Wie steht es um die Startups?

Landtagssprecherin für Startups und die Gründerszene besucht das Gründerzentrum Allgäu Digital

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Kempten – Wie ist es um die Gründerszene im Allgäu bestellt?

Davon wollte sich die bayerische Landtagsabgeordnete Stephanie Schuhknecht als Sprecherin für Startups und die Gründerszene persönlich einen Eindruck verschaffen und besuchte am vergangenen Dienstag neben der Gründervilla Kempten das digitale Gründerzentrum Allgäu Digital. Im persönlichen Austausch rund um das Team von Antonia Widmer als Leiterin von Allgäu Digital spielten auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Startup-Szene eine Rolle. Außerdem lernte die Politikerin der Grünen mit Dr. Julia König die Gründerin des Startups Ehrenmüller GmbH und mit Neele Maarten de Vries den Gründer der Dynamic Video by Picture Framing GmbH kennen. Beide Startups sind Gründerteams von Allgäu Digital. 

Stephanie Schuhknecht habe das Gefühl, dass Startups mit digitalem Bezug, die durch das Coronavirus entstandenen Herausforderungen leichter bewältigen könnten, da diese sich nicht erst, wie es bei vielen anderen Unternehmen der Fall ist, in der digitalen Welt neu zurechtfinden müssten. Außerdem halte sie einen allgemeinen Gründerboom infolge der Pandemie für möglich, da die Gewissheit eines sicheren Angestelltenverhältnisses in Zeiten von Kurzarbeit und drohender Kündigungen infrage gestellt werden könnte. „Jetzt gerade wird mit Corona sehr viel Geld ausgegeben. Das wieder in die alten Strukturen zu stecken, wäre unverantwortlich. Stattdessen müssen zukunftsorientierte Geschäftsmodelle, die Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaneutralität mitdenken, gefördert werden. Das ist unser Mittelstand von morgen“, befand Schuhknecht. Solche Schwerpunkte würden vor allem von Startups abgedeckt, da diese den Schmerz im Kleinen viel mehr spürten, meinte Widmer. 

„Natürlich kostet die Digitalisierung Geld. Für mich ist es eine Frage des Commitments. Wie ernst ist es mir?“, ergänzte die Leiterin von Allgäu Digital, die die Förderung junger Unternehmen als Voraussetzung nannte, um in bestimmten Regionen und Deutschland insgesamt wettbewerbsfähig zu bleiben. „Dass es von hundert geförderten Startups nur eines schafft, sich nachhaltig am Markt zu etablieren, muss eingeplant werden.“ Besonders bei Projektgruppen von Hochschulen und Universitäten erlebe sie häufig innovative und fachlich fundierte Ideen mit interdisziplinärem Ansatz, denen es jedoch an Sichtbarkeit und somit einer tatsächlichen Umsetzung mangele. Aufgrund des Förderauftrags von Allgäu Digital, könnten viele für die Allgäuer Region spannende Projekte nicht gefördert werden, weil der Bezug zur Digitalisierung fehle, erklärte Widmer. Deshalb sei es wichtiger, bestehende Gründerzentren weiter zu stärken und inhaltlich breiter aufzustellen als noch mehr Gründerzentren aus dem Boden zu stampfen. 

Beim anschließenden Austausch mit zwei Gründerteams von Allgäu Digital, erklärte König der Landtagsabgeordneten, dass sie mit ihrem Startup Ehrenmüller GmbH die Themen Data Science und Künstliche Intelligenz bei kleinen und mittelständischen Unternehmen aus der Region voranbringen wolle. „Aktuell wachsen wir extrem schnell und haben viele Jobanfragen von hoch qualifizierten Personen. Wir tun uns allerdings in der aktuellen Gründungsphase schwer, neue Mitarbeiter einzustellen, da ein unerwartet wegbrechender Auftrag, beispielsweise durch Corona, dafür sorgen würde, dass wir unsere Fixkosten mittelfristig nicht mehr bezahlen könnten. Deshalb sind wir dazu gezwungen, langsamer zu wachsen als es theoretisch möglich wäre“, zeigte die junge Gründerin eine derzeitige Herausforderung auf, für die es noch kein Zuschussmodell gebe. Widmer könnte sich als Lösung eine Art Gründer-BAföG vorstellen, das kurzfristige Absatzschwankungen ausgleiche und später wieder zurückgezahlt werden müsse. 

Schuhknecht erwähnte in diesem Zusammenhang die Idee eines Gründer-Stipendiums, das momentan diskutiert werde. Ein weiteres Problem sei das zu geringe Platzangebot direkt im Gründerzentrum. Werden die Gründerteams größer, würde der Raum bei Allgäu Digital nicht mehr ausreichen. „Um die Region zukunftssicher zu gestalten, muss man Unternehmen wie das von König halten. Startups sind nicht in zweieinhalb Jahren fertig entwickelt, deshalb braucht es beispielsweise für das Raumangebot Anschlusskonzepte, um ein nachhaltiges Netzwerk aufzubauen“, so die Leiterin von Allgäu Digital. Auch Neele Maarten de Vries stellte der Politikerin die Idee hinter seinem Startup vor. Mit der Mozaik App der Dynamic Video by Picture Framing GmbH sollen fachfremde Personen mit dem Handy „schnell, einfach und günstig relativ professionelle Business-Videos erstellen können.“ Derzeit werde an einer Kooperation mit Schulen gearbeitet, die das Tool nutzen könnten, um den Unterricht zu digitalisieren. „In dem Fall wird das Handy als Dokumentenkamera verwendet. Die Lehrkraft selbst ist nicht zu sehen, sondern nur zu hören“, erklärte der Gründer. 

Laut des Direktors sei es allerdings nicht so einfach Förderungen für Software zu erhalten, weshalb die Finanzierung noch fraglich sei. Schuhknecht zeigte sich begeistert von der Idee, die die Hemmschwelle bei jenen Lehrkräften senken könnte, die mit der Videoproduktion noch nicht affin seien. „Ich kann mir das als Pilotprojekt vorstellen. Es ist gut möglich, dass das Kultusministerium ein Interesse daran hat, ein solches Vorhaben zu fördern.“ Da der Gründer nicht nur in diesem Kontext Finanzierungsschwierigkeiten sah, äußerte er den Wunsch nach einer zentralen Stelle, die alle Förderangebote für Gründer aufliste. Viele Startups wüssten gar nicht, wie viele Fördertöpfe es gebe. Diese selbst zu recherchieren, sei extrem aufwendig. Außerdem würde er eine bessere Verzahnung zwischen Universitäten und dem Unternehmertum begrüßen. Er selbst sei noch Student und erlebe in der Praxis nur einzelne Professoren, die sich individuell besonders engagierten. Darüber hinaus gebe es noch Handlungsbedarf. 

Dominik Baum

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