Nachteilsausgleich und sonst nichts?

Wird Legasthenie zum Trend?

Fehlende Lernschritte im Schriftspracherwerb wirken sich auch in Bereichen aus, die nicht vom sogenannten „Nachteilsausgleich“ erfasst werden.

Über „Rechtschreibkatastrophen“ wurde schon viel diskutiert und dass heutige Schüler immer weniger in der Lage sind, ihre Gedanken, Geschichten und Antworten rechtschriftlich festzuhalten. Dabei geht es immer um alle Schüler und die Wichtigkeit oder Notwendigkeit der Fähigkeit, Wörter einwandfrei aufzuschreiben.

Entwicklung von LRS in Bayern

Aber wie sieht es mit den schwachen Schreibern aus, die ohne eigenes Verschulden große Probleme beim Schriftspracherwerb aufzeigen? Der bayerische Erlass zu diesem Thema weist sehr deutlich darauf hin: „Von Legasthenie sind rund 4 % aller Menschen betroffen“ (KMBek vom 15.11.1999). Wirft man einen Blick auf die Zahlen, wie sich der Anteil der anerkannten Legastheniker seit 2004 in bayerischen Schulen entwickelt hat, so muss man schon ins Grübeln kommen. Laut Ergebnisberichten der bayerischen Jahrgangsstufentests in Deutsch für die 6. Klasse gab es zum Beispiel 2004 in den Mittelschulen einen Anteil von 4,9 % Legasthenikern. Dieser Wert steigert sich bis 2009 auf 8,6 % und bis 2013 sogar auf 10,7 %. Eine noch dramatischere Entwicklung zeigt sich in den Realschulen. Waren 2004 bis 2007 bei den Sechstklässlern noch recht konstant rund 2,5 bis 3 % als Legastheniker anerkannt, so steigt der Wert bis 2009 schon auf 5,14 und bis 2014 auf rund 8 % an. Selbst im Gymnasium hat sich der Anteil der anerkannten Legastheniker in der 6. Klasse von 1,1 % 2004 auf 2,5 % 2014 mehr als verdoppelt.

Rechnet man nun die Werte auf die jeweilige Gesamtschülerzahl aus allen Schulformen hoch, so ergibt sich eine Quote für Schüler mit anerkannter Legasthenie, die von 2,9 % in 2004 über 4,8 % in 2009 auf 6,7 % in 2013 gestiegen ist. Wir haben in den bayerischen 6. Klassen inzwischen also einen Anteil von rund 6,7 % anerkannten Legasthenikern, obwohl es laut Erlass des Kultusministeriums nur 4 % sein dürften und die Tendenz ist steigend. Oberflächlich gesehen, könnte man begeistert sein, dass Legastheniker nicht mehr von Schulformen ausgegrenzt werden und heutzutage ihre Entdeckung und Anerkennung viel besser funktioniert und somit durch den Nachteilsausgleich ein wichtiger Beitrag zur Chancengleichheit gelungen ist.

Allerdings relativiert sich diese Sicht schnell, wenn wir zum Beispiel im Ergebnisbericht für Mittelschulen in der Analyse 2013 lesen: „Die Schülerinnen und Schüler mit diagnostizierter Legasthenie bedürfen nicht nur im Bereich Richtig Schreiben, sondern in allen Teilbereichen des Deutschunterrichts besonderer individueller Förderung“ (Auswertungsbericht Jahrgangsstufenarbeiten 2013 an bayerischen Mittelschulen - Ergebnisanalyse Deutsch - Jahrgangsstufe 6).

Der Leiter des LOS Kempten Manfred Selg erläutert, warum ein Nachteilsausgleich alleine keine Hilfe bei LRS ist

D. h. ein Nachteilsausgleich, der Rechtschreibfehler nicht wertet und den Schülern mehr Zeit verschafft, reicht nicht aus. Fehlende Lernschritte im Schriftspracherwerb wirken sich auch in Bereichen aus, die nicht vom sogenannten „Nachteilsausgleich“ erfasst werden. Somit entlarvt sich diese schöne Bezeichnung und die bei den Eltern daraus resultierende Hoffnung als falsch, dass durch die schulische Anerkennung der Nachteil ihres Kindes tatsächlich ausgeglichen wäre. Wie sich diese Probleme auch in Fremdsprachen auswirken, kann sich jeder vorstellen. Eine wichtige Erkenntnis, die bereits mehrfach wissenschaftlich nachgewiesen wurde, darf nicht weiter ignoriert werden. Auch Kinder mit einer Rechtschreibstörung können Rechtschreiben lernen und haben ein Recht auf Fördermaßnahmen, die auf eine Steigerung ihrer Rechtschreibfähigkeiten abzielt. Hier müssen die Erkenntnisse der empirischen Unterrichtsforschung zum Tragen kommen, da Legastheniker eben nicht auf dem gleichen Weg wie ihre Mitschüler das richtige Schreiben lernen können und einfach viel mehr Zeit investieren müssen. Sie hängen besonders von effektiven Unterrichtsmethoden und individuell gesteuerten, kleinschrittigen und gut strukturierten Lernplänen ab, die sich an den anerkannten Entwicklungsschritten des Schriftspracherwerbs orientieren. Hier besteht ein großer Nachholbedarf. Jedes Kind mit LRS braucht nicht nur einen Erlass und Eintrag in sein Zeugnis, sondern bedarf einer professionellen Förderung, damit es gut lesen und richtig schreiben lernt.

Von LRS zur 15 im Deutsch-Leistungskurs

Enja ist 21 Jahre alt und angehende Soziologiestudentin. Nach ihrem Abitur auf einer Mädchenschule in Duisburg verbrachte sie ein Jahr in Australien. In ihrer Freizeit ist sie leidenschaftliche Westernreiterin und trainiert junge Pferde. Enja ist viel mit ihrem Hund an der frischen Luft und liebt es zu reisen, vor allem um ihre Freunde zu besuchen.

FOB: Hallo Enja, zunächst einmal möchte ich dir dafür danken, dass du dich dazu bereit erklärt hast, bei dem Interview mit dem WORTSPIEGEL mitzumachen. Erzähle doch einmal, wie es dir im Laufe deiner Schulzeit ergangen ist.

Enja: Ich bin in der 5. Klasse auf ein Duisburger Mädchen-Gymnasium gekommen. Das erste Jahr war eher schwer für mich, sowohl schulisch als auch sozial. Ich war nicht gerade der Typ Mensch, den man als extrovertiert bezeichnen würde. Meine Noten in den Hauptfächern wie Deutsch, Englisch und Mathe waren nicht gerade gut, alle im Dreier- und Vierer-Bereich. Zu meinem Glück hatte ich einen Deutschlehrer, der sich sehr für seine Schüler engagierte.

FOB: Du hast also den Förderunterricht im LOS in Duisburg in der 7. Klasse begonnen. Wie war es für dich, zweimal pro Woche zusätzlich „Schule“ zu haben?

Enja: Zuerst dachte ich, meine LRS wäre nicht so schlimm. Und die einzige Frage, die ich mir stellte war: „Muss der ganze Stress wirklich sein?“ Aber im Nachhinein denke ich: „Ja, muss es!“, denn es war nötig und außerdem hat es Spaß gemacht. Alleine die Zusammenfassung der Leistung war ein tolles Instrument, um meine Motivation zu fördern, da ich dadurch immer ein Ziel vor Augen hatte, das erreichbar war.

FOB: Also hat es dir, obwohl damit zusätzlicher Stress verbunden war, gefallen. Hat es dir auch etwas in deiner schulischen Karriere gebracht?

Enja: Wie ich vorhin schon erwähnt habe, war ich in der Unterstufe eher schlecht in Sprachen und sprachlichem Verständnis. Aber dank dem Förderunterricht im LOS wurde ich stetig sicherer und besser in den Fächern. Deutsch wurde sogar zu meinem Lieblingsfach, deshalb belegte ich es in der Oberstufe als Leistungskurs und hatte sogar 15 Punkte. Mein Deutschlehrer war jedoch auch eine großartige Stütze.

FOB: Du bist kurz davor zu studieren. Welche Richtung möchtest du nehmen?


Enja: Also, um ehrlich zu sein, habe ich mich noch nicht ganz entschieden. Mein jetziger Plan ist es, ein Grundstudium in Soziologie zu absolvieren, damit ich später einen Master in Kriminologie studieren kann. Mein Ziel ist es, bei der Kriminalpolizei zu arbeiten im Bereich „Jugendliche Straftäter“. Studieren möchte ich zunächst in Deutschland und später in Neuseeland.

Gewinnspiel

Zusammen mit dem LOS Kempten verlosen wir drei "Kennenlernpakete" im Wert von je über 100 Euro inkl. Testtermin, ausführlicher Beratung und vier kostenlosen Unterrichtsstunden.
Teilnahmeschluss ist am 24. Mai 2017.
Viel Glück!

Das Gewinnspiel ist beendet.
Vielen Dank für Ihr Interesse! Besuchen Sie unsere Seite gerne wieder.

Rubriklistenbild: © photophonie/Fotolia

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