Im Untergrund wird's bunt

"Underground ART Project - U1" im Freudenbergtunnel nimmt Fahrt auf

+
Die Künstlergruppe K-art-on auf Fahrt im von Traudl Gilbricht gestalteten U-Bahn-Waggon in der Freudenbergunterführung, deren von Ahmad Bandakji mit einfahrender U-Bahn bemalter „Einstieg“ sich im Fenster spiegelt.

Die erste U-Bahn-Linie in Kempten hat seit dem gestrigen Freitagabend an der Station „Freudenbergtunnel“ Fahrt aufgenommen – wenn auch nicht im ganz herkömmlichen Sinne.

Denn der Termin steht für die Eröffnung des „Underground ART Project - U1“, mit dem die Künstlergruppe K-art-on, wie ausführlich berichtet, den seit Jahren vor sich hindümpelnden Freudenbergtunnel mindestens temporär ein bisschen Leben einhauchen möchte. Nach einem monatelangen Kraftakt der Mitglieder, allen voran Bernd Henkel und Traudl Gilbricht, ist es nun soweit und die Show kann beginnen.

Zum „Einstieg“ hat der aus Syrien stammende Ahmad Bandakji die Treppen bemalt; auf der Seite Fischerstraße fährt ein U-Bahn-Zug ein – gelbe Streifen deuten die Gleise durch die Unterführung an – auf Seite Bahnhofstraße zeigt das U-Bahn-Hinterteil den ausfahrenden Zug. Zum ersten Mal in seinem Leben habe er eine Treppe bespielt, wie er sagt, und auch dass er sie „zusammen mit anderen“ Künstlern, in diesem Fall mit seiner Künstlergruppen-Kollegin Eva-Maria Urbat gestaltet hat, sei eine Premiere und „super Erfahrung“; dies übrigens auch für Urbat, die dem jungen Mann auch in ihrem – nennen wir es „Abteil“ eine Plattform gegeben hat. Anders als bei anderen Gemeinschaftsausstellungen und in der Kunstszene eigentlich eher unüblich empfindet auch Barbara Wolfart „die Kooperationen“, die sich innerhalb der Gruppe immer wieder ergeben hätten und dass man „sich gegenseitig geholfen hat“.

Aber der Reihe nach. Nehmen wir die Treppe Fischerstraße nach unten und wenden uns nach rechts, wie es laut Marketingexperten die meisten Besucher von Ausstellungen aller Art wohl zu tun pflegen. Da steht scharf rechts gleich ein von Traudl Gilbricht humorvoll modifizierter Fahrkartenautomat.

Das erste sozusagen „Abteil“: ein großes Schaufenster, das sich drei Künstlerinnen teilen. Eva-Caroline Dornach liebt es unter anderem „Verwurzelt“, was sie mit einem an der Decke befestigten Baumstumpf mit beeindruckendem Wurzelwerk dokumentiert; für sie ein Sinnbild dafür, „dass man verwurzelt bleibt“, selbst wenn man weggeht, aber auch für die Heimat selbst. Nichts fasziniere sie mehr als ein verlassenes Haus, sagt sie; so auch diese Unterführung. Der wie zufällig an der Wand befestigte Schlüsselbund symbolisiert für sie einen „Überrest menschlicher Präsenz“ im abgeschlossenen Raum.

Direkt daneben hat Bärbl Auer das Thema Treppe aufgegriffen und in bewusst „schepser“ Optik als Optionen „Runter oder rauf – Irrweg oder Ausweg“ zur Disposition gestellt.

Direkt daneben schwingt Putzfrau Martha, eine Frau „mit Migrationshintergrund“, wie Barbara Wolfart sie vorstellt, den Wischmopp. „Putzen oder gleich abreißen“ – wie „auch mein erster Gedanke hier“ – hat sie die Assemblage getauft, in der sich das Bild räumlich durch Bauschutt und Putzhandschuhe fortsetzt. Als Lichtinstallationen hat sie Putzeimer und Wischmopp kreiert und auch die im Untergrund unvermeidlichen Ratten haben sich hier breitgemacht, die die Keramikerin Gisela Engelmayer als witzige Charaktere beigesteuert hat und auch an anderen Stellen ihr freches Unwesen treiben lässt.

„Eintauchen“ lässt Urbat Neugierige durch Taucherbrillen in ihr ganz eigenes Universum, das im nächsten „Abteil“ tatsächlich an eine faszinierende Galaxie erinnert. Es ist eine Welt aus leuchtend-fantastischen Planeten, die sie im stockfinsteren Raum aus Papier und Streichhölzern geschaffen und gezielt beleuchtet hat; das surreale Abbild eines Außerirdischen hat Bandakji erschaffen, indem er das gemalte Bild eingescannt und via PC bearbeitet hat.

Das „Duranand“ und „Hin-und-her-Gerenne“ in der U-Bahn wollte Werner Nather in seinem Abteil darstellen, wofür er menschliche Figuren mit Plotter aus Folie ausgeschnitten und aufgeklebt hat. Eigentlich arbeite er ja mit Stein und Metall, „aber das passte hier nicht so“, da habe er einfach etwas Neues ausprobiert, sagt er.

Den einstigen Durchgang zum Zentralhaus hat die Stadt ihrerseits mit einer optisch gestalteten Wand verschlossen. Lediglich die Videoarbeit darin stammt von Dornach, die sich darin damit auseinandersetzt, dass die „Zwischenmenschlichkeit in unserer hektischen Zeit zu oft auf der Strecke bleibt“.

An der Stirnseite hat Traudl Gilbricht ihren ersten Gedanken zum Freudenbergtunnel aufgegriffen, „eine U-Bahn“, und die Ladenfläche als U-Bahn-Waggon mit schemenhaften Fahrgästen bespielt, denn „in der U-Bahn nimmt man Menschen eigentlich nur als Silhouetten wahr“.

Und schon geht‘s in die „Döner-Disco“ von Bernd Henkel. Ein Euro in den Kasten geschmissen und die drei glitzernd-bunt bestückten Dönerspieße drehen sich fünf Minuten lang im Licht zu orientalischer Discomusik. Es sei die „Krönung aller Döner Läden – wenn man sich von den Ratten nicht abschrecken lässt“, lacht Henkel und weist auf die sichtlich Spaß habende tönerne Rattenfamilie in einer Ecke aus der Werkstatt von Engelmayer.

Alles fest im Blick hat „Gina“ das „U-Bahn Girl“ das, wie ihre Erschafferin Monika Herlein meint, „offensichtlich wartet“ und als bemalte Holzplatte an der Wand neben der Disco lehnt.

Ihr schließt sich eine Glasfront an, hinter der Wolfart in ihrer Installation „sprachlos“ ihren Grundgedanken umgesetzt hat, „dass unsere Sprache verarmt“ und wir uns heute nur mehr durch Zeichen, Abkürzungen und Ähnliches unterhalten. Sie hat – im Atelier von Engelmayer – aus Keramik Hände mit unterschiedlichen Gesten, z.B. für „vorsicht“, „victory“ oder „super“ gefertigt.

Ein letztes Mal breiten sich Engelmayers Untergrundratten ein Abteil weiter aus, wo sie passend das Loch bevölkern, in dem Dornach eine Strickleiter als Symbol für einen „manchmal ungewöhnlichen Ausweg“ drapiert hat.

Ansagen aller Art gibt es im „Abteil“ von Helga Cappel. Die Wahrsagerin hat sie aus mit Kohle schwarz gefärbtem Untergrund herausradiert.

Die Wände der Unterführung hat sich Spayer Robert Wilhelm vorgeknöpft und farbenfroh, unter anderem mit baulichen Wahrzeichen Kemptens, bestückt. In der DJ-Szene bekannt als „lsyning“ hat Lysander Heuson eigens Sound aus verschiedenen Geräuschen für das U1-Projekt kreiert, der „in non-linearer Form als Dauerschleife läuft“, so Glibricht.

Ja, und zu guter Letzt: Eigentlich ist es ja ein ganz normales Werbeplakat mit drei Portraits, das da in dem Fenster links vom Ausgangspunkt der „Rundreise“ auch zur Firma im Raum dahinter gehört und von Henkel durch Sprechblasen kurzerhand mit künstlerischer Freiheit in den Raum integriert wurde.

Das U1-Projekt im Freudenbergtunnel ist noch bis 16. September 2017 täglich von 9 bis 20 Uhr frei begehbar. Interessante Hintergrund-Geschichten, Statements von den Künstlern und Bilder vom Entstehen des Projekts liefert auch die vielerorts gratis ausliegende „UNDER-

GROUND-Zeitung“.

Christine Tröger

Auch interessant

Meistgelesen

Von Müll-Ansammlern und Müll-Verweigerern
Von Müll-Ansammlern und Müll-Verweigerern
Maria Profanter rühmt unsere Denkkraft in ihrer Ausstellung
Maria Profanter rühmt unsere Denkkraft in ihrer Ausstellung
Ankündigung eines Amoklaufs als "unbedachte Äußerung"
Ankündigung eines Amoklaufs als "unbedachte Äußerung"
Kinderschutzbund Kempten feiert 40. Geburtstag
Kinderschutzbund Kempten feiert 40. Geburtstag

Kommentare