Steigerung bis zum Schluss

Meisterkonzert Nummer 6: Eine russisch-österreichische Pianistin und ein Kammerorchester aus Österreich

+
Das bereits seit 28 Jahren bestehende Kammerorchester Arpeggione aus Hohenems in Österreich unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Robert Bokor.

Kempten – Für das sechste Meisterkonzert im Kemptener Stadttheater, das am Freitag stattfand, waren wieder renommierte Musiker geladen, die ein facettenreiches Programm mitbrachten: Das bereits seit 28 Jahren bestehende Kammerorchester Arpeggione aus Hohenems in Österreich unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Robert Bokor und die bereits vielfach in Kempten aufgetretene russisch-österreichische Pianistin Lisa Smirnova.

Diese Reihe der Meisterkonzerte – das kann man nach diesem sechsten bereits feststellen – liefert über die Spielzeit verteilt für Kemptens klassisches Konzertangebot einen beispielhaften Querschnitt der Musikgeschichte.

Den Ablauf dieses sechsten Konzerts, angefangen von der Bachianas von Villa-Lobos bis zur Bachzugabe am Schluss, kann man im Nachhinein als eine kontinuierliche Steigerung der musikalischen Spannungskurve lesen. Das war nicht so gedacht, die „Programm-

architektur“, wie es so schön im Programmheft heißt, sollte möglicherweise zwei gleichgroße Säulen, eine vor und eine nach der Pause, errichten. Darauf deutet hin, dass die in Kempten bereits gut bekannte Pianistin des Abends, Lisa Smirnova, mit dem Chopin-Nocturne als vorgezogene Zugabe bereits vor der Pause einen ersten Höhepunkt setzen wollte. Leider war aber ihr Klavierkonzert in g-Moll, BWV 1054, nicht so zwingend und fesselnd gespielt, dass es dem Zuhörer zu einem akustischen Höhepunkt verholfen hätte. 

Wie sie in der Einführung erklärt hatte, versteht sie Bachs Kompositionen als so universell, dass das Instrument für die musikalische Wirkung nicht entscheidend sei. Natürlich gibt es Werke, die von Bach sogar bewusst nicht instrumentiert wurden, aber das heißt nicht, dass dann das jeweils für einen Vortrag gewählte Instrument nicht versuchen sollte, seine ihm gemäßen Eigenarten Bachs sozusagen neutralen Noten hinzuzufügen.

Bei den beiden Klavierkonzerten dieses Programms verhält es sich sowieso etwas anders. Wie bei fast allen Klavier- respektive Cembalokonzerten Bachs handelt es sich um Umarbeitungen von bereits einmal komponierter Musik. Bachs Intention war aber in jener Lebensphase nicht, den universellen Charakter seiner eigenen Musik darzustellen, sondern viel banaler, entweder geldwerten oder didaktischen Nutzen aus seiner Arbeit zu ziehen. Beides war ständige Notwendigkeit für Bach, der mit einer großen Familie und vielen Kindern gesegnet war. 

Die beiden Klavierkonzerte in g-Moll und D-Dur sind in Eins-zu-eins-Übertragungen der beiden Violinkonzerte in a-Moll und E-Dur, jeweils aus klanglichen Gründen um einen Ganzton tiefer gesetzt. Die rechte Hand spielt die Solo-Violinstimme, die linke den Generalbass. Smirnovas Vortrag der technisch nicht sehr schwierigen Partitur war so, dass man ihr zwar das Engagement und die Freude für diese Musik ansah, allein, was akustisch bei den Zuhörerrängen ankam, war eher ein Abhandeln der Noten.

Das bachtypisch kontrapunktische Feuer wollte in keinem der drei Sätze zünden. Leider wurde der Eindruck des etwas beliebigen „Herunterspielens“ bei der Chopinzugabe bestätigt, hier hat man viel expressivere und deswegen eindrücklichere Interpretationen im Ohr. Nach der Pause beim D-Dur-Klavierkonzert konnte sich Lisa Smirnova steigern, die Melodielinien in der rechten Hand begannen mehr zu strahlen und es entstand etwas von dem, was Bachs Musik sein kann: vorwärtsdrängendes Streben in den schnellen Sätzen (im Sinne Bachs nach oben zu seinem Gott hin) und Kontemplation in den langsamen Sätzen.

Heitor Villa-Lobos ist vermutlich vielen nur als brasilianischer Komponist von wichtigen Standardwerken der Gitarrenliteratur bekannt. Als äußerst produktiver Künstler hat er aber eine Vielzahl weiterer Werke geschaffen (annähernd 2000 Werke), von denen zu den wichtigsten der über 15 Jahre hinweg zusammengestellte Zyklus „Bachianas Brasileiras“ mit neun komplett unterschiedlichen Stücken gehört. Die gespielte Nummer vier ist die spätere Orchesterfassung eines ursprünglich für Klavier allein geschriebenen Stückes. 

Der Name „Bachianas Brasileiras“ assoziiert bereits eine Verschmelzung brasilianischer Volksmusik mit der vom Komponisten sehr geschätzten Musik von J.S. Bachs. Hört man bei der Nummer vier genauer hin, erkennt man nicht unbedingt Bachs Musik, sondern eher die bachtypische, kontrapunktische Verarbeitung von folkloristisch geprägten Themen. In schönem Zusammenspiel begannen Arpeggione mit diesem Stück, die ostinatohafte ständige Wiederkehr des Hauptthemas wurde in klar strukturierten Abstufungen herausgearbeitet, wenn auch die Reinheit des Klangs, wie im weiteren Verlauf des Abends von den Musikern dargeboten, noch nicht ganz erreicht wurde. Leider – und das war das große Manko der löblichen Aufnahme eines Villa-Lobos-Werkes ins Programm – war nur der erste von vier Sätzen zu hören.

Das zweite Werk, Max Regers Bearbeitung des Choralvorspiels „O Mensch, bewein dein‘ Sünde groß“ von J.S. Bach – nachträglich ins Programm mit aufgenommen – wurde im Kontext des Konzerts als zu kurz wahrgenommen, um stärker in die Welt des Komponisten eintauchen zu lassen. War es lediglich als Füller der doch sehr kurzen ersten Hälfte des Konzerts bis zur Pause gedacht? Für das Pub-

likum wäre es sicher erhellender gewesen, hätte man auf Reger verzichtet und dafür den ganzen Villa-Lobos gespielt.

Gaben die Musiker von Arpeggione bei den folgenden beiden Bachwerken mit Smirnova am Flügel den begleitenden Hintergrund ab, so hatten sie mit Samuel Barbers „Adagio for Strings“ die Gelegenheit, ihr ganzes Können zu zeigen. Und tatsächlich, bei diesem bekanntesten Werk des amerikanischen Komponisten gelang ihnen eine Kultivierung des reinen, schönen Klangs. Samuel Barber, der nie der musikalischen Avantgarde angehörte, schöpft harmonisch und formal aus der Musiksprache des 19. Jahrhunderts. Der Impetus seines Schaffens war nie die Erfindung und Erprobung neuer Ausdrucksmittel, sondern die musikalische Darstellung von menschlicher Emotion. 

Barber hatte dieses Werk aus dem zweiten Satz seines Streichquartetts op. 11 für ein größeres Streichorchester umgearbeitet. Arpeggione gelang es, das elegische Thema des Adagios stufenweise durch ständige Steigerung und Rücknahme zu einem zarten Höhepunkt zu führen, der danach melancholisch ausklang. Ein klares Zusammenspiel in perfekter Intonation unterstützte den Spannungsaufbau, den Robert Bokor am Dirigentenpult sehr plastisch herausarbeitete.

Das letzte Stück des Abends, die 1933 geschriebene „Simple Symphony“ des englischen Komponisten Benjamin Britten, war dann im Sinne der anfangs erwähnten Steigerung der Höhepunkt des Konzerts. Die Musiker waren zu diesem Zeitpunkt in spürbarer Spiellaune und boten die vier Sätze dieses höchst interessanten Jugendwerks eines höchst interessanten Komponisten auf eine Art und Weise dar, die die Stärken der Komposition hervorragend sichtbar machten. Britten war Erbe einer englischen Musiktradition, die gekennzeichnet durch lange kreative Unterbrechungen von Henry Purcell über Edward Elgar bis ins zwanzigste Jahrhundert führte.

Von dieser Tradition wollte Britten im Grunde genommen nichts wissen, er formte aus dem musikalischen Material, das ihm die Musikgeschichte und der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zur Verfügung stellte, eine ganz unitäre Musiksprache, die geprägt war von Klarheit und Durchsichtigkeit im Ausdruck und einer kompositorischen Vielseitigkeit, die sich ihre Formen immer wieder selbst erschuf. Was die „Simple Symphony“ für das Publikum so spannend macht, ist eine zeitlose Modernität, die nie die Grenze zum Ungewohnten, Formlosen, Unhörbaren überschreitet. Der klare und in den einzelnen Stimmgruppen sehr disziplinierte Ton von Arpeggione wurde von Robert Bokor, der seine Musiker unprätentiös, aber sehr effektiv führte, ideal in den Dienst dieser Musik gestellt.

Für den großen Applaus gab es zum Schluss als Zugabe Bachs „Air“ aus der dritten Orchestersuite. Interessant daran war der Vergleich mit dem fünften Meisterkonzert, wo ein größer besetztes Orchester das gleiche Stück als Zugabe gespielt hatte.

Jürgen Kus

Auch interessant

Meistgelesen

Umweltausschuss gibt Weg für Neuansiedlungen in der Riederau frei
Umweltausschuss gibt Weg für Neuansiedlungen in der Riederau frei
Die Geschichte des vereinten Kempten in einer einzigartigen Videomapping-Show
Die Geschichte des vereinten Kempten in einer einzigartigen Videomapping-Show
Überraschungsei birgt Rauschiges
Überraschungsei birgt Rauschiges
Buntes Begegnungsfest auf dem Residenzplatz
Buntes Begegnungsfest auf dem Residenzplatz

Kommentare