Struktur und Geborgenheit

Wie Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung die Corona-Krise erleben

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Auch für die Wohngruppen der Lebenshilfe in Kempten sind die Ausgangssperren eine große Herausforderung. Durch gemeinsames Kartenspielen kommt Abwechslung in den Alltag.

Kempten – Es ist ein Kraftakt. Für uns alle momentan. Die Corona- Pandemie hat die Welt im Griff und jeder Einzelne muss mit den aktuellen Einschränkungen und Vorschriften klar kommen.

Corona macht vor niemandem Halt: kleine und große Betriebe, Selbstständige, Vereine und Organisationen stehen vor erheblichen finanziellen Engpässen oder schlimmstenfalls vor dem Ruin. Auch Einrichtungen, die sich um behinderte, psychisch oder neurologisch erkrankte Menschen kümmern, müssen mit neuen Aufgaben und Arbeitsbedingungen zurechtkommen. 

So sieht sich die Lebenshilfe Kempten seit Wochen mit extremen Herausforderungen konfrontiert. Sowohl als Einrichtung der Behindertenhilfe als auch als Arbeitgeber. „Wir sind zum einen verantwortlich für den Schutz unserer Menschen mit Behinderung genauso wie für den Schutz unserer MitarbeiterInnen in allen Bereichen, zum anderen müssen wir aber die Betreuung in den Wohnheimen und in den Notdiensten der verschiedenen Einrichtungen wie etwa der Heilpädagogischen Tagesstätte sicherstellen“, erklärt Anna-Lena von der Eltz.

Sie ist zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Marketing bei der Lebenshilfe Kempten/Allgäu e.V. Seit dem 19. März haben bayernweit alle Werkstätten für Menschen mit Behinderung inklusive der Förderstätten wegen des Coronavirus geschlossen. Vorläufig bis zum 19. April. „Die Verantwortlichen im Bereich Wohnen haben seither eine Herkulesaufgabe zu stemmen. Da unsere BewohnerInnen nicht mehr wie gewohnt arbeiten gehen können, müssen sie in dieser Zeit natürlich in den Wohnheimen betreut werden. Das bedeutet, wir mussten von einem Tag auf den anderen für eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung sorgen. Eine personelle Herausforderung, die wir dank der Unterstützung vieler MitarbeiterInnen aus anderen Bereichen der Lebenshilfe meistern konnten“, schildert von der Eltz die schwierige Lage. 

Ein weiteres Problem seien die Lieferengpässe bei Desinfektionsmitteln und Schutzbekleidung gewesen. Der Aufruf an die Allgäuer Bevölkerung dabei zu helfen, Mund-Nasen-Schutze zu nähen, blieb nicht ungehört. Bereits nach kurzer Zeit waren hunderte der dringend benötigten Mundschutze bei der Lebenshilfe eingetroffen. Mittlerweile sind es weiter über 700 Stück: „Die Solidarität und Hilfsbereitschaft waren und sind enorm. Ein riesiges Dankeschön an alle Unterstützer für ihren schnellen und tatkräftigen Einsatz. Das hat uns echt überwältigt.“ Dem Vorstandsvorsitzenden der Bezirkskliniken Schwaben, Thomas Düll, bereitet die Ausstattung ebenfalls gewisse Sorgen: es fehle an Test-Kits. Therapie und Betreuung seien aber im Bezirkskrankenhaus Kempten (BKH) für alle PatientInnen gewährleistet und fänden unverändert statt.

Die notwendigen Hygienemaßnahmen seien in Kliniken ohnehin selbstverständlich. Beim Verein für Körperbehinderte Allgäu beklagt der stellvertretende Geschäftsführer Michael Löffler einen Mangel an zertifizierten medizinischen Gesichtsmasken, Schutzanzügen und Visieren. Die vorhandene Ausrüstung werde vorerst zurückgehalten, da bisher glücklicherweise weder KlientInnen noch MitarbeiterInnen infiziert seien. Die Kindertagesstätte Schwalbennest, die Astrid-Lindgren- Schule, seine Kurzzeitpflege und alle ambulanten Anlaufstellen musste der Verein bis auf weiteres schließen, nur im Internat und den stationären Wohngruppen für Erwachsene versuchen BewohnerInnen und BetreuerInnen ihren Alltag unter ungewohnten Bedingungen weiterhin gemeinsam zu meistern und möglichst angenehm zu gestalten. 

Kurzarbeit hat der Verein dennoch nur für die MitarbeiterInnen der beiden Integrationsbetriebe Allgäu ART Hotel und Smart Motel beantragt, alle anderen arbeiten oder haben Urlaub genommen. Während das Motel geschlossen hat, vermisst das Hotel Osterurlauber und Wochenendgäste, beherbergt aber immerhin einige wenige Geschäftsreisende. 

Die Situation ist nicht wirklich zu begreifen

Wie nehmen Menschen mit Behinderung, psychischen oder neurologischen Erkrankungen die Coronakrise eigentlich wahr? Hilft ihnen ihr Leben im Hier und Jetzt vielleicht sogar ein stückweit die Ausnahmesituation zu ertragen? „Das Coronavirus und die dramatischen Folgen sind für Menschen mit Behinderung oder geistiger Einschränkung nicht wirklich zu begreifen. Sie verstehen zwar teilweise, dass das Virus eine gesundheitliche Bedrohung darstellt, aber sie verstehen deshalb nicht zwangsläufig, warum sie das Haus nicht verlassen dürfen. 

Da kommt schon mal die Frage, warum man bei schönen Wetter plötzlich nicht mehr in die Stadt zum Eis essen darf oder in den Park. Gerade wenn sie miterleben, dass unsere BetreuerInnen das Haus verlassen, etwa um Besorgungen zu machen, kommt umgehend die berechtigte Frage: „Warum dürfen die raus und wir nicht?“ Wir erklären ihnen dann behutsam, dass auch die MitarbeiterInnen der Lebenshilfe nur zum Einkaufen hinausgehen dürfen, aber ansonsten genauso zu Hause bleiben müssen. Das hilft zumindest im Ansatz, die komplexe Situation besser zu verstehen“, veranschaulicht von der Eltz. 

Manchen mache es nichts aus, ihre Freizeit nun entspannt in der Einrichtung zu verbringen und nun öfter mal fernsehen zu können. Andere hingegen, die normalerweise gerne alleine in die Stadt zum Einkaufen oder Kaffee trinken gehen, mache die Ausgangsbeschränkung sehr zu schaffen. Da fällt durchaus mal der Satz: „Scheiß Corona!“. Generell sei die Stimmung in allen acht Wohngruppen noch recht gut, was allerdings daran liege, dass die zwangsweise verordnete Freizeit momentan noch mühelos durch Gesellschaftsspiele, Tischtennis- und Kickerturniere überbrückt werden kann. 

Bei gutem Wetter geht es natürlich raus in den Garten zum gemeinsamen Fußball spielen. Man plane außerdem, in den verschiedenen Wohngruppen einen eigenen Kiosk im jeweiligen Gemeinschaftsraum aufzubauen, damit die BewohnerInnen ein bis zwei Mal in der Woche mit ihrem eigenen Taschengeld einkaufen gehen können. So haben die BewohnerInnen der WG Rottachstraße zusammen mit den MitarbeiterInnen eine Disco veranstaltet, um dadurch Spaß und Abwechslung in den „neuen und ungewohnten“ Alltag zu bringen. Auch die BetreuerInnen von Körperbehinderte Allgäu erleben, dass die Ausgangsbeschränkungen und Besuchsverbote ihren oft mehrfachbehinderten Schützlingen kaum oder nur schwer zu vermitteln sind. Vielfältige beschäftigungstherapeutische Angebote und die auch sonst übliche gemeinschaftlich familiäre Bewältigung alltäglicher Aufgaben wie Kochen oder Wäschewaschen geben ihnen eine gewisse Stabilität, Sicherheit und Geborgenheit. 

Weniger Ängste, aber intensiveres Empfinden
Auch wenn Menschen mit Behinderung durch ihr „im Hier und Jetzt leben“ nicht so viele Zukunftsängste haben wie die restliche Bevölkerung und die Tragweite der aktuellen Geschehnisse nicht einschätzen können, so erleben sie die Alltags-Einschränkungen, die gerade herrschen, dafür deutlich intensiver, beschreibt Anna von der Eltz die gegenwärtige Situation. „Sie sind an klare Strukturen im Alltag gewöhnt. Der Weg in die Arbeit, in eine Tagesstätte oder ähnliches. Das alles fällt nun weg. Gerade deshalb sind wir bemüht, eine neue Tagesstruktur zu schaffen. Mit geregelten Zeiten zum Frühstück, Freizeitgestaltung, Mittagessen usw. 

Eine Notbetreuung für Kinder, deren Eltern in so genannten systemrelevanten Berufen arbeiten, haben wir schon zu Beginn der Krise eingerichtet. Im BKH ist es, laut Düll, besonders für die PflegerInnen in der Alterspsychiatrie „eine zusätzliche Herausforderung“ für die demenziell erkrankten PatientInnen „ein Setting zu schaffen, in dem sie sich aufgehoben fühlen“. Die verwirrten, desorientierten und häufig von Ängsten geplagten SeniorInnen müssen sich nicht nur mit der unvertrauten Umgebung abfinden, sondern auch damit, einen Mund-Nasen- Schutz zu tragen, wozu einige erst nach langem Zureden bereit sind. 

Depressive, an Angsterkrankungen oder wahnhaften Störungen leidende PatientInnen reagieren unterschiedlich auf die Pandemie und ihre Folgen: Einige fühlen sich im Krankenhaus wohler und besser aufgehoben als daheim; andere ziehen es vor, sich, wenn möglich, erst nach der Corona-Krise in stationäre Behandlung zu begeben. Überdurchschnittlich viele PatientInnen hat die Allgemeinpsychiatrie bisher nicht, eher im Gegenteil. Düll vermutet aber, das die nahezu alle Lebensbereiche erfassende Krise durchaus zu einem Anstieg der Patientenaufnahmen führen könnte. 

Kathrin Dorsch/Antonia Knapp

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