Ein langer und steiniger Weg

Auch die beiden Stadträtinnen Erna-Kathrein Groll (links, Grüne) und Ingrid Vornberger von der SPD gehörten zu den Besuchern der Ausstellungseröffnung. Foto: Kampfrath

In der Bundesrepublik leben über 2,5 Millionen Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Obwohl sie mit ihnen Tür an Tür wohnen, wissen viele Einheimische nichts über die Bevölkerungsgruppe. Das soll die Wanderausstellung „Volk auf dem Weg. Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland“ ändern. Am Mittwochabend vergangener Woche eröffnete Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer (CSU) die Schau.

Die 24 Schautafeln im Foyer des Verwaltungsgebäudes der Stadt Kempten zeigen vor allem eines: Das Schicksal der Russlanddeutschen war bewegt. Mehrfach verließen sie – oft unfreiwillig – ihr Zuhause. Die Ausstellung beginnt mit Katharina der Großen. Durch den Zuzug deutscher Bauern und Handwerker wollte die Zarin 1763 den wirtschaftlichen Aufschwung Russlands fördern. Die ersten Jahre waren für die Ankömmlinge schwer. So machte den Landwirten die ungewohnte Beschaffenheit des Ackerbodens zu schaffen. Andere Tafeln zeigen die Chronik dreier Familien von der Zeit der Auswanderung bis zur Rückkehr der Nachfahren nach Deutschland. Um das Jahr 1911 erlebten die Deutschstämmigen eine wirtschaftliche Blüte. Durch Ackerbau, Viehzucht, Weinbau und die Landmaschinenindustrie wurden viele wohlhabend. Eine Schautafel beschäftigt sich mit der Oktoberrevolution von 1917. Der letzte Teil verdeutlicht, welch Gewinn die russlanddeutschen Aussiedler für ihre neue Heimat waren. In den Bereichen Kultur, Sport, Wissenschaft und Wirtschaft erbrachten sie hierzulande große Leistungen. Verschiedene Alltagsgegenstände wie Bücher, ein Samowar, Trachten, Tücher, Mützen und Mäntel ergänzen die Ausstellung. Katharina Fedan vom Jugendmigrationsdienst in Kempten hatte sie besorgt. Ursula Winkler vom Kulturamt Kempten half bei der Organisation. 8000 Aussiedler Die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland präsentiert die Ausstellung, die Teil der Interkulturellen Wochen in Kempten ist. Der Verein wolle damit das Verständnis für die neuen Bürger fördern und ihre Eingliederung erleichtern, sagte OB Dr. Ulrich Netzer. Die Besucher dürften „teilhaben an einem Weg, der wechselvoll und oft schwierig war.“ Rund 8000 Menschen habe der Weg nach Kempten geführt. Netzer lobte die anwesende Rosalia Kubedinow, die kürzlich den Integrationspreis der Regierung von Schwaben erhielt. Die Ansprechpartnerin der in Kempten lebenden Aussiedler habe zu einem fruchtbaren Miteinander beigetragen. „Die Wanderausstellung zeigt die Zähigkeit, mit der die deutschen Auswanderer nach Russland Schwierigkeiten meisterten“, meinte Adolf Fetsch, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Die Schau, die im 16. Jahr laufe, sei wichtig für die Landsmannschaft. Sie biete die Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die wenig oder nichts über Russlanddeutsche wissen. 40 Prozent von ihnen sind nicht älter als 25 Jahre. „Russlanddeutsche repräsentieren eine junge Bevölkerungsgruppe, die für die alternde deutsche Gesellschaft nur von Vorteil sein kann“, betonte der 70-Jährige. An Musikhochschulen und Konservatorien seien Deutsche aus Russland überdurchschnittlich vertreten. Bekanntestes Beispiel für eine erfolgreiche Musikerin sei die Schlagersängerin Helene Fischer. Die russlanddeutsche Fußballerin Renate Lingor habe alles gewonnen, was es in ihrer Sportart zu gewinnen gebe. „Wir sind stolz auf die Verleihung des Physik-Nobelpreises an Andre Geim“, so Fetsch. Der in Sotschi geborene Wissenschaftler sei ein Sohn deutscher Eltern. Viele Probleme Fetsch wies auf die Schwierigkeiten der Russlanddeutschen hin. Durch die verschärften Tests des Zuwanderungsgesetzes aus dem Jahr 2005 sei die Zahl der Spätaussiedler gesunken. Die Berufs- und Studienabschlüsse der Russlanddeutschen würden oft nicht anerkannt. „Viele Lehrer müssen als Putz- oder Kochhilfe arbeiten“, sagte Fetsch. Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR hätten bei der Eingliederung große Hürden zu nehmen, erklärte Jakob Fischer, Projektleiter der Wanderausstellung. „Für Russlanddeutsche ging ihre Heimat zweimal verloren.“ Das erste Mal sei 1941 geschehen, als sie unter Stalin wegen des Vorwurfs der Kollaboration mit Deutschland nach Sibirien, Kasachstan und in den Ural deportiert wurden. Der zweite Heimatverlust sei der Zusammenbruch der UdSSR gewesen. Neben Informationen war viel Musik an diesem Eröffnungsabend geboten. Jakob Fischer sang zur Musik vom Band volkstümliche Lieder. Eugenie Krause spielte auf ihrem Knopfakkordeon virtuos muntere und melancholische Lieder aus Russland und Ungarn. Dabei begleitete sie Hannes Natterer auf dem E-Bass. Sieben ältere Damen des Seniorentreffs im Thingers sangen deutsche und russische Volkslieder. Bei ihrem Auftritt sprühten sie vor Lebensfreude. Die Ausstellung können Besucher zu den Öffnungszeiten der Stadt Kempten, Rathausplatz 22, bis zum 30. November besichtigen.

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