»Drängen liegt in der Natur des Menschen«

Heftige Corona-Szenen am Flughafen Memmingen – Augenzeuge: »Die Leute stapeln sich«

Eine Menschenmenge mit Corona-Schutzmasken drängt sich auf dem Flughafen Memmingen hinter einem Absperrgitter vor einem Zubringerbus, im Hintergrund ein Flugzeug.
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Dicht gedrängt und teilweise ohne Maske stehen Fluggäste am Flughafen Memmingen und warten auf den Zubringerbus. Das Foto wurde laut Milan Bakalov (Name von der Redaktion geändert) am Freitag, 29. Januar 2021, aufgenommen.

Memmingerberg – Dicht an dicht steht Milan Bakalov (Name von der Redaktion geändert) in einer Gruppe von Mitreisenden. Sein Flieger aus Sofia ist gerade am Flughafen in Memmingen gelandet. Alle warten auf den Zubringerbus, der die Passagiere zum Terminal bringen soll. An den nötigen Abstand zum Nebenmann ist nicht zu denken. Bakalov fliegt beruflich häufig, aber solche Zustände sind für ihn – vor allem in Corona-Zeiten – außergewöhnlich.

„Die Leute stapeln sich, doch es scheint keinen zu interessieren.“ Dann entdeckt er mehrere Menschen, die gar nicht oder falsch ihre Maske aufhaben. Eingeschritten wird deswegen nicht. Seit 18. Januar gelten in Bayern verschärfte Corona-Regeln. Unter anderem ist das Tragen von FFP2-Masken im Öffentlichen Nahverkehr und im Einzelhandel zur Pflicht geworden. Da verwundert es, dass die Staatsregierung bei Reisen mit dem Flugzeug – zumindest beim An- und Abflug in Bayern – keine strengeren Regeln vorgibt. Wie der Flughafen Memmingen bestätigt, gilt an Flughäfen lediglich einfache Maskenpflicht. Außerdem, wenn der Abstand von 1,5 Meter nicht eingehalten werden kann, muss ohnehin eine Maske getragen werden.

Bakalov hat es inzwischen in einen der Zubringerbusse geschafft. „Hier wurde darauf geachtet, dass nicht zu viele Passagiere in ein Fahrzeug gehen.“ Maximal 30 oder 40 Personen, schätzt der Bulgare, der in Deutschland wohnt. Doch dann vor dem Eingang in den Einreisebereich wieder dasselbe Bild. Die Menschen drängeln und schieben. Bakalov ist irritiert. „Da stehen bestimmt vier Personen auf einen Quadratmeter gedrängt.“ Er fragt eine Angestellte des Flughafens, wie viele Menschen überhaupt in die Einreisehalle dürfen – jetzt in Coronazeiten? Sie weiß es nicht. Bittet ihn aber ebenfalls mit den anderen Passagieren weiterzugehen.

Auch im Einreisebereich keine Chance auf Einhaltung der anderthalb Meter Abstand.

In Ausnahmefällen könne die Abstandsregel nicht eingehalten werden

In einer Stellungnahme des Flughafens wird bestätigt, dass in Ausnahmefällen wie beispielsweise beim Boarding oder bei der Einreise die Abstandsregelung nicht eingehalten werden kann. Deshalb sei auch im gesamten Terminalgebäude das Tragen einer Maske Pflicht. Seit dem 1. Februar müssen es sogar medizinische Masken sein. Außerdem seien sämtliche Prozesse am Flughafen mit der zuständigen Gesundheitsbehörde abgestimmt, heißt es weiter. Man sei sich aber bewusst, dass das Phänomen des Drängens in der Natur des Menschen liege. Die Masse dann noch zu entzerren sei schlichtweg unmöglich. Vielleicht haben sich die Menschen wirklich schon daran gewöhnt, am Flughafen zu drängeln. Anstehen mit nötigem Abstand an der Supermarktkasse oder beim Click & Collect-Verfahren – bei dem Kunden ihre Waren im Internet bestellen und vor Ort abholen können – scheint jedoch reibungslos zu funktionieren. Das Fazit des Flughafens klingt deshalb ein wenig resignierend: „Im Endeffekt ist jedoch jeder Passagier selber dafür verantwortlich, den Abstand zu anderen Passagieren einzuhalten.“

Flughafen-Personal wirkt „kraftlos“

Der Geschäftsmann Bakalov spricht dem Flughafen auch nicht ab, ein Hygienekonzept zu verfolgen und nur das Beste für seine Passagiere zu wollen. Nur an der Umsetzung hapere es. Das Personal müsse halt nur strenger eingreifen und besser informiert sein, ist sein Eindruck. Die Angestellten wirkten geradezu „kraftlos“. So als könnten sie auch nichts dagegen machen. Dabei sollte doch gerade bei Einreisen aus Corona-Risikogebieten ein besonderes Auge auf den Infektionsschutz gelegt werden. Bulgarien steht bereits seit November auf der Liste des Auswärtigen Amts für Risikogebiete. Sicher, Einreisende müssen vor ihrer Ankunft in Deutschland einen negativen PCR-Test in der Tasche haben. Aber ein Test ist eben nur eine Momentaufnahme und befreit nicht vor Maskenpflicht und Abstandsregel.

Hohes Fluggastaufkommen am Freitagmorgen

Laut Flughafen Memmingen kommt es wohl regelmäßig am Freitagmorgen zu einem erhöhten Passagier-Aufkommen und dass sogar in Corona-Zeiten. Um der erhöhten Anzahl an Fluggästen Herr zu werden, verfolge man das Prinzip der Blockabfertigung. „Passagiere warten dann zunächst im Bereich der Corona-Testcenter und werden dann sukzessive und kontrolliert zum Terminal gefahren. Verzögerungen ergeben sich aus dem sehr hohen Kontrollaufwand für die Grenzpolizei für die neuen Verordnungen. Wir nutzen (überdachte) Freiflächen, da hier die Ansteckungsgefahr erheblich geringer ist, um wartende Passagiere zu sammeln. Leider ist dies nicht wirklich immer komfortabel (zum Beispiel bei Regenwetter), aber eine bessere Lösung als im Gebäude“, schreibt der Flughafen.

Für Bakalov – der sich mittlerweile ganz hinten eingereiht hat, um nicht mitten in der wartenden Masse an Menschen im komplett abgeschlossenen Einreisebereich zu warten – dennoch kaum nachzuvollziehen. „Ich bin erschrocken, dass sowas in Deutschland passieren darf. Keiner darf sich privat treffen und hier wird man wie in einen kleinen Stall zusammengepfercht.“ Nach knapp eineinhalb Stunden im Einreisebereich hat es Bakalov dann geschafft. Für ihn geht es jetzt mit einem immer noch unguten Gefühl nach Hause.

Thomas Eldersch

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