»Es kommen vermehrt Jüngere« 

Markus Wille vom BRK spricht über den wachsenden Zustrom bei den Kemptener Tafeln 

Theo (l.), Marianne (M.) und Elisabeth (r.) helfen ehrenamtlich am Montag und Freitag in der Ta- fel Sankt Mang. Dort gibt es für Berechtigte u.a. Brot, Gebäck und Blumen umsonst, für andere Artikel wie Leberkäs oder Waschpulver muss ein kleiner Obolus entrichtet werden.
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Theo (l.), Marianne (M.) und Elisabeth (r.) helfen ehrenamtlich am Montag und Freitag in der Tafel Sankt Mang. Dort gibt es für Berechtigte u.a. Brot, Gebäck und Blumen umsonst, für andere Artikel wie Leberkäs oder Waschpulver muss ein kleiner Obolus entrichtet werden.

Kempten – Seit vielen Jahren versorgen die Tafeln in Kempten Menschen mit geringen Einkommen mit Gütern des täglichen Bedarfs. Die Tafeln sammeln überschüssige, aber gute Lebensmittel und geben diese gegen einen kleinen Obolus an diejenigen weiter, die sich diese sonst nicht leisten könnten. 

Über 120 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind für die Tafeln in Kempten tätig, sie holen die Lebensmittel von den Spendern ab, sortieren sie und helfen bei der Ausgabe. Die Waren beziehen die Betreiber der Tafeln, das Bayerische Rote Kreuz (BRK) und die Caritas, von über 60 Spendern aus dem gesamten Allgäu, darunter viel Bäckereien, große Discounter, Speditionen, aber auch Lebensmittelproduzenten wie Käsereien und Hersteller von Babynahrung. Bezugsberechtigt sind Personen, deren Einkommen aktuell 500 Euro für Alleinstehende und 300 Euro je weiterer im Haushalt lebenden Person nicht übersteigt sowie Hartz-IV-Empfänger. 

Corona schlägt durch 

Bedingt durch die Infektionsschutzmaßnahmen wird von den Mitarbeitern und den täglich rund 150 Kunden der Tafeln noch mehr abverlangt. In den Läden müssen die A-H-A-Regeln befolgt werden und jeder Kunde darf sich zur Auswahl der Waren nur noch fünf Minuten im La- den aufhalten. Der beliebte „zwischenmenschliche Ratsch“, wie ihn der Koordinator der Tafeln Markus Wille vom BRK bezeichnet, bleibt auf der Strecke. Der Kreisbote hat bei Wille nachgefragt, was sich seit Beginn der Pandemie bei den Tafeln verändert hat, sind die karitativen Ausgabestellen doch ein guter Indikator für eine sich ausbreitende Verarmung in einkommensschwachen Gesellschaftsschichten. D

er Andrang auf die Tafeln hat sich in Zeiten von Corona signifikant erhöht, heute kommen rund 20 Prozent mehr Menschen zu den drei Ausgabestellen des BRK und der Caritas. Wie Wille sagt, hat sich „seit Beginn der Pandemie zudem die Zusammenstellung der Tafelkunden verändert – zu unseren Kunden, die von Sozialleistungen, einem geringen Einkommen oder wenig Rente leben, kommen nun vor allem junge Menschen, denen der Hauptbestandteil ihres Einkommens fehlt. Mit zahlreichen Kindern und Kurzarbeitergeld oder fehlendem Trinkgeld aus Gastronomie und dem Dienstleistungsgewerbe ist oft am 20. des Monats das Einkommen verbraucht“. 

Spitz auf Knopf

In der Zeit vor Corona haben viele Menschen in Deutschland Anschaffungen über Finanzierungen getätigt, das verfügbare Einkommen wurde dabei oftmals durch monatliche Raten bis zum Anschlag in Anspruch genommen. In der wirtschaftlichen Krise reduziert sich das tatsächliche Einkommen bei Kurzarbeit auf 60 bis 67 Prozent des Nettoentgelts, Trinkgelder und Provisionen fallen in vielen Berufen ganz weg. Wirtschaftlich Betroffene der Pandemie sind zudem Soloselbstständige und Menschen, denen das Zweiteinkommen wegfällt (Quelle: Tafel Deutschland e.V.). Dann wird es knapp für die Betroffenen und nach anfänglicher Scheu wird auch in Kempten der Weg zu einer der Ausgabestellen für Lebensmittel gesucht.

Laut Wille kommen „seit etwa einem halben Jahr vermehrt junge Menschen zur Tafel, die pandemiebedingt plötzlich über viel weniger Einkommen verfügen. Das Ersparte ist langsam aufgebraucht und beim Lebensmitteleinkauf muss nun gespart werden. Diese Kunden kommen anfangs nur sehr schamhaft und zögerlich zu uns. Aber wenn sie merken, dass unsere Ausgabestellen wie kleine „Tante-Emma-Läden“ funktionieren und man keine „Almosen“ zugeteilt bekommt, dann betrachten es viele wie einen „normalen“ Einkauf.“ Den ehrenamtlichen Mitarbeitern der Tafeln fällt auf, dass viele Kunden nicht mehr täglich kommen, sondern nur noch zwei bis drei Mal die Woche. Niemand braucht allerdings Sorgen haben, dass nur der „mahlt, der zuerst kommt“. „Unsere Mitarbeiter füllen während der Öffnungszeiten laufend die Regale auf, so dass auf alle unsere Kunden ein ausreichendes Angebot wartet“, so Wille. Hatte es zu Beginn der Flüchtlingskrise teilweise Spannungen mit den neuen Besuchern der Tafeln gegeben, so hat sich die Situation heuer merklich entspannt. „Menschen aus Ländern wie Syrien oder Afghanistan kennen kein westliches Convenience-Food. Sie bevorzugen naturbelassene Nahrungsmittel wie Linsen, Hirse, Mehl und Speiseöl und bereiten sich daraus ihre Lebensmittel. Folglich kommen sie dann seltener zu unseren Tafeln“, weiß Wille zu berichten.

Gefragt nach der psychischen Belastung durch die Corona-Krise bei den Kunden der Tafeln antwortet der Koordinator: „Unsere Kunden leiden sehr unter den aktuellen Kontaktbeschränkungen, da beim Besuch der Tafeln oft der einzige Sozialkontakt am Tag entsteht.“ So fällt aufgrund der Infektionsschutzbestimmungen derzeit leider auch der Besuch der Wärmestube flach – für viele Betroffene ein Ort der Begegnung und des Austausches mit anderen.

Jörg Spielberg

Arbeitslose im Allgäu im März 2021 und Info zu Tafeln 

• 13.127 arbeitslos gemeldete Personen (+ 32 Prozent zum Vor- jahresmonat)
• Kurzarbeiterquote (valide Daten nur bis November 2020) Nov. 2020 Kurzarbeiterquote bei sv-pflichtigen Beschäftigen 10,1 Prozent, nominal 28.500 Beschäftigte auf Kurzarbeit (Quelle Arbeitsagentur Kempten - Memmingen)

• Bundesweit werden 948 Tafeln mit rund 2.000 Ausgabestellen von gemeinnützigen Organsiationen betrieben. Vor Corona waren dort rund 60.000 Helfer tätig, darunter 60 Prozent über 65 Jahre (Corona-Risikgruppe), Versorgung von rund 1,65 Millionen Bedürftigen in Deutschland (Quelle: Pressestelle Erzdiözese Köln)

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