"Es lohnt sich, nicht aufzugeben"

Der fortwährende Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland

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Dr. Hussein Jinah (v.l.) und José Paca nahmen auf dem Bunten Sofa Platz, um von ihren eigenen Erfahrungen zu Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland zu berichten.

Kempten – Obwohl die Landtagswahl in Thüringen bevorstand und die Prognosen voraussagten, dass die AfD die meisten Stimmen erhalten könnte, haben José Paca aus Erfurt und Dr. Hussein Jinah aus Dresden Dienstagabend vor einer Woche dem Haus International einen Besuch abgestattet und auf dem Bunten Sofa Platz genommen, um ihre Erfahrungen zu Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Ostdeutschland zu teilen.

Der aus Angola stammende José Paca war kurz vor der Revolution im Jahre 1989 in die ehemalige DDR gekommen und macht sich seitdem für Menschen mit Migrationshintergrund stark, ist unter anderem 1992 Mitgründer des Ausländerbeirats in Erfurt und unterstützte zahlreiche interkulturelle Initiativen, die insbesondere den Austausch junger Menschen unterschiedlicher Herkunft fördern sollten. 

Damals wie heute gehe das nicht risikolos vonstatten, erzählte Paca. „Die Menschen suchen einen Sündenbock für ihre unbefriedigende Lage und haben ihn in den Menschen mit Migrationshintergrund gefunden.“ Dabei sei der prozentuale Anteil an Migrantinnen und Migranten im Vergleich zu den westlichen Bundesländern mit fünf bis zehn Prozent eher gering, warf Lajos Fischer, Geschäftsführer des Haus International und Moderator des Abends, ein und vergleicht die Zahlen mit Kempten: „Hier liegt der Migrationsanteil bei 38 Prozent.“ 

2014 war José Paca für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Kurz darauf kam es zum „großen Knall“, wie er den Vorfall selbst bezeichnet, bei dem ihn zwei Männer auf offener Straße mit Messer und Pistole bedrohten und anschrien, dass er nicht erwünscht sei. „In dem Moment dachte ich nur, dass jetzt mein Ende gekommen ist. Ich konnte nicht mehr reden und habe am ganzen Körper gezittert“, erinnerte er sich an den Tag zurück. Doch er hatte auch erfreuliche Erinnerungen an die Zeit direkt danach, als er viele Solidaritätsbekundungen von der Erfurter Bevölkerung erhielt. 

Der auf einem britischen Dampfer im Indischen Ozean geborene Hussein Jinah war bereits 1985 mit einem Stipendium in die DDR gekommen und hatte letztlich an der TU in Dresden im Fach Elektrotechnik promoviert. Seit 28 Jahren arbeitet er mittlerweile als Sozialarbeiter und Streetworker in der Stadt und ist mitunter Vorsitzender des Integrations- und Ausländerbeirats.

Am 20. Oktober 2014 fand in Dresden mit rund 350 Menschen die erste Pegida-Demonstration statt. „Ich war der einzige Gegendemonstrant“, erinnerte sich Jinah und berichtete vom Wandel des thematischen Schwerpunkts der rechtspopulistischen Organisation. „Damals wurde nur am Rande vor der Islamisierung des Abendlandes gewarnt.“ Doch erst vor wenigen Wochen habe der Pegida-Vorsitzende Lutz Bachmann erneut dazu aufgerufen, Personen anderer Glaubensrichtung zu ermorden und zu begraben, so Jinah weiter.

Mehr Fremdenfeindlichkeit in Kempten als Berlin 

Sowohl Paca als auch Jinah haben sich in all den Jahrzehnten mehrmals die Frage gestellt, ob sie trotz der unzähligen Beschimpfungen und Gewaltandrohungen, die sie über sich ergehen lassen mussten, weiter in Deutschland wohnen wollten. Beide entschieden sich zu bleiben. „Erfurt ist mein Zuhause. Wenn ich nicht geblieben wäre und nichts unternommen hätte, hätte es keine Veränderung zum Positiven gegeben. Heute kann ich stolz vor euch sagen: Es lohnt sich, nicht aufzugeben“, so Paca. 

Jinah teilte diese Ansicht: „Wenn jeder abhaut, ist das keine Lösung. Wer eine positive Änderung für die nächste Generation herbeiführen will, muss auch das Negative ertragen.“ 

Bei der anschließenden Diskussionsrunde meinte ein Teilnehmer, dass der rechtspopulistische Trend längst in Kempten angekommen sei. „Wir müssen auch hier Angst haben, dass künftig AfDler im Stadtrat sitzen und müssen dafür kämpfen, dass das nicht passiert.“ Eine andere Teilnehmerin mit Migrationshintergrund ist erst kürzlich von Berlin nach Kempten gezogen und erzählte von diskriminierenden Erfahrungen, die sie aus Berlin nicht gewohnt sei. „Ich habe in Kempten schon viel Leid und Ungerechtigkeit an der Supermarktkasse erleben müssen und deshalb überlegt, wieder zurück nach Berlin zu ziehen. Dieser Abend war nun sehr inspirierend für mich.“ 

Das Schlusswort der Veranstaltung nutze Fischer einerseits zum Relativieren: „Wenn wir die Menschen in Ostdeutschland pauschalisierend abstempeln würden, würden wir vielen großes Unrecht tun, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus einsetzen.“ Andererseits verwies der Geschäftsführer auf die Veranstaltung am 5. November, bei der die Thematik einen regionalen Bezug erhalten soll. Thema ist dann eine rassismus- und diskriminierungsfreie Gesellschaft in Kempten und dem Allgäu. 

Dominik Baum

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