"Man muss einfach abwägen"

Roland Wintergerst (v.l.), Matthias Brack und Dr. Sabine Weizenegger kämpfen für den Bau des umstrittenen des Lebensmittelmarktes im Dorfpark der Marktgemeinde. Foto: Stodal

In Altusried gibt es derzeit zwei Fronten, die aufeinanderprallen: Auf der einen Seite steht die Bürger- initiative Rathaus-Ortsentwicklung (BI), die den geplanten Bau eines Lebensmittel- marktes im Dorfpark hinter dem Rathaus verhindern will (der KREISBOTE berichteten mehrfach). Auf der anderen Seite steht die im Juni ins Leben gerufene Gruppierung „Mitten in Altusried“, ein Zusammenschluss gleich mehrerer Interessengruppen, deren Mitglieder den Vollsortimenter im Ortskern für eine große, wenn nicht gar die letzte Chance einer Innerortsentwicklung halten.

Unter dem Dach von „Mitten in Altusried“ haben sich im Juni der Gemeinde-Entwicklungsverein Altusried e.V. (GEVA), die Marktgemeinde Altusried, verschiedene Mitglieder des Bürgerteams sowie interessierte Bürger zusammengeschlossen, um über ihre Sicht der Dinge zu informieren und „die vielen Argumente und Halbwahrheiten, die kursieren“, sachlich und fundiert zu entkräften. „Wir wollen eine Entwicklung wie in zahllosen anderen Gemeinden vermeiden, wo alles an den Ortsrand verlagert wurde und der Ortskern verödet“, erläutern Roland Wintergerst (1. Vorsitzende GEVA), Matthias Brack (Gemeinderat, 2. Vorstand Gewerbeverein) und Dr. Sabine Weizenegger (Geschäftsführerin Regionalentwicklung OA und Schriftführerin GEVA) das Hauptargument der Projekt-Befürworter. Ein attraktiver Lebensmittelmarkt an der geplanten Stelle würde langfristig den Ortskern am Leben erhalten, denn zum einen wäre er ein identitätsstiftender Kommunikationsmittelpunkt für Jung und Alt, zum anderen käme ihm eine Magnetfunktion zu, die auch das umliegende Kleingewerbe stärke und Weiterentwicklungsmöglichkeiten böte, sind die Drei sich sicher. „Wenn die Leute erst einmal im Ort sind, gehen sie auch in die anderen Geschäfte. Das belegt unsere Einzelhandelsanalyse und das zeigt die Erfahrung, zum Beispiel in Ottobeuren“, erläutert Matthias Brack. „Die von der BI vorgeschlagene Lösung, den Ortskern mit kleinen Geschäften, einem Bioladen, einer Metzgerei oder Ähnlichem zu gestalten, ist schön und gut, aber da frage ich mich, warum wir seit zehn Jahren sieben oder acht leerstehende Geschäfte im Zentrum haben, die bislang niemand auf diese Weise nutzen wollte.“ Dass für das Projekt der kleinere von zwei nah beieinanderliegenden Dorfparks zum größten Teil verloren gehe, sei natürlich schade, aber dieser werde ohnehin seit Jahren kaum genutzt, meint Sabine Weizenegger, die selbst am Rande des Parks wohnt. „Wenn das Projekt scheitert, wird Feneberg seinen jetzigen Standort über kurz oder lang aufgeben”, ist sie sich sicher. „Dann wird die Gemeinde zur Ausweisung eines Gebietes am Ortsrand genötigt, wo bei der Erschließung ganz andere Kosten entstehen und sehr viel größere Flächen versiegelt werden. Zudem werden sich die kleinen Geschäfte im Zentrum dann nicht mehr halten können“, glaubt sie außerdem. Das Argument „Zerstörung einer grünen Lunge“ will keiner der Drei gelten lassen. „Wir sind ja nicht in der Großstadt. Hundert Meter weiter fangen die grünen Wiesen an.“ Der von der BI angeprangerten Verschleuderung von 1,3 Millionen Euro zur Finanzierung des Projektes halten die Mitglieder von „Mitten in Altusried“ entgegen, die Angelegenheit sei, „ganz im Gegenteil, ein Nullsummenspiel und im Hinblick auf die Parkplätze sogar zum finanziellen Vorteil für die Gemeinde“. Der Erwerb der Parkfläche koste die Gemeinde zwar zunächst 405 000 Euro. Da das Gelände dem privaten Investor aber für voraussichtlich 25 bis 30 Jahre als Erbpacht zur Verfügung gestellt werden soll (und die Restflächen an die Anwohner verkauft werden könnten), werde es langfristig durch den Investor refinanziert und bleibe zudem im Besitz der Gemeinde. Auch die Kosten für die dem Laden zugeordneten rund 50 Parkplätze trage der Investor. Vertraglich soll festgelegt werden, dass die Kunden ihr Fahrzeug auch für anderweitige Erledigungen für ein bis zwei Stunden stehen lassen dürfen und die der Öffentlichkeit abends und am Wochenende unentgeltlich zur Verfügung stehen. Eine Tiefgarage direkt unter dem Parkplatz, vorzugsweise für Dauerparker, ist angedacht – diese würde ebenfalls der Investor vorfinanzieren. Der Kauf und Abbruch des „Fischer Agnes-Hauses“ und des „Metzger-Stadler-Anwesens“ seien unabhängig vom Lebensmittelmarkt zu sehen. Schließlich sei der Kauf und Abriss schon längst erfolgt und stehe nicht im Zusammenhang mit der jetzigen Entwicklung. Blieben nur noch die Kosten für die Querungshilfe über die Hauptstraße (einschließlich Planungskosten ca. 110 000 Euro netto), sowie für die zwei Zufahrten mit insgesamt 22 großteils öffentlichen Parkplätzen, die mit 222 000 Euro netto zu Buche schlagen. Aus letzterem werden noch Erschließungsbeiträge berechnet, die vom Investor zu erstatten seien. Von den von der BI in den Raum gestellten 1,3 Millionen Euro könne also keine Rede sein. Auch das von der BI befürchtete künftig zunehmende Verkehrschaos sehen die Projekt-Befürworter nicht: Feneberg selbst rechnet langfristig mit lediglich rund 100 Fahrzeugen mehr pro Tag. Der Anlieferverkehr zum Markt umfasst vier bis fünf Lkws über 7,5 t und drei Lkws bis 7,5 t. „Ob das ein Verkehrschaos auslöst, lasse ich mal im Raum stehen“, meint Brack. Dafür werde die neue Zu- und Ausfahrtssituation im Gegensatz zum jetzigen Feneberg-Markt deutlich mehr Sicherheit bieten. Keine Prognose Woran man angesichts von rund 8900 Fahrzeugen, die den Ort täglich passieren, aber auf jeden Fall mit Hochdruck weiterarbeite, sei eine Ortsumfahrung. Diesbezügliche Pläne sind mittlerweile im Bayerischen Ausbauplan für Staatsstraßen unter die zehn wichtigsten Projekte vorgerückt. „Jedes Projekt hat Vor- und Nachteile und wir sind uns natürlich der Problematik für die Anwohner bewusst“, räumt Brack ein. „Aber die Entscheidung für die jetzige Lösung ist im Lauf von zehn Jahren intensiver Beschäftigung mit dem Thema gereift – eine Zeit, in der wir im Bürgerteam übrigens 12 Standorte für den Markt intensiv geprüft haben. Letztlich muss man einfach abwägen, was dem Allgemeinwohl am meisten zu Gute kommt.“ Wie der Bürgerentscheid und das Ratsbegehren am 23. September ausgehen, darüber wagen die Drei keine Prognosen abzugeben. „Das wird noch ein hartes Stück Arbeit für uns, aber wir sind guten Mutes“, so Roland Wintergerst. Gemeinderat Matthias Brack gibt zu: „Ich bin froh, dass letztendlich die Bürger selbst entscheiden. Danach wird die Zeit zeigen, wie sich das Ganze weiterentwickelt. Aber ganz sicher sehe ich die Mitglieder der Bürgerinitiative bei der nächsten Kommunalwahl als Kandidaten in der Verantwortung.“ Weizenegger hofft, „dass es uns gelingt, eine hohe Wahlbeteiligung zu erreichen, denn damit steht und fällt das Ganze.“ Wird das Quorum nicht erreicht, greifen übrigens die bisher gefassten Gemeinderatsbeschlüsse, das heißt: der Markt wird gebaut. „Mitten in Altusried“ lädt im Vorfeld der Entscheide zu Informationsveranstaltungen ein. Diese finden an folgenden Terminen jeweils ab 20 Uhr statt: Montag, 10. September, im Festsaal in Frauenzell, 11. September im Gasthof Hirsch in Krugzell und 12. September im Rössle-Saal in Altusried. Die für letzteren Termin geplante Podiumsdiskussion kann aufgrund der Absage der BI nicht stattfinden.

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