"Es ist Leben, nicht Arbeit"

Abgelegen ist es wirklich. Das letzte Stück des Weges führt über einen steilen Schotterweg, der in eine hoch gelegene Waldlichtung mündet und den Blick auf ein wildromantisch eingewachsenes Anwesen frei gibt. Seit zwölf Jahren lebt hier Mathias Burghardt mit seiner Familie, deren nicht ganz alltägliches Leben mich zum „Seppenhof“ ins Kreuztal gelockt hat. Auf 850 Metern Höhe betreibt er als Schwerpunkt Mutterkuhhaltung – nur ein Teil seiner dreigeteilten, kontrastreichen Lebens- und Arbeitswelt. Daneben ist er mit seinem mobilen Masseur-Service unter anderem in verschiedenen Allgäuer Viersternehotels tätig. Und seit vier Jahren arbeitet er bedarfsweise in der Technik des Kemptener Theaters (TiK).

Lautes Gebell von Hund Sera kündigt mein Kommen an, das Zeichen für Mathias, seine Frau Gabriele und ihre beiden Kinder, die zwölfjährige Joke und ihren drei Jahre älteren Bruder Marian, den neugierigen Gast zu begrüßen. Hektik und Stress rücken schnell in weite Ferne. Hier ticken die Uhren anders. Idyll oder Entbehrungen? „Am Anfang ging es zum Teil an Grenzen“, erinnert sich Gabriele besonders an die Winter, als die Kinder noch klein waren. Da muss man nämlich ein gutes Stück zu Fuß gehen, um ins Auto steigen zu können und „die Kinder habe ich auf dem Schlitten mitgezogen“. Aber auch heute bedarf es „einer guten Planung“, um mit nurmehr einem Auto alles unter einen Hut zu bekommen, meint Mathias. Und das heißt neben privaten Interessen von vier Leuten auch die beruflichen Pflichten zu koordinieren, die bei Mathias mit Rinderzucht, mobilem Massage-Service und Mitarbeit am TiK, schon ziemlich umfangreich sind. Gabriele, ehemals Grafikdesignerin, leitet die Kunsthandwerkstatt in der Aktiven Schule in Kempten, wo auch die beiden Kinder den Unterricht besuchen. Die nächste Einkaufsmöglichkeit liegt elf Kilometer entfernt. Ganz unerfahren sind die Bewohner des Seppenhofs allerdings nicht. Aufgewachsen in einer „Betonsiedlung“ in Hannover hatte Mathias viele Orte Europas zu Fuß bereist, bevor er auf einer Alpe in der Schweiz anheuerte – bei der Alphirtin Gabriele, einer gebürtigen Radolfzellerin, seiner heutigen Frau. Nach drei Jahren kam Sohn Marian zur Welt, mit dem sie weitere drei Jahre auf der Alpe verbrachten. Bevor Joke das Licht der Welt erblickte, entschlossen sie sich eine neue Heimat im Allgäu zu finden. Rehe, Kühe, Pferde Sichtlich wohl fühlt sich ein prächtiger Eichelhäher auf Marians Arm. Seit einem guten Jahr wird der flugunfähige Vogel auf dem Seppenhof versorgt, nachdem er sich beim Sturz aus dem Nest den Flügel gebrochen hatte. Vor dem Rundgang über den Hof fordert Leya noch ihre Ration Milch. Seit Pfingsten ist das nun etwa drei Monate alte, verwaiste Rehkitz in der Familie und hat Joke als Mutterersatz auserkoren. „Da sich Leya von niemand anderem füttern lässt, muss der geplante Sommerurlaub dieses Jahr ausfallen“, nimmt Mathias es mehr oder weniger gelassen. Frisch gestärkt begleitet uns das Kitz munter hüpfend durch den riesigen Garten, vorbei an Hühnern und Enten, knabbert hier und da ein bisschen am üppig wachsenden Gemüse, streckt seine Nase interessiert in das Gewächshaus mit fast urwaldartig wuchernden alten Tomatensorten. Das kleine Reh scheint sich auch mit der Familie zu freuen, als Joke eine stattliche Karotte aus der Erde befördert, die sonst hier wohl eher etwas mickriger gedeihen. Nach einer Ausbildung zur Saatgutvermehrung für Hausgärten experimentiert der Hausherr gern, vor allem mit „altem“ Saatgut. Auf der Koppel oberhalb des Hauses galoppieren fünf Pferde heran. Zwei Fellponys gehören zum Haus, die drei Isländer sind Sommergäste. Unweit davon weist ein stabiler Holzunterstand auf das Winterquartier der Sommer wie Winter im Freilauf gehaltenen eigenen Rinder hin. Heuer sind es vier Mutterkühe mit ihren Kälbern und vier Kälber vom letzten Jahr. Zur Sommerweide geht es mit dem Auto zu einem hinter dem Hügel gelegenen Areal. Etwas leichter gebaut als normale Rinder, bewegen sich die „Hinterwälder“ auf ihren auch kürzeren Beinen mühelos auf dem steilen Gelände. Durch ihr langsameres Wachstum „geben sie qualitativ hochwertiges Fleisch“, erläutert Mathias eine Einnahmequelle. Für seine Rinder, Wurst, Fleisch und auch das einmal pro Jahr geerntete Heu ist der Seppenhof als anerkannter Biohof zertifiziert. Eine Sonderstellung nimmt der Ochse Lanzelot ein, das Ergebnis einer etwas frühreifen Paarung. Zusammen mit dem Tierarzt hatte Mathias das Kalb auf der Weide per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Nun ist es zu einer Art „Maskottchen des Hauses“ avanciert, was ihm ein längeres Leben als die 18 Monate seiner Kollegen bescheren wird. Auf der Nachbarweide grasen 13 Pensionsrinder, ein willkommenes Zubrot während der Sommermonate. Kreativ organisieren „Zu tun gibt es hier eigentlich immer etwas“ meint Gabriele. Wie die anderen Familienmitglieder auch, betrachtet sie es aber nicht so sehr als „Arbeit, sondern eher Leben“. Inzwischen ist es Mittagszeit. Während Mathias sich umzieht, führt Marian sein Didgeridoo vor, das er aus dem Stengel einer gigantischen Engelwurz gemacht hat. Dann geht es in eines von mehreren Viersternehotels, in denen Mathias einem ganz anderen Broterwerb nachgeht. In der Schweiz zum Medizinischen Masseur ausgebildet, hatte er schon lange die Idee für einen mobilen Massageservice gehabt. Nach schwacher Resonanz auf Annoncen und in Firmen, hatte er bei den besseren Hotels in der Umgebung mehr Glück, die darin einen Hausservice für ihre Gäste erkannten. „Anfangs allerdings unter katastrophalen Bedingungen“, fällt ihm beispielsweise „ein kleines Eck neben einem Heizungskeller“ als Arbeitsplatz ein. Dass der Wellness-Boom da manches verändert hat, zeigt sich bei seinem Termin in einem Buchenberger Hotel mit edlem Wellnessbereich. Mundpropaganda hat auch den Kreis an Privatklientel für Fuß- und klassische Massagen, Lymphdrainagen und Co. erweitert, erzählt er von seinem zweiten Standbein. Ein Abstecher nach Kempten ins TiK offenbart eine wiederum ganz andere Arbeitswelt, die sich um die Maschinerie von Beleuchtung, Bühnenbildern, Kulissenvorhängen bis zum Auf- und Abbau von Bühnenbildern dreht. Noch sind allerdings auch im Theater Ferien, eine gute Gelegenheit die unterschiedlichen Tätigkeiten näher zu begutachten. Viele interessante Stars hat er hier schon getroffen, „die meisten nett und unkompliziert“. Was man hier haben muss, „ist der Hang zum Theater und zu unkonventionellen Arbeitszeiten“, gesteht er, dass letzteres „in der Familie manchmal auch problematisch ist“. Zum Beispiel wenn es oft spät wird, viel hin und her gefahren werden muss und dadurch kein gemeinsames Essen mehr stattfindet. Aber letztendlich „ist man kreativ um alles zu organisieren“, verabschiedet er sich wieder auf den „Seppenhof“.

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