70 Menschen beteiligten sich an der Lesung von Nedjas Fluchttagebuch

Traumland Deutschland

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Fast 70 Leserinnen und Leser gestalteten die Lesung von „Nedjas Tagebuch“ im Wechsel. Im Hintergrund sind auf der Flucht aus Syrien entstandene Bilder des in Kempten lebenden Künstlers Majid Khadrou zu sehen.

Kempten – „Wir wussten nicht, wie es sein würde. Wir wussten nicht, wohin oder wie? Nur eines war sicher: Wir gingen.“ Den Anfangstext dieser besonderen Lesung von „Nedjas Tagebuch“ aus einem Buch der ungarischen Journalistin Olga Kálmán hatte Gaby Heilinger vom Haus International (HI) übernommen. Dass es eine besondere Lesung war, hatte mehrere Gründe.

Auf das Buch gestoßen war HI-Leiter Lajos Fischer und es habe ihn „dermaßen fasziniert, dass er es aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzte“, erzählte Heilinger, die die Rohübersetzung Fischers selbst in nächtelanger Arbeit ausformuliert und getippt hatte, vor rund 120 Menschen im Haus International. Aber es sollte nicht einfach von einer Person vorgelesen werden, sondern von Vielen. Nach einem Aufruf waren es schließlich fast 70 Vorleserinnen und Vorleser unterschiedlicher Nationen und Altersgruppen, die vergangenen Dienstagabend im Wechsel daraus vortrugen – darunter auch einige Asylbewerber, was nicht nur wegen der Herausforderung einer Lesung in einer noch nicht so vertrauten Sprache besonders war, sondern auch deshalb, weil es in „Nedjas Tagebuch“ um ihre Flucht aus Syrien geht.

Gelesen wurde in mehreren Blöcken. Den Wechsel der Leserriegen begleitete Timo auf der Trommel und für etwas geistige Entspannung zwischendurch sorgte die sehr kurzfristig eingesprungene Tabea Marquardt auf der Violine. Zuvor übersetzte Fischer simultan die Videobotschaft der kritischen Autorin Kálmán, von ihm bezeichnet als eine Art „Anne Will in Ungarn“. Diese erzählte nicht nur, wie sie 2015 im Rahmen ihrer Recherche und den dazugehörenden Interviews mit Flüchtlingen am Budapester Ostbahnhof mit der 25-jährigen syrischen Kunststudentin Nedja ins Gespräch gekommen war, und sie ihr im Verlauf ihr Fluchttagebuch geschenkt hatte; oder dass Nedja da schon seit Monaten auf der Flucht war, die mitreisenden Familienmitglieder verloren hatte und sich mit der Abfahrt ihres Zuges Richtung Deutschland ihre Spur verliert. Kálmán erklärte auch ihre Beweggründe für ihr „in vielen europäischen Ländern als nicht besonders positiv betrachtetes“ Buch, in dem einer der Erzählstränge Nedja gewidmet ist; dieser jungen Frau, die sich wie so viele in den letzten Monaten und Jahren auf den Weg gemacht habe auf der Suche nach einem besseren Leben. „Ob sie dieses finden werden, das hängt von uns allen ab, sowohl von denen, die sich auf den Weg gemacht haben, als auch von uns, die wir hier bereits in Europa leben.“ Sie wolle mit ihrem Buch die vielen „Ängste und Bedenken“ auslösenden Falschinformationen ordnen und erfahrbar machen, wer diese Menschen sind, die sich auf diesen „beschwerlichen Pfad machen“. Sie habe dabei das Gefühl gehabt, „dass es sehr schwierig war, Ordnung zu schaffen und den Überblick darüber zu behalten, was in der Suppenküche der Politik entstand und uns mit dem Ziel serviert wurde, uns in einer politischen Richtung zu beeinflussen“. Was ihr wirklich wichtig sei: „dass mindestens ein einziger Mensch beim Lesen des Buches sagen kann, er habe in der Flüchtlingsfrage etwas verstanden und gelernt“.

An diesem Abend entfaltete sich eine Geschichte über wichtige und unwichtige Dinge im Leben, über Träume und Alpträume, über Reüssieren und Scheitern, über – das Ziel und den Weg; eine Geschichte von einer getöteten kleinen Schwester; von einer zerbombten Heimat, in der die spärlichen Lebensmittel – mangels Strom ungekühlt – verderben; von einer syrischen Armee, die Panik auslöst und „jeden jungen Mann, ohne Ausnahme, vor den Augen der Öffentlichkeit hinrichtete“; von Nedjas Tante, die ihrer Nichte erzählt wie diese Armee ihren sonst unerschrockenen Vater einzuschüchtern wusste: „Plötzlich brüllten die Soldaten ihn aus direkter Nähe an, sie brüllten direkt in das Gesicht meines Vaters. Sie brüllten, dass sie ihn sofort umbringen, wenn er ihnen nicht auf der Stelle Ahmads Haus zeige. Dann, urplötzlich, liefen sie alle los – mein Vater vorneweg, in kleinen hektischen Schritten. Er kam kaum voran, so kleine Schritte machte er. Es schien, als liefe er auf der Stelle. Die Soldaten stießen ihn, und sie schrien weiter, dass sie ihn töten würden, wenn er ihnen nicht das Haus zeige. Er zeigte es ihnen, und dann töteten sie ihn. Sie töteten auch alle, die sie im Haus fanden.“

Es entfaltete sich die Geschichte einer Flucht mit beschwerlichen und gefährlichen Fußmärschen und Fahrten im LKW zur türkischen Grenze: „Viele aus unserer Gemeinschaft entschlossen sich, ihr Gepäck nicht mehr weiter tragen zu wollen. Lieber verzichteten sie auf alles, was ihnen vor ihrer Abreise noch so wichtig erschien. In diesen Stunden haben wir mit Leichtigkeit neu zu bewerten gelernt, was im Leben noch zählt und was an Wert verloren hat.“ Keine Rücksicht auf Kranke, der Willkür der Schleuser ausgeliefert, „überlebenswichtig“ das Handy als Informationsquelle und Verbindung. Weiter im Bus nach Izmir, mit maroden Schiffen nach mehrfachem Scheitern endlich in Griechenland, zu Fuß zur griechisch-mazedonischen Grenze und weiter per Taxi nach Serbien: „Und jetzt geschah etwas Sonderbares: Hier am serbischen Bahnhof spürte ich die gleiche Angst wie damals mitten im Kriegsgeschehen: eine grenzenlose Furcht vor der sicheren Vernichtung. Die riesige Menschenmenge lief sofort Richtung Zug los. Ich konnte nicht mehr eigenständig laufen, meine Füße berührten den festen Boden nicht mehr, die unzähligen Menschen rissen mich einfach mit.“ Den Familienmitgliedern – Nedja, ihrem Vater, Bruder und ihrer jüngere Schwester – gelingt es wieder zusammenzufinden; anders in ähnlichem Chaos bei der Ankunft in Ungarn. Sie setzt die reise allein fort. „Ich wollte nicht hier bleiben, und nicht nur deswegen, weil wir von Anfang an den Plan hatten, nach Deutschland zu gehen, sondern auch deswegen, weil wir uns hier in Ungarn völlig allein gelassen fühlten.“ Sie träumt von Deutschland, „von dem alle schwärmten, wie anders und schön es doch sei, und dass die Menschen dort auf uns warten würden, dass wir Arbeit bekämen und in die Schule dürften. Deutschland müsste wirklich das wahre Traumland sein.“

Nach drei Stunden Lesung verteilte Roswitha Ziegerer vom Frauenhaus Kempten, neben „Amnesty International Kempten“ Mitveranstalter des ungewöhnlichen Abends, am Ausgang „Tulpen statt Veilchen“ als klares „Nein zu Gewalt an Frauen“.

Christine Tröger

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