Ein Leser schreibt...

Leserbrief zur Kemptener Seilbahn

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Kempten -  In einem Leserbrief schrieb Dieter Schade, Baudirektor a.D zum Artikel "Seilbahn noch im Schwebezustand" im Kreisboten am 11. Mai das Folgende.

„Als Mitglied der Altstadtfreunde liegt mir die Bewahrung der Unverwechselbarkeit des historischen Stadtbilds am Herzen. Deshalb kann ich mich mit dem Projekt ‚Stadtseilbahn für Kempten‘ nicht anfreunden. Maßstab für die Beurteilung von baulichen Anlagen ist u.a. die Gestaltungsverordnung. Sie gibt vor, dass neue Bauwerke nicht über die vorhandene Bebauung herausragen sollen, um nicht das historische Erscheinungsbild der Stadt nachhaltig zu beeinflussen. Die sehr hohen, die vorhandene Bebauung deutlich überragenden Seilbahnmasten und Ein- und Ausgangsbauwerke zur Stadtseilbahn stören die Stadtsilhouette der Altstadt und Stiftsstadt. 

Die für das Stadtbild Kemptens charakteristischen Landschaftselemente, wie Burghalde und Lindenberg, erleiden optische Einbußen. Die alles überspannenden Leitungen lassen sich nicht mit der Homogenität der gewachsenen Stadtstrukturen in Einklang bringen. Die Stadtseilbahn mit ihren Bauwerken und beweglichen Anlagen wirkt dominierend und wird Kempten aufdringlich ihren Stempel aufdrücken. Die Bindung der Verwaltung an diese Verordnung und die Absicht des Stadtrates, auf dieser Grundlage das Stadtbild positiv zu gestalten, sind gleichzeitig eine Aufforderung an die Bürger der Stadt, an dieser Aufgabe unmittelbar mitzuwirken (s. Stadtratsbeschluss zur Gestaltungsverordnung). 

Aus diesem Grund habe ich der Stadt eine Stellungnahme zugesandt mit dem Vorschlag, anstelle der Stadtseilbahn die im Mobilitätskonzept 2030 aufgezeigten Maßnahmen zur Lösung der bestehenden Nahverkehrsprobleme umzusetzen.“ 

Die vollständige baufachliche Stellungnahme von Schade lesen Sie hier:

1. Allgemeines
Diese Stellungnahme zum Projekt 'Stadtseilbahn für Kempten' beschränkt sich ausschließlich auf die Beurteilung des städtebaulichen Aspekts. Weitere Kriterien bleiben unberücksichtigt. 

2. Grundlagen
2.1 Landesentwicklungsprogramm Bayern (LEP) vom 01.03.2018, Abs. 8.4.1: Schutz des kulturellen Erbes Die heimischen Bau- und Kulturdenkmäler sollen in ihrer historischen ... Vielfalt geschützt ... werden. Historische Innenstädte ... sollen unter Wahrung ihrer denkmalwürdigen oder ortsbildprägenden Baukultur erhalten ... werden (ist im LEP schlecht formuliert; richtig wäre '... erhalten bleiben ...'). 

2.2.Gestaltungsverordnung
 vom 22.12.1976, geändert im März 2001 und Beschluss des Stadtrats vom 11.11.1976 sowie weitere Fortschreibungen - Ziel ist, das einheitlich ausgeprägte unverwechselbar charakteristische Erscheinungsbild in den historischen Bereichen der Stadt zu erhalten. 

- § 5 Gebäudehöhen
 Neue Bauwerke sollen nicht über die vorhandene Bebauung herausragen (Erstfassung 1976). Das neue Bauwerk hat sich an den Nachbarhäusern links und rechts zu orientieren (Fassung 2001). Damit soll vermieden werden, dass die Silhouettenwirkung des historischen Erscheinungsbildes der Stadt nachteilig beeinflusst wird. 

- § 10 Freileitungen
 ... Freileitungen, Masten und Unterstützungen für ... Leitungen sind so anzubringen, dass sie das Orts-, Straßen- und Landschaftsbild nicht nachteilig beeinflussen. 

2.3 Aufgaben und Ziele der Freunde der Altstadt Kemptens e.V.
 Bewahrung der Unverwechselbarkeit des historischen Stadtbildes. 

3. Wertung 

3.1 Zu 2.1
In Ermanglung einer Rahmenplanung , in der das Projekt Stadtseilbahn behandelt ist, kann als Maßstab für die Zulässigkeit z.Zt. nur das LEP herangezogen werden. Das Projekt Stadtseilbahn ist mit den Vorgaben des LEP nicht vereinbar. 

3.2 Zu 2.2
Stadtgestaltende Überlegungen sind notwendig, wenn bedeutende Veränderungen (wie das Projekt Stadtseilbahn) auf die historischen Bereiche der Altstadt und Stiftsstadt Kemptens einwirken. Die in den 70-er Jahren durchgeführten und in 'Stadtbild und Stadtlandschaft' niedergelegten Grundlagen und Erkenntnisse haben ihren Niederschlag gefunden in der Gestaltungsverordnung und den ergänzenden Stadtratsbeschlüssen. Sie sind von zeitloser Bedeutung und mit zwischenzeitlich vom Stadtrat beschlossenen Änderungen heute noch gültig. Die Verordnung wurde zum Schutz des Stadtbildes erlassen. Der damalige Stadtratsbeschluss betont, dass die Aussagen der Verordnung auch Richtschnur für Einzelplanungen der Stadt als Bauherrin sind. Weiterhin heißt es: Die Bindung der Verwaltung an diese Verordnung und die Absicht des Stadtrates, auf dieser Grundlage das Stadtbild positiv zu gestalten, sind gleichzeitig eine Aufforderung an die Bürger der Stadt, an dieser Aufgabe unmittelbar mitzuwirken. Die sehr hohen, die vorhandene Bebauung deutlich überragenden Seilbahnmasten und die sehr hohen Ein- und Ausgangsbauwerke zur Stadtseilbahn stehen in Konkurrenz zu den die Stadtsilhouette prägenden Einzelgebäuden, wie Kirchtürme, Residenz und Bürgerhäuser der Altstadt und Stiftsstadt. Die für das Stadtbild Kemptens charakteristischen Landschaftselemente, wie Burghalde und östliche und westliche Illerhangleite, erleiden Einbußen in optischer Hinsicht. Die Bauwerke der Stadtseilbahn und die alles überspannenden Leitungen mit den daran hängenden Gondeln haben einen nachteiligen Einfluss auf das Stadtbild und stören die Homogenität der gewachsenen historischen Bereiche, insbesondere der Altstadt, im geringeren Umfang aber auch der Stiftsstadt. Sie beeinträchtigen weiterhin den bestehenden harmonischen und zugleich äußerst lebendigen Gesamteindruck der vorhandenen Bauwerke der Stadt zueinander. Es ist nicht vorstellbar, dass sich die Stadtseilbahn mit ihren Bauwerken und beweglichen Anlagen gut in das Stadtensemble integrieren lässt. Sie wirkt dominierend und wird aufdringlich der Stadt ihren Stempel aufdrücken. 

3.3 Zu 2.3
Die Aufgaben und Ziele der Altstadtfreunde sind auf der Rückseite der jährlich erscheinenden Altstadtbriefe abgedruckt. Als langjähriges Mitglied dieser seit 1980 bestehenden Bürgerinitiative fühle ich mich dem in Abs. 2.3 genanntem Ziel verpflichtet. Das Projekt Stadtseilbahn kann dieser Vorgabe nicht entsprechen und ist deshalb abzulehnen.

4. Sonstiges
Zusammenfassend wird festgestellt, dass die städtebauliche Analyse zu der Bewertung führt, dass dem Projekt 'Stadtseilbahn für Kempten' nicht zugestimmt werden kann. Auch ohne die Einbeziehung weiterer Aspekte sind stadtgestaltenden Gründe das eigentliche KO-Kriterium für das Vorhaben. Überlegungen zur Lösung der bestehenden Verkehrsprobleme sind in den Vorschlägen des Mobilitätskonzeptes 2030 aufgezeigt. Es wird vorgeschlagen, die dort aufgeführten Maßnahmen umzusetzen."


Dieter Schade

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