Erinnerung und Realität

Ausstellungsprojekt "MAP, MIND, MEMORY" spielt mit der Wahrnehmung

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Kunsthallenstipendiat Bertram Schilling neben „Batterie“ von Thomas Wohlgenannt. Im Hintergrund ist „Park“, eine seiner eigenen Malereien, zu sehen.

Kempten – Softwareprogramme beschäftigen sich damit und auch anderweitig wird gern in die psychologische Trickkiste gegriffen, um das Erinnerungsvermögen zu steigern, zum Beispiel durch „mind maps“ (Gedankenlandkarten), in denen sowohl Assoziationen als auch die Fantasie Ankerpunkte setzen.

Im aktuellen Ausstellungsprojekt in der Kemptener Kunsthalle, „MAP, MIND, ­MEMORY“ Part II, werden die Arbeiten von fünf unterschiedlichen Künstlern durch ihre Verortung in einem oder mehreren der drei Begriffe verbunden, was letztendlich eine wiederum neue „Karte“ ergibt. Und auch hier steht dem Titel entsprechend die Wahrnehmung der (Um-)Welt im Fokus.

Eigentlich ist das bereits mehrfach ausgezeichnete Projekt ein Netzwerk, das der Sonthofener Künstler Bertram Schilling, der seinen Lebens- und Arbeitsschwerpunkt inzwischen in Stockholm hat, zusammen mit dem schwedischen Künstler (und Studionachbar Schillings) Keneth Pils, vor zwei Jahren gegründet und mit einer ersten großen Ausstellung gleichen Titels in München gestartet haben.

Ein Merkmal des Projektes ist „die immer neue Durchmischung an Künstlern“ aus dem inzwischen rund 40 Leute umspannende Netzwerk, wodurch „auch neue ‚Gesichter’ an die Orte kommen“, wo Ausstellungen mit dem immer gleichbleibenden Titel gezeigt werden, ist Schilling vom Konzept überzeugt. Als „Hauptachse“ der Herkunft von Netzwerkmitgliedern nennt Schilling Deutschland, Schweden, Finnland; daneben auch Künstler aus Russland, Polen, Italien, der Schweiz und anderen europäischen Ländern.

Dass das Projekt nun in der Kemptener Kunsthalle Station macht, geht auf die Initiative der Westallgäuer Künstlerin Silvia Jung-Wiesenmayer zurück, die auf das Kunsthallenstipendium aufmerksam geworden war und sich zusammen mit Schilling – erfolgreich wie man sehen kann – beworben hatte. Als Ergänzung sind die Netzwerker Keneth Pils, Sophie Dvorák (Wien) und Matthias Wohlgenannt (München) dabei.

Der „rote Faden“ liegt für Schilling auf der Hand: „Wir suchen immer Leute, die man mit dem Titel in Verbindung bringen kann.“ Hier in Kempten sieht er die Arbeiten von Dvorák als die markantesten zum Thema. Sie hat sich mit den Grundrissen von Gebäuden in Shanghai beschäftigt, wo sie einige Monate im Rahmen eines Stipendiums verbracht hatte. Präsentiert werden ihre Arbeiten zusammen mit Collagen von Schilling und Werken von Jung-Wiesenmayer in der Mitte des Raumes, in dem auch die „Landschaft“ der Stellwände in sozusagen „Liege“-Wände verfremdet wurde. Aus der Not geboren, wie Schilling sagt, da man in der Kunsthalle bezüglich der Hängemöglichkeiten eingeschränkt sei. Das Ergebnis jedenfalls ist zu einer ansprechenden Präsentationsfläche geworden.

Neben den kleinformatigen Collagen, in denen Schilling „tendenziell auch Landschaften“ verarbeitet hat, wenngleich „nicht zu offensichtlich“, sind auch vier seiner großformatigen Öl-/Acrylmalereien zu sehen. Er selbst sieht seine Werke in einer Art „Zwischenbereich“ angesiedelt; ein Bereich zwischen gegenständlicher Malerei, die ihn „schon früh nicht mehr interessiert hat“, und abstrakter Malerei, die manchmal der Realität zumindest nahe zu kommen scheint. Relativ konkret ist zum Beispiel „Neues Land“, während das von fröhlichem Gelb dominierte „Park“ deutlich mehr Fantasie erfordert. Dass Schilling gerne Karten als „Inspirationsquelle“ benutzt, gepaart mit objektiven wie subjektiven Erinnerungen, wie er erzählt, ist unter anderem bei „Bauland“ offensichtlich.

Im Gegensatz dazu stehen die Werke von Pils, der „nur gegenständlich“ arbeite und „nur selten in eine Auflösung geht“, wie Schilling beim gemeinsamen Rundgang erklärt. Da sind zum Beispiel diverse Aquarelle (in Druckversion), denen Fotografien und Skizzen zugrunde liegen, die Pils in seiner Jugend zu Hauf gemacht und Ausgewählte mit Malern des 17./18. Jahrhunderts überlagert habe. „So sind unterschiedliche Zeiten in einem Bild.“ An der rechten Wand im hinteren Teil des Raumes zieren viele kleine Malereien den Raum, die, so Schilling, während eines 40-tägigen Tagebuchprojektes entstanden seien, für das Pils täglich ein Bild gemalt habe.

Wie klimatische Landkarten wirken Jung-Wiesenmayers „Linienwerke 1-3“ während die beiden filigran bearbeiteten Steinplatten „draussen“ sehr realistische Naturimpressionen spiegeln. Fröhlich bunt kommen die Konglomerate von Punkten in Wohlgenannts Serie „Drip-Paintings“ 1-6 daher. Dafür hat er Farben in Spritzen gefüllt und Punkt für Punkt aufgetragen. Laut Schilling „wollte er dabei den Umschlagpunkt erreichen“, wo man glaube, etwas Gegenständliches erkennen zu können. Wuchtig dagegen das Objekt „Batterie (Observatorium Bauteil 07“, für das Wohlgenannt unzählige Brillengläser zusammengeschweißt und in einen Standrahmen gepackt hat.

Zu sehen sind die Werke des Projekts „MAP, MIND, MEMORY“ noch bis Sonntag, 15. Oktober, mittwochs bis sonntags jeweils von 14 bis 18 Uhr, in der Kunsthalle Kempten, Memminger Straße 5.

Christine Tröger

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