Milchviehhalter stecken in einer schweren Krise – Informations- und Diskussionsveranstaltung des BDM

"Der Milchmarkt schreit nach Veränderungen"

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„Das Einzige was hilft, ist die Anpassung der Milchmenge an die Marktsituation!“ so der Gründer und Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter, Romuald Schaber. 

Dietmannsried – Seit dem Wegfall der Milchquotenregelung vor einem Jahr wird der europäische Milchmarkt von einer maßlosen Überproduktion überschwemmt. Die Preise sind im Sinkflug und decken bei weitem nicht Produktionskosten der Erzeuger. Bei der Informations- und Diskussionsveranstaltung des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter BDM e. V. (Kreisteam Oberallgäu/Schwaben) in der zum Bersten vollen Dietmannsrieder Festhalle schwor Romuald Schaber, der Vorsitzende des BDM und des European Milk Board alle Betroffenen auf einen gemeinsamen Kurs ein.

Um kostendeckend arbeiten zu können, müssten Landwirte einen Milchpreis von mindestens 45-50 Cent pro Liter erzielen. Tatsächlich liegt der Preis für einen Liter konventionell erzeugter Milch in Deutschland derzeit bei 23-30 Cent (der für Biomilch liegt aufgrund der Tatsache, dass die nationale Produktion zurzeit 199 Mio. Liter unter der Nachfrage liegt, um bis zu 20 Cent pro Liter höher – was wiederum für kontraproduktiven Unfrieden unter den Landwirten sorgt). Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe stecken in der Schuldenfalle und bangen um ihre Existenz. Das Geld reicht gerade so zum Überleben, aber nicht für anstehende Investitionen. Die Zukunftsperspektiven – auch und gerade für eventuelle Hofnachfolger – sind düster. Die psychologischen und familiären Belastungen extrem hoch. Und die Politik lässt die Betroffenen im Stich. Herbe Kritik hagelte es beispielsweise für Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Dieser sei „ein Minister für die Milchindustrie“, der sein Fähnchen immer in den Wind hänge. Dieses Fazit zogen sechs Allgäuer Landwirte, die in ihren Impulsreferaten zu Beginn des Abends ihre persönliche Situation und damit die aktuelle Problematik anschaulich verdeutlichten.

Einer der Hauptgründe für die Misere, die den deutschen Bauern in den Jahren 2015 und 2016 Einkommensverluste von mehr als 6,5 Mrd. Euro beschert hat (EU-weit sind es mehr als 30 Mrd.), war schnell ausgemacht: Der Wegfall der staatlichen Milchquotenregelung am 1. April 2015. Damals sei bei vielen Milcherzeugern die Euphorie groß gewesen, so der Betzigauer Landwirt Armin Schönmetzler. Um ‚fit zu sein für die Zeit nach der Quote‘ hätten manche Höfe ihren Viehbestand verdoppelt oder gar verdreifacht. „Die staatliche Beratung und staatliche Investitionsförderung taten ein Übriges“, so der 52-Jährige. Ein verbreiteter Gedanke sei gewesen: „Die Weltbevölkerung wächst und wir müssen sie ernähren. Wenn wir es nicht machen, dann tun es andere“. Über die Vermarktung der zusätzlichen Milchmenge hätten sich die meisten dabei keinerlei Gedanken gemacht. „Und jetzt ham `mer den Salat. Es kann doch nicht sein, dass gerade die Bauern, die die meiste Arbeit machen, das größte Risiko tragen und das meiste Kapital einsetzen, sich mit dem zufrieden geben müssen, was die Molkereien und der Einzelhandel übrig lassen, wenn sie sich die Backen vollgestopft haben!“, so Schönmetzler unter großem Applaus.

Auch der aus Peterstal stammende Romuald Schaber sah die zunehmende Marktliberalisierung als eine der wesentlichen Ursachen für die zurückliegenden (2009, 2012) und auch die aktuelle schwere Krise. Dabei sei das Problem hausgemacht. Schließlich sei die EU selbst für die größte Überproduktion weltweit verantwortlich: Bereits 2014 hätten die EU-Staaten ihre Milchproduktion trotz stagnierender Absatzwerte um 6 Mio. Tonnen gesteigert. 2015 waren es zusätzliche 3,75 Mio. Tonnen. Dies führt zu einem globalen wie nationalen Preisdruck. „Nicht die fehlende Nachfrage ist das Problem, sondern die Überproduktion! Und Deutschland ist ganz vorne dabei, wenn es darum geht, den Markt zuzuschütten“, nannte er das Kind beim Namen.

„Eine vernünftige Vermarktung ist wichtig, aber ganz entscheidend ist, dass wir über die Menge reden, dass Angebot und Nachfrage sich decken!“, so sein dringlicher Appell. Schon in der Vergangenheit habe ein knappes Milchangebot immer auch Preissteigerungen beim Handel zur Folge.

Dazu bedürfe es einer EU-weiten Regelung. Die EU aber lehne ein politisches Vorgehen ab. Im Hinblick darauf kritisierte Schaber scharf die Blockadehaltung der Verbände und der Bundesregierung, die ihrerseits unter Druck der Konzerne stehe. „Beim Treffen des Milchindustrie-Verbands, des Deutschen Raiffeisenverband und des Deutschen Bauernverbands (DBV) mit der Bundesregierung haben alle drei erst kürzlich wieder ausdrücklich darauf bestanden, dass es keine mengenbegrenzenden Maßnahmen geben darf.“ Genau dies sei der wesentliche Grund dafür, dass in Europa noch nicht mehr getan wurde, empörte er sich und wetterte, der DBV betätige sich „massiv als Handlanger der Industrie- und Konzerninteressen.“ Nationale Alleingänge seien in einem globalen Milchmarkt nicht zielführend, „aber wenn Deutschland und Frankreich in Agrarfragen an einem Strang ziehen würden, würden die anderen Staaten sich anschließen“, so seine Überzeugung. „Der Ball liegt momentan in Berlin.“

Seiner Einschätzung nach könne die EU-Kommission „bereits morgen anfangen, den Markt in Ordnung zu bringen“. Etwa auf Basis des vom BDM erarbeiteten Marktverantwortungsprogramms. Dieses schlägt eine Reduzierung der Milchproduktion auf freiwilliger Basis mit gleichzeitiger Deckelung der Produktion vor. „Die Produktion dürfte dann nicht mehr ausgedehnt werden. Wer es dennoch tut, muss eine Abgabe zahlen. Gleichzeitig schreiben wir ein Programm aus, damit auf freiwilliger Basis Mengen reduziert werden.“ Falls das nicht gewünscht sei, gebe es einen Alternativvorschlag. Demzufolge sollen alle Betriebe in den kommenden zwölf Monaten 2-4 Prozent weniger Milch produzieren, „Bei 1000 Liter am Tag sind das pro Betrieb 40 Liter. Lächerlich! Aber schon wären wir bei der Problemlösung!“

Die Vorteile: Das Programm wäre schnell umsetzbar, da die Rechtsbasis auf europäischer Ebene gegeben ist. Es würde eine sofortige Marktwirkung zeigen. Es hätte eine hohe Einkommenswirkung durch die Hebelwirkung – „Eine dem Markt angepasste Menge bewirkt einen höheren Milchpreis. Nur so kommt wieder Geld in die Betriebe, nicht durch Liquidationshilfen!“ – und sei mit 900 Mio. Euro kostengünstig (im Vergleich zu den 30 Mrd. Verlusten). Möglichst viele Betroffene, egal, welchem Verband sie auch angehörten, sollten jetzt die Petition unterschreiben, deren Ziel es ist, die Milchmengen zu reduzieren. „Wir müssen Dampf machen und unbequem werden. Nur so können wir die Politik zum Handeln bewegen!“

Sabine Stodal

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