Podiumsdiskussion der Petra-Kelly-Stiftung mit Mafia-Experten

Die Mafia spricht Bayrisch

+
Katharina Schulze, Carmen Romano und Sandro Mattioli (von links) informieren und diskutieren über die Mafia in Bayern.

Kempten – In der Theaterwerkstatt ist noch die Kulisse des Stücks Arizona aufgebaut: weite Prärien an den Wänden, in denen sich Wild-West-Szenen abspielen könnten. An diesem Abend geht es aber nicht um High Noon, sondern den Paten. „Was wir im Film so faszinierend finden, hat mit der Realität nichts zu tun“, sagt Sandro Mattioli gleich zu Beginn. Er ist Journalist und Vorsitzender des Vereins mafianeindanke e.V.. Gemeinsam mit Carmen Romano, Bildungsreferentin der Petra-Kelly-Stiftung und ebenfalls bei mafianeindanke e.V. engagiert, und Katharina Schulze, Landtagsabgeordnete der Grünen, steht er an diesem Abend auf der Bühne, um über die italienische Mafia zu sprechen.

Mattioli gilt dank zahlreicher Publikationen als Experte für die italienische Mafia in Deutschland. Für seine Recherchen wälzt Mattioli italienische Berichte. Denn viele Informationen über Mafia-Aktivitäten in Deutschland würde er hierzulande gar nicht finden. Der Verein mafianeindanke trägt diese Informationen zusammen, um auf das Gefahrenpotential aufmerksam zu machen. Doch die Arbeit der Mitglieder stößt immer wieder auf Verwunderung. „Wir werden gefragt: Wieso soll die Zivilgesellschaft handeln?“, erzählt Mattioli. 

Wie ist die Lage?

„Vermutlich sind mit der ersten Gastarbeiterbewegung der Mafia nahestehende Personen nach Deutschland gekommen“, so Mattioli. Strukturen und Netzwerke hätten sich erst im Laufe der Zeit gebildet. Nach der Wiedervereinigung gab es dann Bewegungen der Mafia in die neuen Bundesländer. Doch wie die Bewegungen, die Netzwerke und Strukturen genau aussehen, können die deutschen Behörden nur grob skizzieren. 

Die schlechte Informationslage sei problematisch, so Katharina Schulze. Sie stellt an dem Abend die Ergebnisse vor, die eine kleine Anfrage zum Thema italienische organisierte Kriminalität hervorgebracht hat. 

Keine Erkenntnisse gibt es zur Frage, welche Kenntnisse die Staatsregierung über das Ausmaß bzw. die Ausgestaltung der Unterwanderung wirtschaftlicher bzw. gesellschaftlicher Bereiche in Bayern durch IOK (italienische organisierte Kriminalität)-Gruppierungen seit 2016 habe. Ebenfalls sei unbekannt, ob eine Unterwanderung des Baugewerbes in Bayern stattgefunden habe, auch lägen keine Fälle illegalen Kunsthandels vor. 

Weiter wurden Fälle abgefragt, in denen die Delikte Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Schutzgelderpressung seit 2017 mit der italienischen Mafia in Verbindung standen. 2017 ergab sich laut Bericht der Verdacht auf Geldwäsche bei zwei Verfahren, die wegen Drogenschmuggels bzw. -handels gegen mutmaßliche Mitglieder der ‘Ndrangheta bzw. Verdächtige, die diesen nahestehend seien, geführt worden seien. 2018 sei gegen Mitglieder der ‘Ndrangheta ermittelt worden, dabei habe Geldwäsche einen wesentlichen deliktischen Hintergrund gehabt. In einem weiteren Verfahren im Jahr 2018, das wegen Rauschgiftschmuggels und -handels gegen Mitglieder der ‘Ndrangheta geführt worden sei, habe es Hinweise auf Geldwäscheaktivitäten gegeben. 

Ob die italienische Mafia in Deutschland mit anderen kriminellen Netzwerken zusammenarbeitet, ist unbekannt. Dazu liegt laut Anfrage derzeit keine Information vor. Den offiziellen Zahlen nach leben in Bayern 136 Mafiosi, rund 332 im Bundesgebiet, die der kalabrischen ’Ndrangheta, der neapolitanischen Camorra, der sizilianischen Cosa Nostra oder der apulischen Sacra Corona Unita angehören. 

Mattioli nimmt diese Zahlen „äußerst skeptisch“ zur Kenntnis. Der italienische Staatsanwalt Nicola Gratteri, der für die Direzione Investigativa Antimafia arbeitet, habe, so Mattioli, gesagt, dass man von 60 Ortsgruppen und von rund 3000 Mafiosi in Deutschland ausgehen müsse. 

Warum weichen die Zahlen der italienischen und deutschen Behörden derart stark voneinander ab? Schulze vermutet einen Grund dafür in der politischen Kultur. „Bei innenpolitischen Themen wird der Diskurs oft sehr aufgeregt geführt“, sagt Schulze. Diskutiert wird, was sichtbar ist. Die Mafia sei in Deutschland allerdings selten in dem Maße prä- sent wie etwa bei der Schießerei mit sechs Toten in Duisburg 2007. So erreiche das Thema nur geringe Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, die nachhaltige Beschäftigung mit Sicherheitsproblemen, die sich langsam im Hintergrund aufbauen, leide. 

Um dem entgegenzuwirken, fordert Schulze regelmäßige Sicherheitsberichte der Polizei, die derartige Gefahrenanalysen beinhalten.

Und in Italien?

 „Die italienischen Behörden haben ein anderes Bewusstsein für die Mafiaproblematik“, glaubt Mattioli, „deshalb sehen diese auch ganz anders hin.“ Überhaupt scheint die italienische Bevölkerung die Mafia ganz anders wahrzunehmen, als es die Deutschen tun. Protestbewegungen zur Mafia sind in Italien weiterverbreitet. 

Das mag daran liegen, vermutet Carmen Romano, dass den Italienern noch die alten Schreckensbilder der Mafia fest im kollektiven Bewusstsein verankert sind: blutige Auseinandersetzungen zwischen Mafiaclans, Morde an Politikern und zahlreiche Opfer, die unschuldig zwischen Fronten geraten waren. Das Wirken der Mafia und die Folgen sind in Italien medial sehr präsent. Als im Jahr 2009 ein Erdbeben L‘Aquila erschütterte, sei ein Studentenwohnheim komplett zerstört worden, erzählt Romano. Zahlreiche Studenten seien in den Trümmern gestorben. Es habe sich herausgestellt, dass beim Bau des Wohnheims die Mafia ihre Finger im Spiel gehabt hatte und für den Baupfusch verantwortlich sei, da minderwertige Materialien verwendet worden seien. 

Viele Italiener stemmen sich gegen die Mafia, engagieren sich in Gegenbewegungen und haben dadurch z.B. Siegel für „mafiafreie“ Produkte und Gastronomie (z.B. Addiopizzo und Libera Terra) ermöglicht. 

"Unternehmerische Mafia"

„Rückzugsraum“ – dieser Begriff wird gern verwendet, um zu beschreiben, was die Mafia nach Deutschland zieht. Mattioli lehnt diesen Begriff ab, weder Bayern noch Deutschland würde lediglich als Schutzort für Mafiosi dienen, Deutschland sei auch Aktionsraum. Allerdings seien es kaum noch die Schutzgelderpressungen, wie sie lange in Filmen als typisches Mafia-Delikt reproduziert wurden. 

Die Delikte spielen sich inzwischen in ganz anderen Ausmaßen ab, so Mattioli: Gefälschte Autoteile etwa, die bereits ab Werk eingebaut würden, weil Lieferketten nicht „dicht“ seien, oder große Immobilienunternehmen, die zum Zwecke der Geldwäsche in Händen der Mafia seien. 

In Italien gebe es bereits Ermittlungen zu Mafia-Aktivitäten in Finanzinstituten. Mattioli hält es für möglich, dass dies auch ein Thema in Deutschland sei. 

Die Mafia, das hält Mattioli fest, habe ihre Methoden optimiert, sei zu einer „unternehmerischen Mafia“ geworden, die nicht mehr durch blutige Taten die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der volkswirtschaftliche Schaden durch die Mafia lag 2016 bei etwa 171 Millionen Euro. Gerade die deutsche Finanzstruktur sei eine Einladung für Mafiosi. Mehr Transparenz im Finanzsystem könne dies verbessern. Immense Geldsummen, die der Mafia zur Verfügung stehen, seien die Gefahr, weniger das einzelne italienische Restaurant, das mit Rauschgift handle.

Verbot der Mitgliedschaft?

Mattioli erzählt von einem jungen Mann, der in Deutschland in einem italienischen Restaurant gearbeitet hat. Dieser habe ein Buch von Roberto Saviano gelesen, ein Autor, der sich in seinen Werken (z.B. „Gomorrha“) vor allem mit dem Camorra-Clan beschäftigt hat und nun schon seit Jahren unter Polizeischutz steht. Der junge Mann habe in diesen Zeilen seinen eigenen Chef erkannt, ein Mafiosi, der unbehelligt in Deutschland seinem Geschäft nachgehen kann. Ein Paragraph, der die Mitgliedschaft bei der Mafia verbietet, sei zwar vorhanden, so Mattioli, finde aber kaum Anwendung. Dieser werde hauptsächlich zur Verfahrenseröffnung genutzt, deshalb befänden sich so viele Mafiosi auf freiem Fuß.

Was tun?

"Konsumiert kein Kokain“, ist Mattiolis flapsige Antwort auf die Frage, womit die Mafia bekämpft werden könne. Doch hinter diesem Vorschlag steht ein Mechanismus, der Lösungsansätze bietet. 

Der Mafia gehe es um Macht und Geld, so Mattioli, beides hänge aber eng zusammen. Würde der Mafia das Geld weggenommen, würde auch deren Macht schwinden. 

So weit kommt es aber in der Regel nicht: Gewinne aus kriminellen Aktivitäten würden allerdings oft nicht beschlagnahmt. Mattioli erhofft sich vom Gesetz zur Reform der strafrechtlichen Vermögensabschöpfung, das seit zwei Jahren gilt, dass damit den Behörden ein wirksames Werkzeug zur Verfügung stehe. Verdächtige müssen die Herkunft ihres Vermögens offenlegen. Tun sie das nicht, dürfen die Gelder beschlagnahmt werden. Das Gesetz orientiert sich dabei an Regelungen und Vorgehen der italienischen Finanzpolizei. 

Auch internationaler Informationsaustausch der Polizei sei wichtig, so Schulze, in einer vernetzten Welt sei es „Quatsch, bei Ermittlungen an Landesgrenzen aufzuhören“. 

Einig sind sich Schulze und Mattioli darin, dass mehr Ressourcen für die Bekämpfung organisierter Kriminalität notwendig seien. Schulze fordert, die Justiz zu stärken, um den Rechtsstaat stabil zu halten. Dies könne erreicht werden, indem sie von unnötigen Aufgaben entlastet würde. Außerdem sei es notwendig, mehr Ermittler bei der Kriminalpolizei einzusetzen. 

Schulze betont, es gelte aber zunächst „die Stufe Eins erklimmen“ und „Bewusstsein schaffen“. 

Hier finden Sie einen Mitschnitt der Veranstaltung. Weiterführende Informationen gibt es unter www.mafianeindanke.de.

Martina Ahr

Auch interessant

Meistgelesen

Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Zeit für Zweisamkeit: Gewinnen Sie zwei Übernachtungen mit Candlelight-Dinner
Zeit für Zweisamkeit: Gewinnen Sie zwei Übernachtungen mit Candlelight-Dinner
Verkehrsminister Reichhart will das Allgäu bei der Vernetzung der Verkehrsverbünde unterstützen
Verkehrsminister Reichhart will das Allgäu bei der Vernetzung der Verkehrsverbünde unterstützen
Wie reagiert der Mammutbaum auf das veränderte Klima?
Wie reagiert der Mammutbaum auf das veränderte Klima?

Kommentare