Unaufgeregt und faszinierend

Malereien und Grafiken, die berühren – Nicola Molitor im Kleinen Kunstforum

1 von 2
Die Mosel mit Weinbergen hat Nicola Molitor zum Pinsel greifen lassen.
2 von 2
„Crows Killing“.

Kempten – Man hat das Gefühl, dass sie sich hinter ihren Bildern verstecken möchte – physisch. So sehr nimmt sich Nicola Molitor beim Rundgang durch ihre aktuelle Ausstellung – ihrer ersten überhaupt! – im Kleinen Kunstforum 9c als Person zurück. Dreht sich das Gespräch dann aber um ihre Werke, die von den Anfängen bis heute zu sehen sind und doch so viel von der Beobachterin Molitor preisgeben, sprudelt es geradezu aus ihr heraus.

Die ältesten der gezeigten Werke, Zeichnungen aus ihrer Studienzeit, wie die eines Projektes zur Liverpool Cathedral, stammen aus dem Jahr 1967, das jüngste datiert mit 2018. Da macht die 69-jährige Kemptenerin mit Wurzeln in England, wo sie 1948 in Chuckfield, Sussex, geboren wurde, ihrem Ärger über den Brexit Luft. Für die „Brexit-Box“ hat sie in einem kompakten Rahmen schmale Kartonstreifen zu einem Netz verwoben. Unter der Box liegen in ihrer Muttersprache verfasste Texttafeln, denn, wie sie sagt, „stamme ich noch aus einer Zeit, in der viktorianische Sprüche“ gang und gäbe gewesen seien. Frei übersetzt sie: „Je mehr Lügen wir streuen, umso undurchsichtiger wird die Welt.“

Sie erzählt, sie habe schon sehr früh gewusst, dass sie Malen und Zeichnen wolle. Als 14-Jährige habe sie dann in der Schule einen Lehrer gehabt, „der mich sehr unterstützt hat“. Das Resultat war, dass sie im Alter von 15 Jahren statt des dafür üblichen O-Level, bereits das A-Level in der Tasche hatte und mit 16 an das Brighton College of Art wechselte. Dass man dort Wert auf eine sehr breit angelegte Kunstausbildung mit allen erdenklichen Disziplinen, gelegt habe, fand sie „super“. 

Und doch seien ihr in dieser Zeit Zweifel gekommen, „ob ich alleine alles aus mir herausholen kann“, denn „Fine Art“ habe sie als „sehr einsam“ empfunden und deshalb nach dem Vor-Diplom an die damals „ganz neue“ School of Architecture („heute ist das alles Teil der Uni“) gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite gewechselt. In ihrer Ausbildung zur Innenarchitektin hat sie dann gefunden, was ihr in der freien Kunst gefehlt hat: eine „Umrahmung“, zum Beispiel durch das Eingehen auf die Wünsche von Menschen, und auch, dass die Planungen mit einer „direkten Funktion“ verbunden sind. Auf Empfehlung ihres Kursleiters konnte sie im Anschluss im „kleinen Büro mit tollen Projekten“ von Sir Basil Spence in London arbeiten, wo sie fünf Jahre blieb, bis ihr Mann, der Kemptener Architekt Michael Molitor sie ins Allgäu brachte. In seinem Büro hat sie von 1974 bis 1998 mitgearbeitet. Das letzte große Projekt: der Umbau des Kemptener Stadttheaters.

So ist wenig verwunderlich, dass einer ihrer künstlerischen Schwerpunkte auf dem Malen von Landschaften liegt, die von Menschenhand kultiviert oder bebaut sind, oftmals Eindrücke, die sie auf Reisen gewinnt. Kommt man die Treppe zum Ausstellungsraum herunter, läuft man direkt auf ein Bild mit der schnur-begradigten Mosel, die von ebenso akkurat angeordneten Feldern gesäumt wird. Daneben: „one viewpoint, five realities“ vereinigt fünf Lebenswelten: Ausgangspunkt ist eine Sonnenterasse am unteren Bildrand, am Ufer eines Flusses, „der weiß ist“, weil auf der gegenüberliegenden Seite eine Borax-Fabrik liegt. Direkt am Ufer sind die Mastspitzen von Segelbooten in einem kleinen Yachthafen sichtbar, rechts daneben die Wohnblöcke der Fabrikarbeiter und den Hintergrund der ganzen Szenerie schließt eine sanfte toskanische Hügellandschaft ab.

Auch Kemptener Szenen hat sie eingefangen. In vielen Stadien – mit allen Kastanienbäumen bis zu den nur mehr verbliebenen zwei – hat sich Nicola Molitor schon fast dokumentarisch dem Gelände der ehemaligen Wirtschaft „Zum kleinen Xaverl“ mit Biergarten in der Stiftsstadt gewidmet, das quasi vor ihrer Haustür liegt. Aus dem Jahr 2015 stammt die Malerei „Crows Killing“, das entstand, nachdem sie beobachtet hatte, wie vor dem Kornhaus eine Horde von Krähen einen einzelnen Artgenossen traktiert und getötet hat. Auch einen Falken hat sie in Farbe verewigt, der in ihrem Garten „eine ganze Taube gefressen hatte“ und deshalb eine ganze Weile nicht mehr fliegen konnte.

Buntstift, Acryl-, Aquarell-, Ölfarben, Collagen, Zeichnungen.... motivisch ernst bis amüsant – das Spektrum Molitors ist breit gefächert und bewusst gesetzt. Sensibel sind Motiv und Strich ihrer Akt-Zeichnungen und man merkt, dass es keine leeren Worte sind, wenn sie sagt: „Akt male ich sehr sehr gern“. Es sei „der Versuch, mit so wenig Linien wie möglich etwas zu beschreiben“. Eines der besonders berührenden Werke darunter ist „And Clare is No 20“ – es zeigt 20 Frauen mit der Diagnose Brustkrebs, 20 Frauen, die in ihrem direkten Umfeld in einem relativ kurzen Zeitraum daran erkrankt waren.

Vor Kreativität sprühen ihre Weihnachtskarten, die sie seit ihrer Studienzeit jedes Jahr für Freunde und Verwandte entwirft – früher manchmal auch zusammen mit ihren beiden Töchtern Claudia und Rosi – und an sie verschickt. Ins Auge sticht ein Adventskalender auf dem das Schlössle an der Freitreppe abgebildet ist. Ab 1976 wohnten Molitors dort. 1980 hatte sie einen Plan des Gebäudes entdeckt, das von ihrem Schwiegervater, dem Architekt Wolfgang Molitor „rebarockisiert“ wurde, wie sie es nennt. Beim betrachten habe sie festgestellt, dass das Schlössle genau 24 Öffnungen habe, die mit kleinen Zeichnungen von den Töchtern und ihr bestückt wurden – wegen des Arbeitsaufwands in keiner so hohen Stückzahl, wie sie lachend einräumt.

So richtig kraftvoll springen einem die flammenden Rottöne von „Red Beach“ ins Auge. Der Strand „hat wirklich so rot geleuchtet“, erinnert sie sich, nur ein einziges Mal zuvor solch ein Gefühl gehabt zu haben, „dass die Welt gleich explodiert“. Und auch der rote Getränkeautomat in der linken Bildecke habe dort so gestanden.

Es ist eine unaufgeregte, gleichwohl faszinierende Ausstellung, in der viele Details entdeckt werden wollen und jedes Bild eine Geschichte erzählt. Eigentlich habe sie ihre Werke gar nie ausstellen wollen, gesteht Molitor. Aber Ulrike und Heinrich Baur, die „die schönste Galerie nördlich der Alpen haben“, wie sie schwärmt, hätten immer wieder gefragt.

Die Ausstellung mit Malereien und Grafiken von Nicola Molitor im Kleinen Kunstforum in der Hochvogelstraße 9c in Kempten ist Fr/Sa/So 4./5./6. Mai von 16 bis 18 Uhr geöffnet und darüber hinaus bis 31. Juli 2018 nach telefonischer Vereinbarung unter Tel. 0831/56 56 144.

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesen

Feuriges Tanzmusical im Stadttheater
Feuriges Tanzmusical im Stadttheater
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Hallo Kempten! Wir sind die neuen Babys!
Der Internationale Museumstag lockt in Kempten zahlreiche Besucher an
Der Internationale Museumstag lockt in Kempten zahlreiche Besucher an
Merino-Socken für sämtliche Lebenslagen
Merino-Socken für sämtliche Lebenslagen

Kommentare