Systemrelevant: Pflegende Angehörige

Liberaler Pflegekongress der FDP-Oberallgäu zur Lage der häuslichen Pflege während Corona

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Der Verein „Pflegende Angehörige e.V.“ sieht sich selbst als größten Betreuungs- und Pflegedienst Deutschlands. Gerade in der Zeit des Lockdowns standen die Betroffenen vor gewaltigen Herausforderungen.

Oberallgäu – Als Leittragende der Corona-Pandemie ist die Gruppe der pflegenden Angehörigen medial bisher nicht groß in Erscheinung getreten.

Hinlänglich bekannt sind dagegen die Einschätzungen von Virologen zum Thema, oftmals ohne einen Blick darauf, wie die verordneten Maßnahmen umgesetzt werden können. Besonders hat es die ohnehin stark belastete Gruppe der pflegenden Angehörigen getroffen. Dabei ist die Gruppe der Betroffenen groß und nimmt an Zahl stetig zu. Zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt, davon wiederum zwei Drittel durch eigene Angehörige, Tendenz steigend. 

Durch Hygienemaßnahmen und Kontaktverbote wurde sowohl die Kurzzeit- wie Tagespflege verunmöglicht. Zu diesem Thema lud aktuell die FDP-Oberallgäu zu einem Zoom-Meeting ein. Ziel war, herauszustellen, vor welchen Problemen pflegende Angehörige derzeit stehen und wie die Politik diese unterstützen kann. Das Meeting wurde durch den FDP-Kreisrat und Kreisvorsitzenden Michael Käser moderiert. Das Grußwort sprach die stellv. Landrätin des Oberallgäus, Grünen-Politikerin Christine Rietzler. Eingeladen zur Diskussion waren ferner Nicole Westig, MdB und Pflegepolitische Sprecherin FDP-Fraktion im Bundestag, Dr. Dominik Spitzer, MdL, Pflegepoltischer Sprecher FDP im Landtag; Kristine Lütke, Pflegeunternehmerin und Expertin zur Pandemieeindämmung und Gisela Bock, Seniorenbeauftragte des Landkreis Oberallgäu. 

Düstere Realität 

Zu Beginn hielt die Vorsitzende des Vereins „Pflegende Angehörige e.V.“ Kornelia Schmid einen Impulsvortrag, in dem sie die Herausforderungen während des Lockdowns darstellte. Grundsätzlich rückt die häuslichen Pflege in den Fokus der Öffentlichkeit, da die Single Haushalte 60+ stetig steigen und immer mehr Pflegebedürftige aufgrund des Pflegenotstandes auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen sind. 

In der Corona-Krise haben sich für alle Pflegenden die Umstände verschärft. Für Pflegende, die in dieser Zeit Angehörige in Kliniken hatten, galt ein absolutes Besuchsverbot, was bei Pflegebedürftigkeit und Demenz zu einer Unterversorgung der Patienten geführt hat. Die körperlichen Fähigkeiten bauten sich durch fehlende Förderung in den Kliniken ab, es kam zu einer großen emotionalen Belastung der Patienten, mitunter zu Depressionen und Vorwürfen gegenüber Angehörigen. 

Diese litten oft unter abgeschnittenten Informationsfluss und es zeigten sich gravierende Probleme beim Entlassungsmanagement. Blieben die Patienten in häuslicher Pflege, wurden die Pflegenden häufig über ihre Kräfte beansprucht, da u.a. Kinder und Ältere gleichzeitig betreut werden mussten. Annähernd alle Entlastungsmaßnahmen wie Selbsthilfegruppen, soziale Netzwerke, Pflegedienste, osteuropäische Hilfskräfte,Tagespflege, Kurzzeitpflege, Pysiotherapie und Haushaltshilfen fielen weg. Konkret fordert daher die Vorsitzende des Vereins u.a.: Schaffung von Notfalllösungen bei Ausfall pflegender Angehöriger, Förderung wohnortnaher Infrastruktur (Dorfläden, Nachbarschaftshilfe), Anspruch auf Hausbesuche durch Ärzte, Einrichtung Notfalltelefon, wohnortnahe Pflegestützpunkte, kostenlose Corona-Tests für Angehörige und mehr Videotelephonie. Grundsätzlich verlangt Kornelia Schmid gemeinsam mit anderen Teilnehmern des Video-Meetings eine Haltungsänderung in der Gesellschaft: „Pflegende Angehörige sind systemrelevant!“ 

Von allem zu wenig

In ihrem Impulsvortrag sagte Nicole Westig, dass während des Corona-bedingten Lockdowns die Probleme der Pflege wie durch ein Brennglass hevorgehoben wurden. Die ohnehin zu wenigen Tages- und Kurzzeitpflegeplätze wurden reduziert, die Zahl der Intensivbetten in Krankenhäusern dagegen erhöht. Die meisten Betreuungsangebote fielen weg, so dass die vulnerablen Gruppen fast ausschließlich auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen waren. Einen Seitenhieb gab es von der Liberalen auf Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Der habe zuerst verharmlost, dann den Mangel an Schutzkleidung und Masken mehr schlecht als recht verwaltet. 

Die Nutzung von Reha-Kliniken zur Kurzzeitpflege sei nur bedingt erfolgreich, da es dort zu viele Therapeuten, aber zu wenig Pflegende gebe, resümiert Westig und wünscht sich zudem für osteuropäische Pflegekräfte ähnlich unbürokratische Lösungen wie für Erntehelfer. Im Anschluss an die Impulsvorträge durften die Teilnehmer ihre Standpunkte darlegen. Für alle Beteiligten war klar, pflegende Angehörige seien systemrelevant und ihr Engagement soll aus der „Ecke des Ehrenamtes“ befreit werden. 

So sprachen sich einige der Diskutanten dafür aus, pflegende Angehörige finanziell zu unterstützen und die Pflege in kommunale Hände zu legen. Die Seniorenbeauftragte des Oberallgäus Gisela Bock sprach sich für den Ausbau von Tagesund Kurzzeitpflegeplätzen aus, damit nicht irgendwann „Pflegende zu zu Pflegenden“ werden. Kontrovers diskutiert wurde die Frage der Finanzierung, ob zukünftig weiter Umlage- oder neu steuerfinanziert. 

Jörg Spielberg

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