Matthäus Heubel

Allgäuer Baumeister des 16. Jahrhunderts im Thurgau und in St. Gallen

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Dem Schlössli in St. Gallen sieht man die bauliche Verwandtschaft mit Schloss Altenklingen im Thurgau an.
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Ähnlich wie bei der Turmrenovierung 1913 dürfte der Kirchturm der St.-Mang-Kirche eingerüstet gewesen sein, als Meister Heubel 1570 auf dem Turmknauf stand.

Kempten – Was im Sommer des Jahres 1586 dem Kemptener Stadtbaumeister Matthäus Heubel geglückt ist, klingt unglaublich: In nur elf Wochen Bauzeit gelang es ihm, ein Schloss im Thurgau im Rohbau fertigzustellen und unter Dach zu bringen. 

Dies beeindruckte auch die Bauherren, die St. Galler Patrizierfamilie Zollikofer, so sehr, dass sie ihm einen Folgeauftrag gaben. Ein Jahr später begann Heubel mit dem Bau eines Stadthauses für Lorenz Zollikofer in St. Gallen: das „Schlössli“ an der Zeughausgasse.

Ein Mann für alle Fälle

Über Matthäus Heubels Leben ist nur wenig bekannt. Dafür haben überraschend viele seiner Bauwerke – auch dank seiner qualitätsvollen Handwerkskunst – die Zeiten überdauert. Heubel stammte aus dem Weiler Eggen bei Martinszell und wurde ohne Geldzahlung aus der stadtkemptischen Leibeigenschaft entlassen, bevor er 1564 Werkmeister der Reichsstadt Kempten wurde. Obwohl ursprünglich Maurermeister, beherrschte Heubel auch die Konstruktion von Dachstühlen.

„Meister Mathis“ hatte außerdem unternehmerisches Talent mit einem Gespür für spektakuläre „Werbemaßnahmen“. Großes Aufsehen erregte 1570 seine Aktion zur Fertigstellung des Turmhelms der Stadtpfarrkirche St. Mang in der Reichsstadt Kempten: Der Rat der Stadt war mit seiner Arbeit so zufrieden, dass Heubel neue Kleidung als Bonus bekam. Bei der Einweihung zog er, in 60 Meter Höhe auf dem goldenen Turmknauf frei stehend, seine alte Kleidung aus und die neue an, bestaunt vom Publikum auf dem Kirchplatz.

Über mehr als 40 Jahre war er städtischer Baumeister mit Dienstwohnung am Mehlmarkt. 1585 begann er mit Erweiterung und Ausbau des Gebäudeensembles am Illertor, das heute als „Beginenhaus“ und „Nonnenturm“ bekannt ist. Das zweigeschossige Vorderhaus stockte er um ein Geschoss auf und versah es mit einem neuen Dachstuhl. Im Hinterhaus, dem „Nonnenturm“, wurde im zweiten Stock eine Wohnung für die Schwiegermutter des Hausbesitzers, des Bürgermeisters Raimund Dorn, eingebaut. Ebenfalls für die Patrizierfamilie Dorn errichtete Heubel ab 1593 das „Schlössle“ an der Fischerstraße, ein hoher Renaissancebau mit Turmerkern.

Für die Stadt ertüchtigte Heubel unter anderem die Stadtbefestigung. Für den Ausbau des Rieggerturms an der schwachen Westseite der Stadtmauer legte er einen Entwurf vor. Dieser Turm war der einzige der Kemptener Stadtumwehrung, der für den Einsatz von größeren Kanonen geeignet war.

Gut bezahlter Außendienst

Heubels Können hat sich bis in den Thurgau herumgesprochen, vielleicht durch verwandtschaftliche Beziehungen der St. Galler Patrizierfamilie Zollikofer in die Reichsstadt Kempten. Als Heubel zusammen mit dem Zimmerermeister Georg Vögelein unter Aufsicht des Amtmanns Erhart Schäch am 28. April 1586 mit dem Bau des Schlosses Altenklingen begann, konnte er nicht ahnen, wie hold ihm das Wetterglück sein würde: kein Regen in elf Wochen Bauzeit. In der langen Bauinschrift wird auch betont, wie gut und prompt die Bauleute vom Bauherrn Leonhard Zollikofer, dessen Familie ursprünglich aus Konstanz stammte, bezahlt wurden, etwas Wichtiges „in Zeit der Theurung und der Noth“.

Folgerichtig vertraute Leonhards Neffe, der Fernhändler Lorenz II. Zollikofer, ein Enkel des Reformators Vadian, dem so erfolgreichen Baumeister ein weiteres Großprojekt an. So baute Heubel ab 1587 in St. Gallen das „Schlössli“ neben dem Spisertor, nachdem der Rat der Stadt dem „fremden“ Baumeister eine Ausnahmeerlaubnis erteilt hatte. Das Gebäude sieht aus wie eine kleine Version von Altenklingen mit seinen für Heubel typischen Ecktürmchen und dem Treppengiebel. Für seine Aufträge in der Fremde, zum Beispiel an der Leutkircher Walkmühle, erhielt Heubel vom Kemptener Rat Sondergenehmigungen.

Birgit Kata, M.A.

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