Kemptner Berufsschule jetzt 4.0

BS I unterrichtet an einem Lernmodul für vernetzte Produktion

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Kempten – „In diesem Unterricht sind Smartphones erlaubt“, sagt Schulleiter Hanns Deniffel und meint die Arbeit am neuen Lernmodul 4.0. Hier sollen die Schüler sogar ihre Handys benutzen.

Die zwei komplexen Anlagen, die seit Juni in einem Klassenraum an der BSI stehen, sind mit Markern ausgestattet. Diese erkennt das Handy und verbindet sie mit einer Homepage. Hier können die Mechatronik- und Elektronik-Auszubildenden Schaltpläne der Anlage finden. Aber nicht nur das: Auf dem Bildschirm sehen die Schüler über dem Kamera-Abbild der Maschine eingeblendete Infopunkte, die sie anklicken können. So gelangen sie an weitere Informationen zu den jeweiligen Bauteilen. „Augmented reality“ heißt das.

„Wir wollen die digitalen Welten miteinander vernetzen“, sagt der Abteilungsleiter Elektrotechnik der BS1 Thomas Barmetler. Deshalb nutzen er und das Lehrerteam gezielt Smartphones, Handys, das Internet und auch die industrielle Seite der Vernetzung. Denn genau diese sollen die Schüler kennenlernen.

Die vierte Industrielle Revolution hat längst begonnen. In machen Unternehmen stehen bereits Anlagen wie die der Berufsschule. Während früher an den Produktionsstraßen nur identische Bauteile gefertigt werden konnten, ist es heute möglich, auch Einzelstücke ohne großen Aufwand herzustellen. Dazu werden den Werkstücken Chips eingepflanzt. Auf ihnen ist gespeichert, wie das Stück aussehen soll und welche Produktions-Stationen dafür angefahren werden müssen. Jederzeit kann nachvollzogen werden, wo sich das Stück befindet. Im Unterricht lernen die Schüler, wie sie solche Produktionsstraßen programmieren können.

Die Werkstücke im Klassenzimmer sind Handyschalen, die sich auf einem Förderband von Station zu Station bewegen und dort gedreht werden. Die Auszubildenden programmieren zum Beispiel die Steuerungen, welche die Sensoren einlesen. Diese stellen dann fest, ob ein Teil angekommen ist und ob es die richtige Temperatur hat.

Das kommt an bei den Schülern. „Gerade die Visualisierung gefällt ihnen“, sagt Barmetler. Aber die Technik sei komplex und die Auszubildenden bräuchten schon Unterstützung, fügt er an. Deshalb versuchen die Lehrer, die Inhalte, die ihre Schützlinge im Selbststudium lernen können, auszulagern. Auf einer eigenen Homepage stellen sie dafür Erklärvideos, Übungen und Selbsttests zur Verfügung. Im Unterricht haben sie dann Zeit für die Probleme der Schüler und die Arbeit am Modul. Auch Lehrer und Schüler anderer Bildungseinrichtungen können auf das Material zugreifen.

„Pilotschule Wirtschaft 4.0“ darf sich die BSI nun nennen. Der Titel beschert ihr rund 110.000 Euro staatliche Fördergelder für ein weiteres Lernmodul. Und auch der Zweckverband „Berufliches Schulzentrum Kempten“ wird gute 110.000 Euro beisteuern. Herzlich bedankte sich Schulleiter Deniffel bei der offiziellen Übergabe am Mittwoch bei Verwaltungsrat Armin Ländle für die Unterstützung. „Aus dem regulären Haushalt könnten wir solche Mittel nicht aufbringen“, sagte er.

Und auch Barmetler freut sich. „Wenn das zweite Lernmodul da ist, können wir einen wirklichen Produktionsablauf aufbauen“, sagt er. Da auch die Kaufmänner eines Unternehmens über spezielle Software auf die Maschinen zugreifen können, um zu wissen, ob sie demnächst Kapazitäten für einen neuen Auftrag hat, ist auch die kaufmännische Berufsschule II an den Lernmodulen beteiligt. Barmetler kann sich aber auch vorstellen, die „IT-ler“ miteinzubinden, um die Netzwerksicherheit zu verbessern und um zu verhindern, dass Hacker auf die Systeme zugreifen können.

"Mutig und visionär"

Schon vor drei Jahren haben sich die Lehrer der BSI Gedanken darüber gemacht, wie sie dem Thema Digitalisierung künftig gerecht werden können und haben einen Antrag auf Fördergeld gestellt, erklärt Alexander Bickel, Vertriebsleiter bei Festo Didactic SE, die das Lernmodul hergestellt hat. „Dabei war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar, dass die Vernetzung so ein großes Thema wird.“ Die BSI ist die erste Schule in Bayern, die eine solche Anlage besitzt. Mittlerweile hat das Lehrerteam bereits eine Fortbildung für Kollegen aus dem ganzen Bundesland gegeben und erstellt Unterrichtsmaterialien für eine Handreichung. Und dass die Schule diese Vorreiterrolle einnimmt, freut auch die hiesige Industrie, schließlich bekommt sie Fachkräfte, die gut auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet sind.

Susanne Kustermann

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