wir weitermachen. Wir können die TBC nicht ausrotten, aber wir können durch extensive langfristige Untersuchungen das Risiko minimieren.“

Die Landwirte, die bislang verweigert hatten, haben nun ihre Zwangsgeldbescheide erhalten. Sehen Sie damit ein Ende des aktuellen Konfliktes gekommen? Kaenders:„Dies wäre zu hoffen. Es gilt nun den Blick auf die Zukunft zu richten und eine Wiederausbreitung des Erregers dauerhaft zu vermeiden. Dazu sind auf lange Sicht erforderlich: eine Alptieruntersuchung, risikobasierte weitere Untersuchungen und eine langfristige und wirksame Absenkung überhöhter Rotwilddichten, insbesondere in Gebieten mit erhöhten Befallsraten.“ Sabine Stodal

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