"Logenplätze" an der Iller

Der Masterplan skizziert die wesentlichen Änderungen: 1: Die Illerwiesen erhalten eine klare Strukturierung. 2: Am östlichen Brückenkopf des Illersteges eröffnet das Café „Wave”. 3: Die neue Heimat der Eisstockschützen. 4: Die Iller erhält einen künstlichen Seitenarm, in dem die „stehende Welle” für die Surfer entsteht. Punkt 5: Der westliche Brückenkopf des Illersteges wird verschoben, endet nun an der „Stadtloge” Vorplatz Theater. 6: Der Vorplatz des Theaters wird großzügig in Richtung Iller zu einer „Stadtloge” erweitert.

Wenn auswärtige Besucher die Stadt besuchen, bemerken sie oftmals nicht, dass Kempten an der Iller liegt. Was vermutlich der Tatsache geschuldet ist, dass sie in der Stadt schlechterdings nicht auf den alpinen Fluss stoßen bzw. geführt werden oder diesen nur auf der Illerbrücke überqueren. Aber auch im Bewusstsein der Kemptener selbst ist „ihr” Fluss im Grunde nicht präsent. Dass sich dies grundlegend ändern sollte, war der Wunsch vieler. Wie man die Iller zu einem erlebbaren und vitalen Teil der Stadt machen kann, wurde vergangene Woche im Foyer des Stadttheaters erklärt.

Vier Konzeptionen hatten Planungsbüros im Auftrag der Stadtverwaltung ausgearbeitet. Eine Jury prämierte jetzt einen Entwurf, den der Landschaftsarchitekt Martin Rist am Mittwochabend im Detail vorstellte. Doch, so der Architekt vom Freisinger Städte- und Landschaftsbau-Büro Narr-Rist-Türk & Gebhardt, ein Masterplan ist keine Reinzeichnung, vielmehr ein Orientierungspunkt, ein Entwurf, kein Beschluss. Grundsätzlich werden im innerstädtischen Verlauf der Iller neue Sichtschneisen und Ausblicke auf den Fluss entstehen. Zum einen geschieht dies durch eine behutsame Befreiung von Bewuchs, vornehmlich niederem Gebüsch. Die großen Bäume beiderseits der Iller sollen erhalten bleiben, auch die naturwaldähnlichen Gebiete nördlich der Illerbrücken bis zur Rosenau sollen als ökologischer Puffer bewahrt bleiben. Manche dieser neuen Öffnungen sollen mit Aussichtskanzeln und in einigen Fällen mit größeren Stadtbalkonen ausgefüllt werden. Diese sind begehbar, es wird Sitzmöglichkeiten geben und hier kann der Besucher den Fluss ganz nah erleben. Geplant ist dies unter anderem für den alten Holzplatz im südlichen Bereich der Iller. Hier wurde einst das gertreidelte Holz ans Ufer gezogen, ein historischer Ort, an den zukünftig durch Skulpturen erinnert werden soll. Auch könnte dieser Platz den Kanuten als Anlegestelle dienen. Geht man vom Holzplatz in Richtung Norden, befindet sich auf der westlichen Uferseite der alte Stadtpark und auf der östlichen der Zugang zum Engelhaldepark. Diese Parks ergeben mit dem Burghaldepark eine Achse, die besser miteinander verbunden werden soll. Die Iller könnte mit einer Sommerfähre überwunden werden, die Füssener Straße durch eine weitere Ampelanlage oder – falls möglich – mit einer Führung durch extra abgesetzten Belag gefahrlos überquert werden. Weiter in nördlicher Richtung soll es auf Höhe Pulvergasse durch einen Stadtbalkons dem Café „Etwas” ermöglicht werden, Außengastronomie zu betreiben. Kiesbett nutzen Dem Uferweg folgend, erreicht man den ersten wirklichen neuralgischen Punkt, die Querung der Fuß- und Radwege mit der St.-Mang-Brücke und der Burgstraße. Durch eine neue Ampel-Taktung und das Anbringen neuer Fahrbahnmarkierungen soll Fußgängern und Radfahrern beim Überqueren dieses Nadelöhrs entgegen gekommen werden. Am gegenüberliegenden Ufer der Iller soll es übrigens zu einer Ausweitung mit wasserorientierten Sitzmöglichkeiten kommen. Am nordöstlichen Brückenkopf der St.-Mang-Brücke befindet sich in einer Art Mulde/Achsel hin zum Illerdamm ein bisher völlig ungenütztes Kiesbett. Just an diesem Ort schlägt das Planungsbüro die Errichtung eines Gebäudes mit Fluss-Terrassen vor, sogar die Unterbringung eines Cafés wäre denkbar, da sich genau hier das beste Panorama auf die Altstadt bietet. Zudem könnten hier am Zugang zur Stadt Besucher mit einer Infostele „abgefangen” werden und eingeladen werden, einen ersten Blick auf die Stadt zu werfen. Dieser Blick könnte womöglich auf das Herzstück des gesamten Projektes fallen, der Neugestaltung und Ausweitung des Vorplatz des Stadttheaters. Das Planungsbüro skizziert in seinem Masterplan die Möglichkeit, diesen Vorplatz in Richtung Iller zu erweitern, ihn über die Illerstraße zu führen und den dort als Barriere wahrgenommen Erdwall durch eine bündig mit dem Platz abschließende hochwassersichere Brüstungsmauer zu ersetzen. Durch das Anlegen dieser „Stadtloge” gewinnt das Theater eine neue zusätzliche Funktion, es wird zu einer Art Brückenkopf, der Fluss und Altstadt neu vereint. Der sich durch diesen Raumnutzungvorschlag abzeichnende Konflikt zwischen den Verkehrsteilnehmern Auto, Lieferverkehr, Fußgänger, Radfahrern, Mütter mit Kindern und Theaterbesuchern, soll durch ein „Shared Place”-Verfahren gemindert werden: Alle müssen sich ein wenig mehr am Riemen reißen – Stichwort Verkehrsberuhigung durch Geschwindigkeitsdrosselung und Fahrbahnverengung. Steg soll verlegt werden Das zweite Highlight des Masterplans ist das Gelände in der Umgebung des nordöstlichen Brückenkopfs des Illersteges, dort wo im Sommer die Surfer viele zum Staunen und Verweilen bringen. Lange hatten die Trendsportler den zuständigen Stellen bei der Stadt mit ihrem Wunsch einer Errichtung einer stehenden Welle in den Ohren gelegen. Tatsächlich soll der Fluss an dieser Stelle einen neuen Seitenarm erhalten, der sich in nördlicher Richtung bis zur Wiedereinmündung auf Höhe des alten Eisstockschützen-Parcours verengt und im Zusammenspiel Gefälle, Fließgeschwindigkeit und Konstruktion der Röhre zur Bildung einer „stehenden Welle” führt. Da, wo bisher die Eisstockschützen spielten, soll nun nach Vorstellung der Planer das Café „Wave” entstehen, wiederum mit großzügig angelegten Freiflächen und einem Stadtbalkon mit Blickrichtung Altstadt. Das Café sollte in Anspielung auf die Surfer ein segelartiges Dach erhalten. Noch eine wesentlich Veränderung soll es an dieser Stelle geben – der Illersteg wird verlegt und verbindet das Café „Wave” direkt mit der sich vor dem Theater befindlichen Stadtloge. Die Kastanien bleiben ebenso erhalten wie die Parkplätze am Illerdamm. Die Eissportschützen erhalten ihr neues überdachtes Areal in unmittelbarer Nähe, dort wo sich zur Zeit die Caravan-Stellplätze befinden. Diese wiederum sollen am gegenüberliegenden Ufer auf dem Parkplatz Rottachstraße eine neue Heimstätte finden. Der Feuerwehr-Standort bleibt, allerdings sind Neuerungen für die gegenüberliegenden Illerwiesen geplant. Deren Nutzung als Naherholungs- und Freizeitsportgelände durch die Bürger soll zwar grundsätzlich erhalten bleiben, das Gelände erfährt aber eine Neustrukturierung von Süd nach Nord: Im ersten Segment entsteht ein Beachvolleyballfeld, zugeordnet zum Surferbereich, dann ein Segment speziell für Kinder, darauffolgend eine Ruhewiese zum Liegen, dann ein Bolzplatz für Freizeitkicker, abschließend ein Bereich einer extensiven Wiese mit der Verlegung des Dirtbiker-Trails in dieselbige. Gegrillt werden könnte auf einem vorgelagerten Kiesstrand im unmittelbaren Uferbereich. Zwischen den einzelnen Segmenten verlaufen zukünftig Wege von den Parkplätzen hin zur Iller. Dort soll der bisher üppige Bewuchs der Uferböschung gelichtet werden, um mehr Blick auf das Wasser zu gewähren. Am Ende seines Vortrags wurde Martin Rist, stellvertretend für sein Team, von allen Beteiligten mit Applaus bedacht, wenngleich unter anderem auch OB Dr. Ulrich Netzer (CSU) die Anwesenden beruhigte: „Der Masterplan ist keine Reinzeichnung, nur eine Orientierung.”

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