Keine Suche nach der verlorenen Zeit

Meisterkonzert 4: Das Danel-Quartett und Oliver Triendl mit französischer Kammermusik

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Das Danel-Quartett und Oliver Triendl am Flügel.

Kempten – Die Musiker des vierten Meisterkonzerts dieser Spielzeit, das am vergangenen Donnerstag im Stadttheater stattfand, hatten eine besondere Zugabe in petto.

Nicht irgendeine kurze Nettigkeit, die als Betthupferl dem Publikum mit auf den Nachhauseweg gegeben wird, sondern den zweiten Satz aus César Francks Klavierquintett in f-Moll, lento con molto sentimento, ein Stück von immerhin zehn Minuten Länge.

Sie brachten damit den Abend, der von einer bravourösen Interpretation von Cesar Francks Streichquartett in D-Dur geprägt war, noch einmal auf den Punkt. Danach war man als Zuhörer, statt müde nach Hause zu gehen, eher in der Stimmung, auch den ersten und dritten Satz hören zu wollen.

Das Danel-Quartett, dessen Mitglieder extra für diesen Abend aus Paris und Brüssel angereist kamen und beinahe in Basel verlorengegangen wären, waren um weit nach 22 Uhr zusammen mit Oliver Triendl am Klavier in einer bestechenden Spiellaune. Man hätte ihnen noch lange zuhören mögen. Dabei hatte der Abend aufgrund ihrer Anreiseverzögerungen etwas verspätet und mit einer Konzerteinführung ohne die geplante Anwesenheit zumindest eines der Musiker begonnen. 

Beim ersten Stück, Darius Milhauds Ballettmusik La ­Création du Monde in der Bearbeitung für Streichquartett und Klavier kamen die ersten zwei Sätze etwas hölzern daher, es dauerte bis zum dritten Satz, bis man als Zuhörer wusste, wo man sich musikalisch befand: 1923 komponiert, eine Art Ballettmusik über die Entstehung der Welt in sechs Teilen, französischer Neoklassizismus trifft auf die Jazzmusik Harlems. Vielleicht ist die 1927 erfolgte Bearbeitung dieser ursprünglich für 17 Soloinstrumente geschriebenen Komposition (darunter das ganze Arsenal an Blasinstrumenten einschließlich Altsaxophon) einfach zu sperrig, als dass sie gleich zündet. 

Wer das Original im Ohr hat, erwartet Musik, deren diatonische Skalen wie französisch-luftige Schleier auf die Blue Notes treffen, die aus dem Westen über den Ozean herüberwehen. Das zweite Stück des Abends, das Streichquartett in D-Dur von César Franck, zeigte dann die Musiker des Danel-Quartetts in ihrem Element.

Mit großer Präzision im Zusammenspiel und einem sehr elastischen Dynamikumfang bis hin zu einem exquisiten pianissimo gelang ihnen eine großartige Interpretation eines der längsten Streichquartette der Musikliteratur. Franck hat es 1889 in seinem letzten Lebensjahr komponiert. Aus der französischen Musiktradition kommend wird in zyklischer Form aus wenigen Themen, die in allen vier Sätzen wiederkehren und kombiniert werden, eine Musik erschaffen, die mehr auf Klang und Klarheit der Wirkung setzt, als auf die analytische und formale Durchführung von streng definierten Themen, wie es für die deutsch geprägte Musiktradition typisch war. 

Das Danel-Quartett konnte diese französische Idee von Musik sehr schön herausarbeiten. Man spürte in jedem Takt eine Vertrautheit mit dem Stück, die sicher auch daher kam, dass es das Danel-Quartett im letzten Jahr zusammen mit dem Klavierquintett des gleichen Komponisten für eine hörenswerte CD einstudiert und aufgenommen hatte.

Nach der Pause dann das Klavierquintett in c-Moll op. 42 von Louis Vierne, das in der gleichen Tradition der französischen Kammermusik steht. Vierne war Schüler von César Franck gewesen und hatte dieses Stück als Aufschrei gegen den Tod seines Sohnes geschrieben, der 1917 standrechtlich erschossen worden war, nachdem er gegen das sinnlose Morden des ersten Weltkriegs protestiert hatte. Entsprechend der programmatischen Ausrichtung waren die Themen düsterer und der Spannungsbogen größer als bei César Franck, aber auch hier verstanden es die vier Musiker des Danel-Quartett, die Essenz der Musik sehr präzise wiederzugeben, allen voran der engagierte Marc Danel an der ersten Violine.

Es war bemerkenswert, wie selbstverständlich und sicher Oliver Triendl am Klavier sich hier dem eingespielten Quartett einfügte bzw. zu Beginn den Takt vorgab. Nach den drei Sätzen dieses dramatischen Werks wirkte die anfangs erwähnte Zugabe als erlösender und schöner Ausklang eines sehr hörenswerten Konzertabends.

Jürgen Kus

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