Neue TIK-Eigenproduktion

Gelungene Premiere

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Ahnt Iokaste (Nicole Spiekermann) bereits die Wahrheit um die Identität ihres Gatten – und Sohnes – Ödipus (Oliver Severin)?

Kempten – Die finstere Unheilsahnung wird schon beim Öffnen des Vorhangs offenbar. Sie kündet von der Sophokles-Tragödie des Königs „Ödipus“, die Stefan Zimmermann in einer Übersetzung von Oliver Karbus mit dem „a.gon“ Theater inszeniert hat.

Im TIK (TheaterInKempten) feierte das Stück vergangene Woche Premiere, bevor es auf Reisen durch mehrere deutsche Städte ging. Rostige Palastmauern symbolisieren den unaufhaltsamen Niedergang. Ein vierköpfiger Frauen-Sprechchor (Adela Florow, Sandra Bosch, Sophie Meinecke und Dominique Elisabeth Layla) repräsentiert die leidende Bevölkerung des von der Pest heimgesuchten Theben. 

Sie flehen die Götter um Hilfe an und kommentieren im Verlauf des Stückes die Geschehnisse sozusagen mit einer Stimme. Vielleicht wirkt er manchmal ein bisschen zu linkisch, zu pubertär, dieser vom Volk verehrte König Ödipus (Oliver Severin), der sich selbstverliebt von seinen krisengebeutelten Untertanen verehren lässt. Aber er reift mit den Ereignissen, die ihm so viele, für ihn unerwartet unliebsame Erkenntnisse bescheren. Ihn, der einst die Stadt vor der Sphinx gerettet, die Witwe seines Vorgängers König Laios, geehelicht und mit eben dieser Iokaste (Nicole Spiekermann) vier Kinder gezeugt hat, wird das Schicksal zur Reife zwingen. 

Denn ungeachtet aller Versuche das Schicksal zu bezwingen, hat er die Prophezeihung erfüllt, indem er unwissentlich erst seinen Vater tötete und dann mit seiner Mutter Inzest betrieb. Stück für Stück nähert sich Ödipus der Wahrheit und findet heraus, dass er nicht der Sohn des korinthischen Königspaares ist, sondern ein Findelkind, das von seinen Eltern mit zerstochenen Fersen und zusammengebundenen Füßen ausgesetzt worden war. Ödipus bedeutet „Schwellfuß“ und ist einer von vielen sich mehrenden Hinweisen, vor denen Ödipus immer wieder die Augen verschließt. Lieber wittert er eine Intrige seines Schwagers Kreon (Robert Spitz) gegen ihn oder agiert nach dem Motto: Der Bote hat schlechte Nachricht, tötet den Boten. Nein, getötet wird der blinde Seher Teiresias zwar nicht, aber aus Angst vor der schrecklichen Wahrheit misshandelt Ödipus ihn. 

Und doch forciert er zugleich die Aufklärung seiner Herkunft, auch gegen den unterschwelligen Widerstand seiner Gemahlin. Sie scheint mehr zu wissen und ein Interesse daran zu haben, auch selbst nicht wirklich wahrhaben zu müssen, was immer offensichtlicher wird. Betrachtet man die Intensität der Szene, in der sich Iokaste gegen Ende unter einem Wasserrinnsal versucht von ihrer Schuld rein zu waschen, erscheint einem nicht nur die Fernsehansprache von Ödipus an sein leidendes Volk in der ersten Spielhälfte ein wenig dünn. Anders der gramgebeugte Ödipus, der seine Schuld nach langer „Blindheit“ erkannt und sich die Augen ausgestochen hat. Demütig fleht er vor seinem Schwager Kreon, der nun als Despot vor ihm steht, um Gnade für seine Kinder. Der Schlusschor wurde von rund 20 Mitgliedern des Kemptener Theaterclubs verstärkt. Vom Publikum gab es langen Applaus. Christine Tröger

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