Mildes Urteil im Koks-Prozess

Vergleich mit „Dr. Jekyll und Mr. Hide“

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In Erwartung eines milden Gerichtsurteils: (v.l.) der Angeklagte Armin N. mit seinen beiden Verteidigern Wilhelm Seitz und Alexander Chasklowicz

Das Urteil im Koks-Prozess gegen den ehemaligen Leiter der Drogenfahndung Armin N. ist vergangenen Montag gefallen: sechs Jahre und sechs Monate Haft sowie die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt – eine laut Vorsitzendem Richter Thorsten Thamm der „Tat und Schuld angemessene Freiheitsstrafe“.

Angesichts dessen, dass sich der Führerschein bereits seit einem Jahr in amtlicher Verwahrung befindet, sieht das Urteil ferner nur mehr eine Sperrfrist von drei Monaten für die Wiedererteilung der Fahrerlaubnis vor. Wie sich das Urteil bei kooperativer Mitwirkung des Angeklagten in der praktischen Umsetzung im Idealfall gestalten könnte, wurde im Plädoyer von Alexander Chasklowicz, einer der beiden Verteidiger des Angeklagten, deutlich: demnach halbiert sich die Haftzeit bei Unterbringung in einer Entziehungsanstalt, von den verbleibenden drei Jahren und drei Monaten sollen zwei Jahre auf die Entziehungsanstalt entfallen. Die weiter verbleibende Haftzeit von einem Jahr und drei Monaten muss der Angeklagte vor der Entziehungsanstalt in Haft verbringen, worauf ihm das bereits in U-Haft verbrachte eine Jahr angerechnet wird. Positiv aufgenommen wurde vor Ort die Entscheidung des Gerichtes, die Plädoyers doch weitgehend öffentlich zu verlesen, entgegen der ursprünglichen Ankündigung von Richter Thamm, der sich auf Paragraph 171 des Gerichtsverfassungsgesetzes berief, in dem unter anderem der Ausschluss der Öffentlichkeit zum Schutz der Privatsphäre geregelt ist. Das sah Michael Hauck von der Staatsanwaltschaft München I allerdings anders, zumal es lediglich um eine einzige Sexualstraftat gehe, und es deshalb „abstrus“ sei, wenn die Öffentlichkeit bei allen weiteren Delikten ausgeschlossen werden könne. Zudem sei das Gesetz ursprünglich zum Schutz für Missbrauchsopfer geschaffen worden. Er setzte sich mit seinem Vorschlag für einen nur teilweisen Ausschluss der Öffentlichkeit durch.

Staatsanwalt fordert sieben Jahre 

In seinem Schlussplädoyer ließ er die durch Zeugenaussagen rekonstruierte Geschichte, die den „Mann mit zwei Gesichtern“, dem es gut gelungen sei, seinen Alkohol- und Drogenkonsum vor den Kollegen zu verstecken, auf die Anklagebank gebracht hatte, nochmals in Eckpunkten Revue passieren. Die Geschichte des Mannes, dessen Leben in der Nacht des 15. Februar 2014 eine jähe Wende genommen hatte, ausgelöst durch seine Gewaltexzesse gegenüber seiner Frau, in deren Verlauf er diese nicht nur körperlich misshandelt, sondern auch vergewaltigt und ihr gedroht hatte, sie mit einem unter dem Bett gebunkerten Küchenmesser zu töten – bei einem früheren Übergriff hatte sie sich auf der Flucht bereits schwere Verletzung an der Wirbelsäule zugezogen. Danach war er in seinem Wagen geflüchtet und wenig später von der Polizei verhaftet worden – mit 1,49 Promille Alkohol und diversen Psychopharmaka im Blut. Zudem wurden in seinem Dienstspind 1,8 Kilo Kokain gefunden. Dass ihm die Drogen zu Schulungszwecken von der Staatsanwaltschaft überlassen wurden, so die Aussage des Angeklagten, „könnte der Wahrheit entsprechen“. Zu berücksichtigen sei, dass die Drogen „trotz exorbitanter Menge“ nur für den Eigenbedarf vorgesehen gewesen seien sowie die „unterdurchschnittliche Qualität“ des Kokains. Allerdings habe er „seine dienstliche Stellung missbraucht“. Er forderte eine Gesamtstrafe von sieben Jahren Haft – die Obergrenze des durch den „Deal“ im Vorfeld ausgehandelten Strafrahmens (der Kreisbote berichtete), mit Unterbringung in einer Entziehungsanstalt und Entzug der Fahrerlaubnis. Beruflich stehe der 53-Jährige, der sowohl seinen Beamtenstatus als auch seine Pensionsansprüche verliere, „vor einem Scherbenhaufen“.

Sabine Laudien, Anwältin der Nebenklägerin, verdeutlichte in ihrem knapp gehaltenen Plädoyer zwar, dass nicht nur der Körper ihrer Mandantin, „sondern auch ihre Seele beschädigt“ sei, anerkannte aber zugleich, dass der Angeklagte sich ernsthaft entschuldigt habe.

„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

 „Er konnte der Versuchung nicht mehr widerstehen“, formulierte der Strafverteidiger des Angeklagten Wilhelm Seitz, dass seinem Mandaten das passiert sei, was einem Polizisten nicht passieren dürfe. Seine Alkohol- und Drogenabhängigkeit habe schließlich zu den häuslichen Problemen geführt. Neben dem Geständnis des Angeklagten verwies er auch auf die positive Wirkung des kommunikativen Prozesses, der im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs stattgefunden habe. Sein Co-Verteidiger Alexander Chasklowicz sah die Sucht als „Grundübel“ von allem. Sie habe den Angeklagten zu „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ werden lassen, der in der Arbeit gut funktioniert habe. Das Vertuschen sei ein Symptom der Krankheit , die der Gutachter „polytoxikomane Abhängigkeit“ benannt habe. Man sich zwar sicher einig, dass Armin N. schlimme Taten verübt habe, aber, so Chasklowicz, er habe auch durch die Unterbringung in einer Therapieeinrichtung auch eine zweite Chance verdient. Um die bat auch Armin N., der im Anschluss das Wort ergriff und mit schwach geöffnetem und ohne erkennbare Regung Mund beteuerte, dass ihm die Taten „aufrichtig leid tun“.  Christine Tröger

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