Ausdruck, Spannung und Frische 

Zwei Musiker mit der Klangfülle eines Orchesters beim dritten Meisterkonzert

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Ein kongeniales Gespann: Der Schotte Alasdair Beatson am Klavier und der Schweizer Christian Poltéra am Cello.

Kempten – Das Schöne an diesem Konzertabend war, dass nicht Christian Poltéras Stradivari-Cello der Star des Abends war, sondern er selbst und sein kongenialer Partner Alasdair Beatson, ein bereits in seinen jungen Jahren mit einem enormen Repertoire ausgestatteter schottischer Pianist.

Das dritte Meisterkonzert der laufenden Spielzeit, das am vergangenen Mittwoch im Stadttheater stattfand, war den Instrumenten Violoncello und Klavier gewidmet. Ein in Kempten bereits bekannter Musiker und ein in seinem Heimatraum etablierter, aber bei uns noch unbekannter Musiker konnten dafür gewonnen werden: der Schweizer Christian Poltéra am Violoncello und der Schotte Alasdair Beatson am Klavier. Nach der Einführung vor dem Konzert, bei der man viel über das wechselvolle Leben des Instruments, das Poltéra spielte, gehört hatte, war man sehr gespannt, das Stradivari-Cello live zu hören. Christian Poltéra, der Schüler des verstorbenen Heinrich Schiff gewesen war, konnte es nach einigen Umwegen aus dessen Händen übernehmen. 

Beide trugen Beethovens Sonate für Violoncello und Klavier op. 102/2 im ersten Satz zunächst so spröde vor, wie sie in den Ohren des Publikums geklungen haben mochte, als Beethoven sie 1815 komponiert hatte. Beethoven befand sich zu dieser Zeit bereits an der Schwelle zu seinem Spätstil. Er bemühte sich nicht mehr um formale Ausgewogenheit und Wiener-klassische Konventionen, sondern stieß mit individueller Inspiration das Tor zur romantischen Musik des 19. Jahrhunderts bereits weit auf. 

Steinway und Stradivari finden zueinander 

Der Eindruck von Sprödigkeit im – dessen ungeachtet – von Anfang an sehr exakten Zusammenspiel der beiden Musiker hatte auch die Ursache, dass sich das Cello und der Flügel erst klanglich finden mussten. Dabei erwies sich Beatson, der zum ersten Mal mit Poltéra in einem Konzert zusammenspielte, als technisch ungemein versierter Pianist, der sich mit dem Steinway-Flügel des Stadttheaters innerhalb der drei Sätze der Beethoven-Sonate immer besser dem wahrhaft mächtigen Klang des Stradivari-Cellos anpasste. 

Fehlte im zweiten Satz besonders beim Cello noch etwas das geforderte Gefühl im Ausdruck (Andante molto sentimento d‘affetto), so entfalteten die Musiker im Schlusssatz, Allegro fugato, ein polyphones Feuerwerk, bei dem sie sich die musikalischen Bälle furios hin- und herwarfen. Beim zweiten Stück des Abends hörte man nach wenigen Takten, dass Beethoven mit seiner Sonate die Klangmöglichkeiten des Cellos nicht komplett ausgereizt hat. 

In Camille Saint-Saëns Meisterwerk von 1872, der Sonate für Violoncello und Klavier c-moll op. 32, zeigt sich eine für Saint-Saëns ungewöhnliche Expressivität im Tonmaterial, gepaart mit einer für ihn typischen farbigen, aber sehr transparenten Instrumentationstechnik. Schönheit bedeutete für ihn vor allem formale Vollendung, an der er bis zum Ende seines langen Lebenswerks festhielt. Poltéra und Beat- son gelang es, das Stück spannend und frisch in allen seinen Facetten zu interpretieren. Das Cello glänzte durch Töne und Tonfärbungen, die bei Beethoven noch nicht zu hören waren. In den Händen Christian Poltéras entfaltete es seine ungezählten Klangmöglichkeiten. Alleine die fein differenzierten Pizzicato-Passagen seien hier erwähnt. 

Nach der Pause folgten die Variations Concertantes op. 17 von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Im Gegensatz zu Beethovens Cellosonate ist das 14 Jahre später komponierte Jugendwerk ein eingängiges, der Klassik verhaftetes Variationswerk im Stil der Salonmusik dieser Zeit. Geschrieben hatte es der 20-jährige Mendelssohn-Bartholdy als Übungsstück für seinen Cello-spielenden Bankiersbruder Paul. Nachdem Mendelssohn den Klavier-Part für sich vorgesehen hatte, war der Cello-Part der leichtere und der Klavier-Part der Schwerere. Beatson zeigte sich hier als wahrer Klassiker. 

Das letzte Stück des Abends spannte den historischen Bogen der Kombination Cello-Klavier bis in 20. Jahrhundert hinein. Gabriel Fauré, ein Schüler Saint-Saëns‘, schrieb 1921 seine Sonate für Violoncello und Klavier g-Moll op. 117. Kein lautes und virtuos erscheinendes Werk fügt sie sich nahtlos ins Lebenswerk eines Komponisten, der nie ein Wunderkind war und lange auf die Wertschätzung seines musikalischen Schaffens warten musste. Ihre Qualitäten erschließen sich erst beim genauen Hinhören. Fauré gewinnt Spannung aus der Gegenüberstellung von romantischer Dur-Moll-Tonalität mit den Tonleitern der kirchentonalen Modi. Poltéra und Beatson trafen hier genau den Ton, der zur Darstellung der daraus entstehenden Reibung nötig ist. In einer Zugabe kamen die Musiker nochmals auf Saint-Saëns zurück. Seine Romanze für Horn und Orchester op. 36, hier in der Bearbeitung für Cello und Klavier, zeigte erneut die Ausdruckskraft, die beiden Instrumenten innewohnt.

Jürgen Kus

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