Scharpf räumt Schreibtisch

Geschäftsführer der Körperbehinderte Allgäu geht in Ruhestand

+
Reinhold Scharpf (re.) war Geschäftsführer der Körperbehinderte Allgäu mit Leidenschaft. Nun tritt er in den Ruhestand. Dr. Michael Knauth, seit April 2016 Mitgeschäftsführer, wird zukünftig an der Spitze der gemeinnützigen Gesellschaft stehen. 

Kempten – Reinhold Scharpf, langjähriger Geschäftsführer der Körperbehinderte Allgäu gGmbH, die sich die Unterstützung von Menschen mit einer Körperbehinderung, Mehrfachbehinderung oder chronischen Erkrankung zur Aufgabe macht, gibt zum 31. Januar sein Amt auf und geht in Ruhestand.

Damit endet diese über 20-jährige Erfolgsgeschichte bei der gemeinnützigen Gesellschaft, zu der unter anderem das Astrid-Lindgren-Haus, der Kindergarten Schwalbennest, Wohnen für Erwachsene, Internat oder Kurzzeitpflege, ein Therapiezentrum und die Villa Viva gehören.

Die Körperbehinderte Allgäu, 1958 aus einer Elterninitiative entstanden, betreut mittlerweile mit 450 Mitarbeitern allgäuweit stationär und mobil 1300 Menschen unterschiedlichster Behinderung. Sie ist überregional bekannt und hat Modellcharakter für viele derartige Einrichtungen.

In einer zweistündigen Abschiedsfeier, von Lukas Kellner amüsant moderiert, im Allgäu ART Hotel – eines der großen Projekte, die Scharpf auf den Weg gebracht hat, und die im Laufe des Abends immer wieder als Synonym für seine Durchsetzungskraft und Weitsicht angeführt wurden – traten unter anderem OB Thomas Kiechle, Vertreter von Bundes- und Landesverbänden für Körper- und Mehrfachbehinderte, der Vorstand der Körperbehinderten Allgäu, sowie Vertreter der Eltern, an das Rednerpult, um die Verdienste des scheidenden Geschäftsführers zu würdigen. „Du hast so viel aufgebaut, das hätte sich nicht jeder getraut“, lautete eine Textzeile im Lied des Mitarbeiterchors, mit dem die Sängerinnen und Sänger ihrem Chef musikalisch danke sagten.

„Seit 40 Jahren hilfst du Menschen mit Behinderung und Mehrfachbehinderungen“, wandte sich Dr. Michael Knauth, Nachfolger im Amt, in einer bewegenden Rede an Scharpf. „Du trittst immer persönlich mit Menschen in Kontakt, kennst noch viele mit Namen, bleibst stehen und fragst was sie zu erzählen haben.“ Augenzwinkernd bemerkte er: „Deshalb kommst du auch manchmal zu spät“ und erntete dafür beim Publikum einen Lacher. 

Beharrlichkeit und eine katholische Prägung seien Grundlage seines Arbeitsethos, erfuhr Dr. Knauth einmal in einem Gespräch von Scharpf. Manches, was er seinerzeit übernommen habe, wurde von Scharpf weiterentwickelt, manches habe er angestoßen, Entwicklungen, zum Beispiel die Inklusion, wurden von ihm aktiv begleitet, und ganz vieles sei von Scharpf auf den Weg gebracht worden.

„Seit ich sie kenne, verbinde ich mit ihnen die Körperbehinderten Allgäu“, so OB Kiechle in seiner Laudatio. „Wer so lange mit Herz und Verstand, mit Liebe und Leidenschaft, dem Vertrauen auf einen guten Gott, gelebt und gewirkt hat, kann auf das Erreichte mit Stolz zurückblicken“, unterstrich Kemptens Rathauschef. Scharpf sei es gelungen, auf drängende Fragen die richtigen Antworten zu finden. Für alles sage er ihm Vergelt’s Gott. „Sie finden in mir jederzeit einen aufgeschlossenen Gesprächspartner, ich biete ihnen eine gute Zusammenarbeit an“, wandte sich dann Thomas Kiechle auch an Knauth.

Auch seitens der Verbände für Behinderte bleiben die Meilensteine, die Scharpf während seines Schaffens gesetzt hat, unvergessen, betonten Gernot Steinmann und Helga Kiel. Auf seine Erfahrung konnte man bauen. Zahlreiche Veranstaltungen fanden in der Allgäumetropole statt.

Die Zeit vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Scharpf ließ Josef Leicht (1. Vorstand Verein Körperbehinderte) noch einmal Revue passieren. Leicht schilderte schmunzelnd so manche Begebenheit aus gemeinsamen Reisen zu Veranstaltungen, vorwiegend mit der Bahn, bei denen ab und zu Hindernisse auftraten, die man zusammen – Leicht ist Rollstuhlfahrer – mit großer Gelassenheit bewältigte. Mit: „Ich bin mir sicher, mit Michael (Dr. Knauth) haben wir einen guten Nachfolger“, schloss er seine Ausführungen.

Zum ersten Mal mit Behindertenarbeit in Berührung kam Scharpf während seines Zivildienstes vor 40 Jahren. Damals betreute er eine Ferienfreizeit, an der zwei Menschen mit Behinderung teilnahmen. Deren Lebensfreude und menschliche Stärke beeindruckten ihn gleichermaßen und waren Initialzündung, beruflich auf diese Schiene zu gehen. Die Eltern als Basis zu haben und mit ihnen etwas entscheiden zu können, das habe sein Handeln bei der Körperbehinderte Allgäu geleitet, so Scharpf. Verantwortung zu übernehmen und Werte zu vermitteln, mache die Arbeit für Menschen mit Behinderung reicher. Er nahm seinen Abschied zum Anlass, um Verständnis zu bitten für Entscheidungen, die nicht von allen verstanden wurden, die er aber im Sinne der Behinderten traf. 

„Bleiben sie den Körperbehinderten Allgäu treu, es lohnt sich“, wandte sich der scheidende Geschäftsführer zum Schluss an die Zuhörer. Nun sei er gespannt, ob es ihm gelinge, richtig loslassen zu können. Er habe noch viele Ideen für die Zukunft und freue sich, mehr Freiraum für seine Hobbys zu bekommen. Erst einmal lautet aber das Nahziel Chile; dorthin wird er mit seiner Ehefrau Andejlka in Kürze fliegen, um die beiden erwachsenen Töchter zu treffen.

Für den Neu-Ruheständler beginne nun ein anderer Lebensabschnitt, die „Rentnerei“, beschrieb es Bewohner Melih in einem Gedicht. Nur Rente? Das trifft es nicht ganz. Denn Reinhold Scharpf wird noch einige Zeit die Geschäftsführung der von ihm initiierten Integrationsbetriebe Allgäu ART Hotel, Smart Motel und Cap-Markt Betzigau innehaben. „Damit die Entzugserscheinung nicht zu groß ist“, so Knauth. Und eventuell kommt auf Scharpf auch noch das eine oder andere Ehrenamt dazu, wie man an dem Abend erfuhr.

Hildegard Ulsperger

Auch interessant

Meistgelesen

Ausgelassene Stimmung und tolle Kostüme beim Tatü-Ball
Ausgelassene Stimmung und tolle Kostüme beim Tatü-Ball
Kemptener Faschingsumzug lockt auch am Sonntag Tausende in die Innenstadt
Kemptener Faschingsumzug lockt auch am Sonntag Tausende in die Innenstadt
Cem Özdemir zu Gast beim Grünen-Aschermittwoch in Sulzberg
Cem Özdemir zu Gast beim Grünen-Aschermittwoch in Sulzberg
Traditionelles Derblecken der Freien Wähler
Traditionelles Derblecken der Freien Wähler

Kommentare