Mit Zuckerwatte durch die Krise

Markthändler aus Wildpoldsried betreibt Süßwarenstand nun »vor der Haustür«

Süßigkeitenwagen in der Marktoberdorfer Straße
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Mandelduft in der Marktoberdorfer Straße: Der Wagenstand von Julius Müller in Wildpoldsried kommt gut an. Gebrannte Mandeln gehen am besten weg.

Wildpoldsried – Krisen machen kreativ. Weil dieses Jahr Stadtfeste und Jahrmärkte Corona bedingt ins Wasser fielen und nun auch noch die Weihnachtsmärkte abgesagt wurden, hat ein Wildpoldsrieder seinen Zuckerwarenstand in der eigenen Garageneinfahrt aufgebaut.

Julius Müller, der sonst mit seinem Wagen voller Leckereien und Süßigkeiten von einem Jahrmarkt zum anderen tingelt und Groß und Klein mit Naschereien beglückt, ist ohne Märkte arbeitslos. Und doch geht er auch jetzt jeden Tag zur Arbeit: ein Stockwerk hinunter in die Hofeinfahrt, wo sein Verkaufswagen seit der Corona-Pandemie permanent geparkt ist.

Das Dorf liebt den »Candyman«

„Ich bin froh, dass ich so wohne, sagt der 54-Jährige, „viele meiner Kollegen haben nicht diese Möglichkeit.“ Die Wildpoldsrieder sind indes begeistert. „Ein paar haben mich schon gefragt, ob der Wagen jetzt immer hier bleiben kann.“ Begonnen hat alles im Frühjahr diesen Jahres, als das Land den ersten Lockdown erlebte. Julius Müller stellte seinen Schaustellerwagen und das kleine Karussell in seinem Hof ab und überlegte, was wohl Laufkundschaft anlocken könnte.

Softeis mit gebrannten Mandeln

„Ich habe mir dann eine Softeismaschine geliehen, um auszuprobieren, wie das läuft“, erinnert sich der Marktfahrer, „dann habe ich selber in eine investiert.“ Denn der Eisverkauf kommt prima an. Nicht nur, weil das Vanilleeis mit gebrannten Mandeln bestreut ist. Dass es im Dorf Schokofrüchte, Zuckerwatte und andere Süßwaren zu kaufen gibt, spricht sich schnell herum. Die Lage an der Hauptstraße begünstigt auch Gelegenheitskäufe, schon von Weitem ist der süße Duft der kandierten Nüsse zu vernehmen. „Ich bin richtig toll überrascht, wie jeden Tag die Leute kommen und wirklich unglaublich dankbar, wie sie mich unterstützen.“

Von Mund zu Mund

Durch Mundpropaganda hat sich ein kleiner Kundenstamm gebildet. „Sogar aus Marktoberdorf waren schon welche da!“, freut sich Julius Müller, „die Leute teilen das im Internet und in WhatsApp.“ Selber habe er noch nie Werbung gemacht. Normalerweise würden die Menschen auf den Stadtfesten und Jahrmärkten einfach auf ihn zukommen, um ihn für Events anzufragen oder zu Märkten einzuladen. „Das Kloster Andechs bucht mich zum Beispiel jedes Jahr für das Kinderfest.“ Aber diese Einnahmequellen fallen nun weg. Mit dem Stand in Wildpoldsried macht Müller nur etwa ein Zehntel seines normalen Umsatzes. Wenn am Ende des Tages 80 Euro in der Kasse sind, ist das schon viel. „Und das ist nur der Umsatz“, weiß der vierfache Vater, „ich habe ja auch ohne Standgebühren Kosten.“ Allein ein 25 Kilo-Sack Mandeln koste um die 250 Euro.

»Ich will keine Almosen«

Im Frühjahr habe er daher auch die Soforthilfe der Regierung beantragt und ohne Probleme bekommen. Nun bestehe die Möglichkeit, über den Steuerberater einen zweiten Zuschuss zubekommen, aber der Markthändler hadert mit dieser Idee: „Ich bin nicht der Typ dafür, habe noch nie was vom Amt genommen und will keine Almosen.“ Auch die Beantragung der Grundsicherung sei „nicht sein Ding“. Stattdessen schmiedet er Pläne für den Advent: Glühwein und Waffeln könnten bald im Angebot sein. Auch das Karussell möchte der Familienvater bald wieder in Betrieb nehmen.

Wie weiter ohne Weihnachtsmarkt?

Die Adventszeit ist normalerweise die umsatzstärkste Zeit für Marktfahrer. Müller hat seinen Stand jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt in Kaufbeuren. Lange hätten die Veranstalter dort um eine Lösung gerungen, schlussendlich aber eine Absage erteilt. „Ich hab immer gedacht, dass mein Beruf krisensicher ist, weil Süßes wollen Kinder doch immer.“ Ans Aufhören oder Umsatteln denkt er trotzdem nicht: „Was soll ich in meinem Alter denn noch anderes anfangen? Es gab schon immer Krisen und Katastrophen, da muss man eben kämpfen.“

Glühwein To-Go

Julius Müller wird weiterhin von Dienstag bis Samstag, 11 bis 18 Uhr in seinem Wagen stehen und Süßigkeiten verkaufen. Und im Advent auch sonntags.Die Gemeinde hat unterdessen signalisiert, dass sie bei Lockerungen der Corona-Regeln eine Ausschankgenehmigung erteilen würde. Das könnte Wildpoldsried dann doch noch den wahrscheinlich kleinsten Weihnachtsmarkt der Welt bescheren. So oder so bleibt Müller optimistisch: „Ich bin immer schon Marktler. Das muss man wollen und lieben!“

Lena Fuhrmann

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