Lebensmittel retten: Ein Jahr Foodsaver Allgäu

Bericht aus meinem Einkaufsbeutel

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Die Autos der Foodsaver sind jeden Tag bis oben hin gefüllt mit Lebensmittel, die noch gut verwendet werden können. 

Montag, kurz nach vier. In der Kreisboten-Redaktion ist die Mittwochsausgabe längst im Druck, alle beschäftigen sich bereits mit der Planung für die Online-Artikel und die Samstagsausgabe. Trotzdem ist es jetzt Zeit für mich, den Stift kurz zur Seite zu legen und rüber in die Herbststraße zu springen. Einmal kurz den Kopf durchlüften lassen und bei der Gelegenheit schauen, was es Leckeres im Foodsaver-Laden gibt.

Die Hygienemaßnahmen verlangen, kurz vor der Tür zu warten, damit nicht zu viele Leute gleichzeitig im Laden sind. Maske auf und dann heißt es an der Theke: „Was darf´s denn diesmal sein?“ Meine Ausbeute heute: Zwei Körnersemmeln, eine Gurke, ein Becher Naturjoghurt, ein glasierter Donut, ein paar Weintrauben und ein Käsesandwich, das mir gleich als Abendessen dient. Dass es schon wieder ein Donut in meine Auswahl geschafft hat, quittiert die Foodsaver-Mitarbeiterin mit einem Grinsen, das ich trotz des Mund-Nasen-Schutzes erkenne. Klar, die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen haben sich viele der öfter auftauchenden Gesichter und dazugehörige Essensvorlieben inzwischen gemerkt – und der Donut landet zugegebenermaßen äußerst regelmäßig in meinem Einkaufsbeutel.
Ich komme seit fast einem Jahr ein- bis zweimal pro Woche in den Laden der Foodsaver Allgäu und bin damit eines der Mitglieder, die früh „eingestiegen“ sind. Denn der Foodsaver-Allgäu-Laden feiert heute seinen ersten Geburtstag. Ein Jahr, in dem ich jede Woche ganz einfach Lebensmittel vor dem Müll gerettet habe.
In diesem Jahr habe ich einiges gelernt: Ich habe gesehen, wie viel das ist, was jeden Tag an noch brauchbaren Lebensmitteln weggeworfen wird; welch schiere Mengen an frischem Brot, Kuchen und Gemüse es zwar in den Bäckerladen oder den Supermarkt, aber nicht in einen Einkaufswagen geschafft haben. Das Bundesernährungsministerium sagt, dass es in Deutschland rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr sind, die teils vom Verbraucher, aber auch vom Händler oder Produzenten entsorgt werden – auch in den Kemptener Supermärkten und Bäckereien bleibt zum Ladenschluss genug übrig, um den Foodsaver-Laden jeden Tag neu zu bestücken.
Ich habe auch gelernt, wie unproblematisch es ist, Gemüse mit Schönheitsfehlern und Obst mit angestoßenen Stellen vor dem Essen auszuschneiden, anstatt nach den schönsten und poliertesten Stücken zu greifen.
Ich habe vor allem auch gelernt, was ich mit altem Brot anstellen kann, wenn ich eine Semmel zu viel eingepackt habe. Denn auch bei mir zuhause soll nichts Essbares im Müll landen. Eine perfekte Gelegenheit für „Pseudo“-Knödel, ein Gericht, das ich im vergangenen Jahr häufig gegessen habe: Die Semmeln mit kleingeschnittenem Gemüse – alles, was gerade noch weg muss – zu einem Semmelknödelteig verarbeiten. Je nach Vorliebe heißt es: ab in den Ofen oder Kochtopf. Dazu gibt es ein schnelles Tsatsiki aus Gurke und dem Joghurt oder bei anderer Gelegenheit einen Salat aus weiteren Resten. Damit haben meine beiden Körnersemmeln eine viel bessere Verwendung gefunden, als im Müll zu verrotten – und den glasierten Donut habe ich mir zum Nachtisch verdient. 

Info:

Am 7. Oktober 2019 haben Solveijg Lilie-Brutscher und Samy Siebert den Laden der Initiative „Foodsaver Allgäu“ erstmals geöffnet. Jeden Tag sammeln sie mit einigen weiteren ehrenamtlichen Helfern Lebensmittel ein, die zu gut für die Mülltonne sind, und bieten diese in ihrem Laden in der Herbststraße an. Wer Mitglied und Unterstützer ist (Monatsbeitrag 10 Euro), darf sich dort bedienen – und findet eine stetig wechselnde Auswahl an Brot, Obst und Gemüse und Kühlwaren. Wer sich dafür interessiert, findet Infos im Internet auf der Seite www.foodsaverallgäu.de oder kann werktags zwischen 16 und 18 in der Herbsstraße 22 vorbeischauen.

ma

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