Chinesische Absage rückt Russland näher an Europa

Letztes Meisterkonzert der Saison: Wie aus einem Rückzieher ein erregender Konzertabend wurde

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Kempten – Auch wenn russische Musik einen für mitteleuropäische Ohren eigenen Charakter besitzt, der sich griffig mit den Vokabeln schwermütig und schicksalsschwer beschreiben lässt, so beharrte am vergangenen Mittwoch der künstlerische Leiter der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg, Juri Gilbo, im Einführungsgespräch zum letzten Meisterkonzert dieser Spielzeit auf der Zugehörigkeit der ausschließlich russischen Komponisten dieses Abends zum europäischen Kulturraum.

Natürlich, eine musikalische Abgrenzung wäre beim ursprünglich geplanten Auftritt des Shanghai Philharmonic Orchestras mit seinen im Programm enthaltenen beiden chinesischen Komponisten leichter gefallen. Allerdings hatte dieses Orchester schon vor einiger Zeit sein Konzert abgesagt und Programmkoordinator Dr. Franz Tröger fand mit dem Petersburger Orchester einen vielleicht nicht ganz so spektakulären, dafür aber musikalisch mindestens ebenso gehaltvollen Ersatz für das letzte Meisterkonzert.

Juri Gilbo, in St. Petersburg geboren und jetzt in Deutschland lebend war in seiner eigenen Person der beste Beweis für seine oben genannte These, glich er doch vor dem Konzert mit seinen halblangen Haaren und seiner lockeren und angriffslustigen Art eher einem modernen Bohemien aus dem Londoner East End als dem Klischee des schwermütigen Russen. 

Sein europäisch ausgerichtetes Musikverständnis, geschult am St. Petersburger Staatskonservatorium und an der Hochschule für Musik und darstellende Künste in Frankfurt am Main zeigte er im Verlauf des Konzertabends besonders nach der Pause mit einer sehr unromantischen Interpretation von Tschaikowskis großer Sinfonie Nr. 5. Diese gehört neben der vierten und sechsten Sinfonie zu Tschaikowskis bedeutendsten Sinfonien, auch wenn der Komponist immer wieder von Selbstzweifeln in der Einschätzung seines Werks geplagt war. Der erste Satz ist die einfallsreiche Abhandlung eines Sonatenhauptsatzes mit erstem und zweitem Thema, der zweite Satz die orchestrale Verarbeitung eines lyrischen Hornmotivs, der dritte Satz ein langsamer Walzer mit dramatischen Steigerungen und der furiose vierte Satz die farbige Darstellung eines russischen Volksfestes. 

In jedem Satz in irgendeiner Form zusätzlich eingebaut ist das Leitthema der ganzen Sinfonie, das im ersten Satz in der Andante-Einleitung vorgestellt wird. Dem Orchester gelang es, die vielen einzelnen Abschnitte der gut 45-minütigen Sinfonie klar strukturiert, technisch brillant und gänzlich unverschwommen zu einer Einheit zusammenzufügen, so dass es dem Zuhörer großes Vergnügen bereitete, im Verlauf das übergeordnete Ganze entstehen zu hören.

Dass das Orchester, das bereits seit 1998 von Gilbo geleitet wird, hervorragend disponiert war, hatte es bereits mit dem ersten Stück des Abends bewiesen. Michael Glinkas Ouvertüre zur Oper „Ruslan und Ludmila“ stand vom ersten Takt weg unter Hochspannung. Rasende Sechzehntelläufe in den Violinen über Viertel aus der Bläserabteilung und ein Dirigent mit vollem Körpereinsatz! Michael Glinka, der Begründer einer sinfonischen russischen Nationalmusik in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wird eher selten gespielt, umso hörenswerter war es, ihn durch ein so dynamisches Orchester dargeboten zu bekommen. 

Danach dann der „Hammer“ des Abends, das Klavierkonzert Nr. 3 op.30 in d-moll von Sergej Rachmaninow. Ein Komponist, der bereits zu Lebzeiten sein Publikum in glühende Fans und ablehnende Verächter polarisierte, mit einem seiner typischsten und bekanntesten Werke. Ein Paradebeispiel spätromantischen Virtuosentums, das das komplette Ausdrucksspektrum seines Erschaffers zwischen „Dahindämmern in dunkler Melancholie und wild lärmendem Pathos“ ausbreitet. Wer dieses Stück auf dem Klavier spielen kann, der kann alles spielen. Der 35-jährige russische Solist des Abends, Nikolai Tokarev, konnte es. Vom leisen Beginn des vom Klavier einstimmig vorgetragenem schlichten Themas weg bis zum letzten Tutti-Akkord zusammen mit dem Orchester bot er eine Glanzleistung pianistischen Könnens. 

Neben seinen technischen Fähigkeiten – beispielsweise gibt es rasende, beidhändige Oktavläufe und eine vertrackte Solokadenz im ersten Satz – beeindruckte seine musikalische Fähigkeit trotz der technischen Schwierigkeiten immer in Kontakt mit dem Orchester zu bleiben und mit ihm zu spielen. An dieser gelungenen Zwiesprache hatte natürlich auch der Dirigent seinen Anteil, und beim tosenden Applaus nach dem Stück standen beide, Solist und Dirigent, sich umarmend wie Brüder im Geiste vor dem Publikum. Dieses hatte das Stadttheater bis auf den letzten Platz gefüllt und war vom gesamten Programm des Abends begeistert. Es saugte die Stücke förmlich auf und wirkte wie extra für dieses Programm herbeigerufen.

Ein schöner und erfolgreicher Abschluss der diesjährigen Spielzeit, die mit diesem Konzert zu Ende ging, und hoffentlich Ansporn für die Programmgestalter, auch in der nächsten Spielzeit wieder ein so vielseitiges und ambitioniertes Konzertprogramm auf die Beine zu stellen.

Jürgen Kus

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