Geburtstag eines besonderen Konzepts

Die rpk Kempten begleitet psychisch kranke Menschen seit 25 Jahren zurück ins Leben

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Beschwingter Abschluss: Rhythmusbeitrag der Trommelgruppe.

Kempten – „Jetzt schau ich nach vorn, hab neue Ziele; ich weiß, mein Weg, der wird nicht leicht.“ Thomas Reithmeier steht mit seiner Gitarre auf der Bühne des Großen Kornhaussaals. Seine Augen sind geschlossen, wenn er den Refrain seines Liedes singt. Aus dem Publikum ist kein Laut zu hören.

Erst als er sein Lied beendet hat, braust tosender Applaus auf. Reithmeier hat die rpk positiv abgeschlossen und steht jetzt „wieder voll im Arbeitsleben“. Dafür möchte er sich bedanken, wie er sagt, bevor sein Lied anstimmt. Zur Geburtstagsfeier der „Facheinrichtung zur medizinischen und beruflichen Rehabilitation psychisch kranker Menschen“ (rpk) sind Ärzte, Psychologen, Pädagogen, Bezugspersonen, Arbeitsanleiter, Rehabilitanden, Ehemalige, Vertreter regionaler Firmen, Verantwortliche und Inhaber politischer Ämter ins Kornhaus gekommen und blicken gemeinsam mit den Rednern in die Geschichte der Rehabilitationseinrichtung und in ihre Zukunft und Gegenwart.

In insgesamt sechs unterschiedlich intensiv betreuten Wohngemeinschaften in der Kemptener Innenstadt sind die Rehabilitanden untergebracht. An eine medizinische schließt sich oft eine berufliche Reha an. Praktika bei verschiedenen Firmen, die eventuell in Teil- oder Vollzeitarbeit münden, sowie begleitete Arbeitstrainings in Waltenhofen sollen Orientierung und Selbstbewusstsein geben. Zum Konzept gehören auch Übungsfirmen. „In Gesprächen mit den Ärzten, Bezugspersonen und Anleitern legen wir Maßnahmen fest“, sagt einer der Rehabilitanden am Rande der Feier. Die Arbeitstage sind durch Stundenpläne gegliedert und dauern unterschiedlich lang, erzählen andere. Seit drei Jahren sind die Plätze im Haus voll belegt.

Kemptens Oberbürgermeister Thomas Kiechle sagte im Namen der Stadt danke dafür, dass die rpk Menschen in geschützter Atmosphäre wieder zurück in ein selbstbestimmtes Leben führe. Er betonte, dass „jeder Mensch irgendwann einmal krank werde, der eine mehr, der andere weniger, mit mehr Selbstheilungskräften oder weniger“, weshalb die rpk aus den Angeboten der Stadt nicht mehr wegzudenken sei.

Geschäftsführer Berthold Gawlik, der mit der Kemptener Einrichtung bereits die fünfte in seiner Laufbahn leitet, blickt positiv in die Zukunft: „Das Team der rpk Kempten ist sicherlich das engagierteste, das ich bisher erlebt habe.“

Auch mit der Vernetzung ist er zufrieden. Er betonte, wie wichtig es ist, mit Fachkliniken, Arbeitgebern, dem Jobcenter und der Arbeitsagentur in Kontakt zu stehen. Besonders am Herzen lagen ihm hier die Schulen und Bildungsträger, da viele Rehabilitanden Umschulungen oder Ausbildungen machten oder noch keinen Schulabschluss hätten.

Nicht immer sah es so gut aus, wie Thomas Düll erzählte. Er ist Vorstandsvorsitzender der Bezirkskliniken Schwaben, die die Einrichtung vor drei Jahren kurz vor einer Insolvenz übernommen haben. „Die rpk passt einfach zu den Bezirkskliniken Schwaben“, sagte er, „Rehabilitation stellt im Gesamtgebilde unseres Unternehmens einen sinnvollen und notwendigen Baustein dar.“ Düll zeigte sich stolz, dass 80 Prozent der entlassenen Rehabilitanden ihre Ziele erreicht haben. Insgesamt beklagte er jedoch, dass es noch zu wenige Reha-Einrichtungen für psychisch Erkrankte gebe. Er sprach hier von einem „gesundheitspolitischen Skandal“.

Auf die künftige Aufgabe, die Finanzierung und Wirtschaftlichkeit der rpk zu garantieren, wies Bezirkstagspräsident und Verwaltungsratsvorsitzender der Bezirkskliniken Jürgen Reichert hin. Er unterstrich, wie wichtig neben einer Integration im Privatleben auch die berufliche Integration sei, das hätten auch die Verantwortlichen vor 25 Jahren bemerkt und für das Pilotprojekt den Standort Kempten gewählt.

Dass die Krankheitsrate bei den psychischen Erkrankungen noch weiter zunehmen werde, führte Raimund Steber, stellvertretender Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Memmingen aus. Bereits jetzt müsse man bei Depressionen, Burn out, Borderline-Syndrom von Volkskrankheiten sprechen. „Jede zweite Verrentung geht auf eine psychische Erkrankung zurück“, sagte Steber. Er ließ in seinem Vortrag die zukünftige Arbeitswelt vor den Augen beziehungsweise Ohren der Zuhörer aufleben: Drohnen als Lieferanten, Roboter im Straßenbau, bereits jetzt würden Medikamentenrationen in Kliniken von Computern zusammengestellt. Durch die zunehmende Digitalisierung seien viele Arbeitsplätze ersetzbar und die Arbeitslosigkeit steige bei jungen, nicht gut ausgebildeten Kräften. Mit der Digitalisierung gehen somit nicht nur Chancen, sondern auch Risiken einher. Zum Beispiel steige der Druck, effizienter zu sein. „Und die Zahl an Nischenarbeitsplätzen für Menschen, die weniger belastbar sind, nimmt ab.“

Für einen beschwingten Schluss sorgte die Trommelgruppe der Rehabilitanden. War den Gesichtern die Anspannung vor dem Auftritt deutlich anzumerken, klopften, rasselten und schlugen sie den Rhythmus immer gelöster. Auch das Publikum war hörbar begeistert und wiegte und Klatschte zum Beat.

Susanne Kustermann

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