Stolpern gegen das Vergessen 

Zum Jahrestag Gedenkrundgang für die Opfer des Nationalsozialmus

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An vielen Stellen in Kempten einnern „Stolpersteine“ an die Opfer des braunen Terrors während der Nazizeit. Bei einem Rundgang der Gruppen „Stolpersteine in Kempten e.V.“ und VVN/BdA wurde am 73. Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz den Opfern gedacht.

Kempten – Vor 73 Jahren befreite die Rote Armee einige Monate vor Kriegsende die letzten 7000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Ausschwitz.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Hunderttausende unschuldiger Menschen Opfer der Nazi-Diktatur, viele von ihnen starben in Konzentrationslagern wie Ausschwitz, Buchenwald oder Natzweiler-Struthof.

Ehemalige Insassen der NS-Haft- und Vernichtungsstätten schlossen sich zu einem Bund zusammen und gaben im „Buchenwald-Schwur“ ihrer antifaschistischen Haltung Ausdruck. „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ 

Diesem Credo haben sich seit langem die Gruppen „Stolpersteine für Kempten e.V.“ und der VVN/BdA (Vereinigte der Verfolgten des Naziregimnes und Bund der AntifaschistInnen) Allgäu angeschlossen und erinnern bei vielen Gelegenheiten an das Unrecht im NS-Staat. Opfer der NS-Zeit wurden u.a. jüdische Mitbürger, Gewerkschaftler und Kommunisten, Menschen mit Behinderung und Sinti und Roma. 

An all diese Opfer erinnern auch in Kempten in das Straßenpflaster eingelassene Stolpersteine, die zum ersten Mal vor sieben Jahren, mit quadratischen Messingtafeln versehen, in den Straßenbelag eingearbeitet wurden. In die Messingtafeln sind die Namen der Opfer des Nationalsozialismus mit Hand eingeschlagen. 33 dieser Stolpersteine gibt es derzeit in der Allgäu-Metropole.

Den Opfern gedenken

Bei einem Rundgang am Ausschwitz Gedenktag mit rund 50 Teilnehmern wurden unter Führung des Vereins „Stolpersteine für Kempten e.V.“ und der VVN/VdA fünf Stätten in Kempten aufgesucht, an denen die kleinen Gedenktafeln verlegt sind. Bürgermeisterin Sibylle Knott (FW), die Stadträtin Erna Kathrein-Groll (Grünen), MdL Ilona Deckwerth (SPD) und MdB Susanne Ferschl (Die Linke) hielten an vier der fünf aufgesuchten Stätten kurze Reden, die an die Ermorderten, Deportierten oder in den Suizid Getriebenen erinnerten. Dabei wurden bewusst Stolpersteine aller Opfergruppen ausgewählt. 

Vor Mode Reischmann erinnern drei Stoplersteine an Mitglieder der jüdischen Kaufmannsfamilie Kohn, die in Vernichtungslager deportiert wurden. Am Residenzplatz ist ein Stolperstein für Max Schwer eingelassen. Schwer wurde Opfer des NS-Euthanasieprogramms, er wurde in der Heil- und Pflegeanstalt in Kaufbeuren ermordet.

An der Brauereigaststätte Stift erinnert ein Stein an Andor Akos. Akos, ein prägender Architekt der Stadt Kempten, war Halbjude. Er wurde durch die Nazis vor die Wahl gestellt, ins KZ deportiert zu werden oder den Freitod zu wählen. Bei einem Suizid gewährten die Nationalsozialisten ihm ein Begräbnis auf dem Wiener Ehrenfriedhof und seiner Ehefrau eine kleine Rente. 

An den Stolpersteinen vor dem Mahnmal am Friedensplatz wurde der beiden polnischen Zwangsarbeitern Boleslaw Baran und Joseph Chalupka gedacht. Beide wurden durch die ansässigen Nationalsozialisten als renitent eingestuft und standrechtlich erschossen. 

Zum Abschluss sprach Christiane Janssen über den gewerkschaftlichen Widerstand in der NS-Zeit und erinnerte an Willy Wirthgen, Sattlermeister aus Kempten und Widerstandskämpfer. Wirthgen wurde 1944 standrechtlich erschossen.

Viel Information

Während des Rundgangs gab es die Möglichkeit, mit den Sprecherinnen Dorothea Ertl und Gisela May vom VVN/BdA Allgäu ins Gespräch zu kommen. Johann Günther und seien Ehefrau Ibo Gauter von der Initiative Stolpersteine sprachen an den Gedenkstätten einleitende Worte und verlasen ein Abschlussgebet. Der Rundgang mahnte die Teilnehmer daran, wie schnell eine Gesellschaft sich von Freiheit zu Unfreiheit entwickeln kann und in der viele Bürger Mittäter monströser Verbrechen wurden, in dem sie aus Motiven wie Neid, Habgier, Hass und Feigheit sich den Herrschenden andienten und ihre Nachbarn ans Messer lieferten. 

Jörg Spielberg

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