Lebensperspektive ist das beste Mittel

Fachleute unter sich: Dr. Paul Wengert (4.v.l.) diskutiert unter anderem mit Schulrat Hans Fasser (2.v.r.) und Thomas Baier-Regnery vom Amt für Jugendarbeit (rechts). Foto: Kampfrath

Halbwüchsige sorgen häufig im Zusammenhang mit Alkohol für negative Schlagzeilen. Jedes Jahr landen in Deutschland rund 26 000 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus. Am vergangenen Freitag diskutierten im Kemptener Stadtjugendring Experten am runden Tisch darüber, wie sie Jugendliche besser vor einem übermäßigen Konsum schützen können.

Zu der Veranstaltung hatte der SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Paul Wengert eingeladen. Zusammen mit seiner Landtagskollegin Sabine Dittmar befindet er sich momentan auf einer Regionaltour zum Thema Gesundheit. „Die SPD hat zwei Gesetzesentwürfe zur Prävention eingebracht“, sagte Wengert. Dazu gehörten das nächtliche Alkoholverkaufsverbot an Tankstellen und Kiosken sowie das Verbot von Preisgestaltungen, die den Alkoholkonsum fördern. Der Politiker räumte ein, manchmal selbst ein schlechtes Vorbild zu sein. „Jeder Bieranstich ist schon ein Teil der Imagekampagne für Alkohol.“ Sabine Dittmar verdeutlichte, dass Todesfälle bei legalen Suchtmitteln siebenmal häufiger sind als bei illegalen. „Neben aller Prävention brauchen wir angesichts des exzessiven Alkoholkonsums auch ordnungspolitische Maßnahmen“, forderte die Ärztin. Sie lobte den Erfolg des Projekts „Halt“, das Jugendliche vor dem Abrutschen in eine Alkoholsucht schützen soll. Dittmar sprach sich für eine Abschaffung der Meldepflicht ans Jugendamt aus, wenn Jugendliche wegen übermäßigen Alkoholkonsums ins Krankenhaus eingeliefert werden. „Ich sehe das restriktiv. Oft sind es alkoholisierte Freunde, die den Betrunkenen in eine Klinik bringen. Da es einen Eintrag in eine Akte gibt, haben die Jugendlichen Angst und holen die medizinische Hilfe eventuell zu spät.“ Problem Abschlussfeier Für eine Beibehaltung der Meldepflicht plädierte hingegen Thomas Baier-Regnery vom Kemptener Amt für Jugendarbeit. Er habe damit gute Erfahrungen gesammelt. „Als im Jahr 2004 Alkopops beliebt wurden, war dies ein großes Problem. Deswegen starteten wir ‚leben statt schweben’.“ Ziel dieser Kampagne sei es, einen bewussten Umgang von Jugendlichen mit Alkohol zu fördern. Das Interesse der Eltern am Tun ihrer Kinder müsse gegeben sein. „Wir schaffen einen anderen Rahmen für Schulabschlussfeiern und begleiten sie, damit sie nicht aus den Fugen geraten“, meinte Baier-Regnery. Denn das Problem sei, dass nicht nur Jugendliche aus Kempten, sondern auch aus dem gesamten Oberallgäu zu diesen Festen kämen. „Es ist aber noch ein Thema, wie in Dörfern mit Festivitäten umgegangen wird.“ Für Johann Fasser vom Staatlichen Schulamt Immenstadt sah dies etwas anders: „Das Problem sind nicht die, die sich einmal bei einer Abschlussfeier betrinken, sondern die, die regelmäßig konsumieren.“ An Schulen werde die Problematik nicht evident, da der Alkoholkonsum am Nachtmittag und Abend stattfinde. Die Schulleitungen wünschten sich aber, darüber Bescheid zu wissen. „Wenn die Jugendlichen Lebensperspektiven entwickeln, ist ihre Anfälligkeit für Alkoholismus geringer“, betonte Fasser. „Wir brauchen Ganztagsschulen und andere attraktive Angebote.“ Gymnasiasten betroffen Auch Guido Seltmann vom Jugendamt des Landkreises Oberallgäu möchte, dass sich die Bedingungen für Jugendliche im Freizeitbereich verbessern. „Das kommunale Angebot muss attraktiv gestaltet sein. Es kann nicht sein, dass Jugendhäuser am Wochenende schon um 21 Uhr schließen.“ Das „Halt-Projekt“ gebe es momentan im Oberallgäu nicht, da die personellen Ressourcen fehlten. Eltern würden sich oft schämen, wenn sie wegen ihrer Kinder zur Beratung müssten, seien dann aber hinterher dankbar. Seltmann warnte davor, dass bei der Suchtbekämpfung medizinsicher und psychisch sozialer Teil nicht miteinander, sondern nebeneinander laufen. Gymnasiasten stünden beim Alkoholkonsum an oberster Stelle, da sie mehr Stress hätten als andere Schüler und ihn so reduzieren wollten. „Im gewerblichen Raum wird nicht gesoffen, sondern bei Vereinsfesten unter dem Vorwand der Brauchtumspflege“, so Seltmann. Das bestätigte Dr. Oliver Götz, Facharzt für Kinder und Jugendlichen am Klinikum Kempten. „Wir hatten noch nie Jugendliche, die aus Gaststätten zu uns gebracht wurden.“ Der Knackpunkt sei, dass man Generationen heranwachsen sieht, für die der regelmäßige Konsum harter Alkoholika zur Normalität geworden ist. „Miteinander vernetzt an der Basis müssen wir an die Breite gehen“, verdeutlichte Facharzt Oliver Götz.

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