Seminar soll Situation entschärfen

Anerkannte Flüchtlinge fit für die eigene Wohnung

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Haben es grün auf weiß, dass sie die „Mieterqualifizierung nach dem „Neusässer Konzept“ absolviert haben: (1. Reihe v.l.) Hoodo Abdifataah Mahamed, Oluwakemi Adegboro, Saba Isaak, Fathi Kulunia, Ayan Liban Ahmed, (2. Reihe v.l.) Hamda Abdisalam Abdulahi, Yasin Mohamed Hassen, Khoury Ba Mane, Aminata Sam, Maria Abdel Mohammad, Segen Okbit. Damit gehen sie auf Wohnungssuche.

Kempten – Sie haben es zwar schwarz auf weiß, dass sie in Deutschland bleiben dürfen und könnten eigentlich die Asylunterkunft verlassen, um in eine Wohnung zu ziehen. Aber sie können aus verschiedenen Gründen keine finden.

Es bleibt ihnen deshalb nichts anderes übrig, als vorerst in den Sammelunterkünften zu bleiben. Mangelnde Sachkenntnisse bei den anerkannten Flüchtlingen und Vorurteile seitens der Vermieter sind wesentliche Gründe, warum es so viele Fehlbeleger gibt.

Die Neusässer Flüchtlingshilfe hat eine standardisierte Mieterqualifikation entwickelt, die alle wichtigen, die Miete in Deutschland betreffenden, Themen beinhaltet und in einem Schülerhandbuch zum Erarbeiten und Ausfüllen zusammengefasst. In fünf jeweils zweistündigen Kursmodulen werden den anerkannten Flüchtlingen z.B. Grundkenntnisse im Verhalten als Mieter (Mülltrennung, Reinigen, Lüften und vieles mehr), die Kommunikation mit dem Vermieter (Gesprächsleitfaden), Verständigung und Verhalten bei Besichtigungsterminen sowie das Verstehen von Rechten und Pflichten aus dem Mietvertrag vermittelt. 

Am Ende des Kurses haben die Flüchtlinge mit Bleiberecht eine eigene Bewerbungsmappe für zukünftige Besichtigungstermine zur Hand. Des weiteren erhält jeder Absolvent, der einen Abschlusstest bestanden hat, ein Zertifikat welches bestätigt, dass er „fit für eine eigene Wohnung“ gemacht wurde. Klar definierte Traineranweisungen gewährleisten, dass die Unterweiser ohne Vorkenntnisse mit der Schulung starten können

In der Illerstadt hat das Amt für Integration die Initiative ergriffen und vier Partner, die sich in der Flüchtlingsbetreuung engagieren, mit dem Anliegen an den Tisch geholt, für Personen mit Bleiberecht die Qualifikation nach dem Neusässer Konzept zu übernehmen. Das Amt blieb unterstützend im Hintergrund. 14 Personen nahmen vor Weihnachten an solch einer Schulung teil. Das erfolgversprechende Modell soll wiederholt werden. Man wird dazu auch gezielt Fehlbeleger anschreiben und sie zur Teilnahme an dem Kurs animieren.

Bürgermeisterin Sibylle Knott, die zur Zertifikatsübergabe vergangenen Mittwoch ins „Haus International“ gekommen war, sprach in ihrer Rede unter anderem die wachsende Einwohnerzahl der Stadt an, die viele Herausforderungen mit sich bringe. „Besondere Schwierigkeiten, eine passende Wohnung zu bekommen, haben die Menschen, die nach Kempten gekommen sind und nun ein Bleiberecht haben“, betonte sie. Mit: „Ich hoffe, dass die Kurse ihnen helfen, eine Wohnung zu finden“, wandte sie sich an die Absolventen des Lehrgangs, den sie ausdrücklich befürwortete.

Auch Philipp Wagner, Leiter des Amtes für Integration, sprach die eklatanten Probleme an, die anerkannte Flüchtlinge bei der Wohnungssuche haben. Vieles was „unsereins“ geläufig sei, sei denen, die gerade ihr Asylverfahren erfolgreich durchlaufen haben, unbekannt. 

Die Mieterqualifizierung sei kein Konzept für eine konkrete Wohnungsvermietung, sondern diene als Basis zur Wohnungsfindung, stellte Wagner zugleich klar. „Ich wünsche mir, dass die Mieterqualifikation dazu beiträgt, dass es Flüchtlingen gelingt, Wohnraum zu bekommen und dass bei potentiellen Vermietern Vorurteile abgebaut werden“, so Wagner weiter.

Über ihre Erfahrungen berichteten die Unterweiserinnen und Unterweiser, die unisono das Neusässer Konzept als praktikables Instrument bewerteten, Flüchtlinge als Mieter zu qualifizieren. Insbesondere die Mülltrennung habe Kursteilnehmer verblüfft. Ausreichende Deutschkenntnisse der Teilnehmer seien ebenfalls eine Notwendigkeit. Die Schulung habe außerdem einen Nebeneffekt, denn sie vermittle Alltagskompetenzen, wie z. B. die Hand geben oder in die Augen schauen. Die Kursteilnehmer seien sehr motiviert gewesen und wünschten sich teilweise lieber mehr als weniger Kursstunden.

Auch für Vermieter interessant

Vertreter zweier Kemptener Wohnungsunternehmen, zu deren Mietern im Übrigen bereits jetzt anerkannte Flüchtlinge gehören, waren bei der Zertifikatsübergabe ebenfalls anwesend. Ralf Kehrer, Leiter der Hausverwaltung bei der BSG Allgäu, befürwortete im Gespräch mit dem Kreisboten die Mieterqualifizierung, denn es sei gut zu wissen, dass der angesprochene Personenkreis sich mit dem Thema Wohnen bereits auseinandergesetzt hat.

Insbesondere bei Privatvermietern könnten mit der erlangten Qualifikation Hemmnisse, Wohnungen für diesen Personenkreis zur Verfügung zu stellen, abgebaut werden. Das sieht auch Stefan Haggenmiller, stellvertretender Abteilungsleiter Mieterservice bei der Sozialbau, so. Generell sei man bei der Sozialbau froh, wenn wohnungssuchende Flüchtlinge sich in der Thematik bereits auskennen und wissen, was die erwartet. 

Haus & Grund Vorsitzender Eberhard Ernst ist ebenfalls ein Befürworter der Mieterqualifikation nach dem Neusässer Konzept. Er wird den privat vermietenden Mitgliedern seiner Organisation kommunizieren, dass anerkannte Flüchtlinge über Regeln und Pflichten informiert sind und eine Bewerbungsmappe mit allen relevanten Unterlagen, wie zum Beispiel (Haftpflichtversicherung, Aufenthaltsstatus, Teilnahme mit bestandener Lernzielkontrolle Kurs „Mieterqualifizierung“) zur Wohnungsbesichtigung mitbringen können.

Durchgeführt wurden die Kurse „Mieterqualifikation nach dem Neusässer Konzept“ in Kempten von: 

• Bayerisches Rotes Kreuz, Haubenschloßstraße 12, Telefon 0831/52292-0, Ansprechpartner Ursula Cassier (cassier@kvoa.brk.de) und Esmeral Bakir (bakir@kvoa.brk.de);

• Diakonie Kempten, Asylsozial- und Integrationsberatung, Freudental 1, Telefon 0831/96064291, Ansprechpartner Andreas Katt (katt@diakonie.de)

• Haus International, Poststraße 22, Telefon 0831/17138 (hausinternational@t-online.de);

• ikarus thingers e.V., Stadtteilbüro Thingers, stadtteilbuero@thingers.de, Ansprechpartner Mieterqualifikation: Reinhold Negele, Telefon 0831/94158 oder Mobil: 0175/6397203.

Hildegard Ulsperger

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