Das Lernen wird wichtiger denn je

Chancen und Risiken für Frauen in der digitalen Arbeitswelt

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Frauen diskutieren über den digitalen Wandel in der Arbeitswelt (v.l.): Katharina Simon, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Kempten und Leiterin der Servicestelle Frau und Beruf, Dr. Julia König, Data Scientist und CEO der Ehrenmüller GmbH, sowie Patricia Mühlebach und Sabine Kohl, die beiden Ansprechpartnerinnen in der Servicestelle Frau und Beruf).

Kempten – „Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt betrifft besonders Frauen“, sagte Katharina Simon, Geschäftsleiterin der Servicestelle Frau und Beruf Kempten und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Sie hatte zum Informationstag „Frau. Beruf. Digitalisierung.“ ins Allgäu Digital geladen. Sobald Frauen eine „Auszeit“ nehmen für die Erziehung der Kinder oder Pflege von Angehörigen, sei das in Wirklichkeit keine Auszeit, weil sie ihre Arbeitskraft voll einsetzten. Dadurch würden Fachkräfte fehlen. Den Frauen wiederum fehlen später Rentenansprüche wegen der beruflichen Ausfallzeiten

Katharina Simon erinnerte an frühere industriellen Revolutionen und damalige Frauenbilder. Die Digitalisierung, die industrielle Revolution der heutigen Zeit, sollte bewusst gestaltet werden, damit Frauen davon profitieren. Es sollte eine Humanisierung der digitalen Arbeitswelt stattfinden, durch bessere Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Familienaufgaben. 

Typische Männer- und Frauenberufe unterscheiden sich in den Arbeitsbedingungen, der Entlohnung, den Aufstiegschancen und der sozialen Absicherung in der Erwerbsphase und im Alter. 

Laut einer Studie von Hausmann und Kleinert im Jahr 2014 habe sich daran in den letzten 50 Jahren wenig geändert. Besonders betroffen von der Digitalisierung seien „Frauenberufe“ in der Tourismusbranche, in Hotels und Restaurants. Aber auch in Labors, der Chemieindustrie, Bü- roorganisation, Bank und Finanzdienstleistungen, im Öffentlichen Dienst und Reinigungskräfte im Einzelhandel. 

In Leipzig etwa habe das erste Hotel eröffnet, das komplett ohne Personal auskommt: Buchung online, Einchecken am Buchungsautomaten, Zimmerservice im klassischen Sinne gibt es nicht. Für Fragen steht ein Hotelmitarbeiter per Videoleitung zur Verfügung. 

Ziel dieses Konzepts ist, dem Hotelgast durch geringere Personalkosten Luxus zum kleineren Preis bieten zu können – auf Kosten der MitarbeiterInnen im Hotelfach. Allerdings bestünden in sozialen Berufen auch Chancen. Tätigkeiten mit Personenbezug gelten als resistent gegen digitale Rationalisierungen, weil sie schwer durch Technologie ersetzbar seien. 

Die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitsprozesse verschlechtere allerdings die Chancen von Frauen, was Gehälter und Karriere angehe. Dies zeigten Daten des Statistischen Bundesamtes und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. 

Nach einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung von 2015 stiegen die durchschnittlichen Bruttolöhne in der Chemie-, Auto- und Elektroindustrie um ca. sechs Euro pro Stunde, während im Gastgewerbe, in Tätigkeiten in privaten Haushalten, in der Erziehung und im Gesundheits- und Sozialwesen die Löhne nur um 1,10 Euro stiegen. 

Die bayerische Arbeitsstaatssekretärin Carolina Trauter sprach über den digitalen Wandel in der Arbeitswelt. Frauen sollten unbedingt zu den Mitgestalterinnen dieses Wandels gehören, betonte sie. Sie freut sich besonders, dass Ministerpräsident Markus Söder 2018 eine Frau, Judith Gerlach, zur bayerischen Staatsministerin für Digitales ernannt hat. 

Dr. Florian Blank von der Hans-Böckler-Stiftung fordert die Anerkennung von Sorgetätigkeiten als elementaren Bestandteil der Wirtschaftsleistung mit fairer Entlohnung. Neue Chancen für Gleichberechtigung von Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt könne die digitalen Arbeitswelt mit Homeoffice bieten. Hier könnten Frauen Beruf und Hausarbeit besser kombinieren. Studien belegen aber, dass auch hier Frauen häufiger Karrierenachteile haben als Männer. Bei vergleichbarer Arbeitsleistung werde ihnen häufig ein geringeres Arbeitsengagement unterstellt. Selbstbestimmte Arbeitszeiten seien für Frauen, anders als für Männer, nicht mit Einkommenszuwächsen verbunden. 

Abgetrennt von der Entwicklung

Eine weitere Gefahr sei die Zusatzbelastung durch ständige Erreichbarkeit. Weiter steigende Verfügbarkeitserwartungen verschlechtern aber die Chancen für Frauen. Qualifizierung sei immer eine Chance. Frauen würden aber in der betrieblichen Weiterbildung immer noch benachteiligt, vor allem aufgrund ihrer unterbrochenen Erwerbstätigkeit: Durch längere familiäre Abwesenheit werden Frauen von der digitalen Entwicklung abgetrennt. Aber gerade diese familiären Auszeiten seien gut für Online-Weiterbildungen geeignet. Flexibles Arbeiten sei heute immer noch ein Privileg ausgewählter Beschäftigungsgruppen, vornehmlich Führungspersonen. 

Ein Fazit der Böckler-Stiftung: „Es ist durchaus zu erwarten, dass die Digitalisierung ambivalente Folgen haben wird und sowohl Chancen als auch Risiken birgt.“ Der Deutsche Frauenrat fordert von der Politik und den Unternehmen eine Teilhabe an guter Erwerbsarbeit zu ermöglichen, das heißt, die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen und ihre Risiken zu minimieren. 

Es folgte eine Diskussionsrunde „Digitalisierung ist unsere Chance – aber auch unser großes Risiko.“ Auf dem Podium das Team der Servicestelle Frau und Beruf, Patricia Mühlebach und Sabine Kohl, sowie Dr. Julia König, Data Scientist und CEO der Ehrenmüller GmbH. Die aus Österreich stammende Dr. Julia König ist in ihrem Berufszweig eine große Ausnahme als Frau. Ihre Vita ist gespickt mit Ausdrücken, die ein „normaler“ Mensch kaum verstehen kann, so auch Katharina Simon in ihrer Einführung. An der TU Hamburg hat König mit Auszeichnung promoviert. Sie erzählt eine Anekdote von ihrer Ausbildung, die auf einem Missverständnis beruhte: Ihre Eltern, einfache Leute, die selbst nicht studiert hatten, dachten immer, „Mathe“ sei ein „Frauending“. Warum das? Ihre Mathelehrerin, die sie auch immer sehr gefördert hatte, war eine Frau. So dachten die Eltern, Mathematik sei etwas für Frauen und die Berufswahl ihrer Tochter ein typischer Frauenberuf. „Es ist ganz wichtig, Vorbilder zu haben“, sagt König. Heute berät sie Unternehmen, wie sie ihre Software besser einsetzen können. Ja, es sei klar, dass durch die Digitalisierung bestimmte Tätigkeiten wegfallen, aber es gäbe auch neue Tätigkeiten. 

Patricia Mühlebach berät Frauen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben. Sie berichtete davon, dass Frauen nach einer gewissen Auszeit Angst davor hätten, den Anschluss nicht mehr zu finden. Mühlebach will ihnen Mut machen und ihnen ihr Selbstvertrauen zurückgeben. Sie sagt: „Frauen können Kinder erziehen, Häuser bauen, Männern den Rücken stärken. Dann können sie auch wieder zurück ins Arbeitsleben. Digitalisierung ist kein Hexenwerk. Andere kochen auch nur mit Wasser.“ 

Sabine Kohl berät Frauen bei der Existenzgründung. Sie hat ebenfalls damit zu tun, dass Frauen sich nicht genügend zutrauen. Sie ermutigt Frauen, zu lernen, was ihnen noch fehlt, um dann gestärkt in die Selbstständigkeit zu gehen. Sie betont, wie wichtig es ist, dass Frauen lernen, Wertschätzung für sich selbst zu empfinden. 

Nach der Mittagspause gaben zwei Frauen einen Blick aus der Perspektive der Arbeitgeber. Die Firma Kößler Technologie GmbH, ein Metallbauunternehmen aus Babenhausen, konzipiert und produziert komplexe Präzisionsteile und Baugruppen für die Industriezweige Automotive und mobile Hydraulik. Die Leiterin der Personalabteilung Stephanie Sprick und Anna-Maria Wassermann, Leiterin des Geschäftsprozessmanagement sprachen über die Herausforderung der Digitalisierung, den Wandel von Anforderungen an Unternehmen und MitarbeiterInnen in der Praxis. Ungewöhnlich in der Branche ist die Mitarbeiterentwicklung in dieser Firma. Seit 2014 ist der Frauenanteil hier höher als der Männer. Frauen in Führungspositionen sind immerhin bei 21 Prozent, wobei sogar auf der zweiten Ebene nach dem Geschäftsführer drei Frauen auf einen Mann treffen. Die Firma Kößler ist stolz auf ihre Frauenförderung: Es gibt eine Gleichstellung von Lohn und Gehalt, eine Unterstützung bei der Rückkehr aus der Elternzeit und immer ein Muttertagsgeschenk. Im Gegensatz zu früheren starren Arbeitszeitmodellen setzen sie heute auf flexible Arbeitszeitregelungen wie Gleitzeit, Job-Sharing, Brückenteilzeit und Elternzeit. 30 Tage Urlaubszeit sei eine Selbstverständlichkeit. Ebenso selbstverständlich sei, dass Ruhe- und Erholungsphasen wichtig seien und Leistung förderten. Im Gegensatz zu früher habe sich die hohe Anzahl von digitalen Arbeitsmitteln verändert, sowie die Veränderung der Kommunikation. Dokumente in Büro und Produktion sind mittlerweile digitalisiert. Auch mobiles Arbeiten sei möglich: Laptop, Smartphones, Tablets und Homeoffice. Gewissen Tätigkeiten und Positionen erfordern allerdings die Anwesenheit im Unternehmen. Dies betreffe vor allem Führungspositionen.

Chancen der Digitalisierung sehen die Führungsfrauen der Fa. Kößler in der größeren Kapazität für anspruchsvolle Aufgaben, bedeutende Wettbewerbsvorteile, steigende Flexibilität und Agilität, mehr Freiräume und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Risiken seien Wegrationalisierung einfacher Tätigkeiten, Verlust zwischenmenschlicher Beziehungen und Mitarbeiterüberlastung. 

„Digitalisierung wird die Berufswelt im Allgäu verändern“, darüber berichtete Christine Fromm, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Agentur für Arbeit Kempten und Memmingen aus der Perspektive des Arbeitsmarkts. 

Warum gibt es immer mehr Frauen in MINT-Berufen (MINT ist die Abkürzung für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik)? Ihre Antwort: Es gebe einen strukturellen Wandel an den Arbeitsplätzen. Allerdings habe sich durch die Digitalisierung die Gesamtzahl der Arbeitsplätze kaum verändert. Selbst in Berufen mit hohem Substituierungspotenzial wie Fertigungs- und Fertigungstechnische Berufe und unternehmensbezogene Dienstleistungsberufe habe es in jüngster Vergangenheit noch ein Beschäftigungsplus gegeben. Besonders betroffen von der Digitalisierung im Arbeitsleben seien Geringqualifizierte, Fachkräfte, Nicht Erwerbstätige und Menschen mit langer Unterbrechung in der Erwerbsbiographie. Die Agentur für Arbeit unterstützt die Digitale Transformation in der Weiterbildung für Beschäftigte, für Arbeitgeber und für Arbeitslose. 

Fazit: Digitalisierung ist eine Chance, Qualifizierung und Bildung voranzutreiben, auch für Leute, die nicht im Arbeitsleben stehen. Für Menschen im Allgäu, die eine Fortbildungsstätte nicht so leicht erreichen können, ist Digitalisierung eine Möglichkeit, trotzdem an einer Fortbildung teilzunehmen, zum Beispiel durch Webinare. 

In der abschließenden Frage- und Diskussionsrunde meldete sich auch ein Mann zu Wort. Er regte an, bei so einem Aktionstag doch auch einmal die Männer einzuladen. Eine gute Idee, fanden auch viele Frauen.

Uschi Ostermeier-Sitkowski

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