Recherchen des Tierrechtsverein "Soko Tierschutz"

Missstände bei Allgäuer Milchbetrieb

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Ein großer Milchbetrieb in Bad Grönenbach steht im Verdacht, Tiere massiv misshandelt und sogar kranke Tiere an einen Schlachthof veräußert zu haben.

Unterallgäu - Ein großer Milchviehbetrieb aus dem Unterallgäuer Bad Grönenbach steht im Verdacht, Tiere misshandelt zu haben. Dies berichtet der Tierrechtsverein „Soko Tierschutz" aus Planegg bei München. Das Landratsamt Unterallgäu bestätigte in einer ersten Stellungnahme, dass bei Kontrollen tierschutzrechtliche Verstöße festgestellt und entsprechend beanstandet wurden.

Nach den vorliegenden Informationen der „Soko Tierschutz“ handelt es sich bei dem betroffenen Betrieb um den größten Milchbauern in Bayern mit rund 1.800 Tieren. 30 Tage lang im Mai und Juni 2019 beobachteten versteckte Kameras den Mega-Milchviehbetrieb, das Video zeige, wie der Betriebsleiter persönlich Kühe misshandelt. Dabei kommen Tritte, Stiche mit einem spitzen Gegenstand und Gewalt mittels eines Traktors zum Einsatz. Mit dem Traktor seien Tiere gewaltsam umhergeschleift und mutwillig schwer verletzt worden. Anstatt durch Entbluten nach Betäubung lasse man Kühe an den Kopfverletzungen des Bolzenschusses über Stunden grausam verenden. 

Selbst nach einer Anzeige von „Soko Tierschutz“ am 10. Juni seien die Straftaten weitergegangen. Diverse Tiere aus dem Krankenstall wurden laut Friedrich Mülln vom Tierrechtsverein bei einem Großschlachthof in Buchloe abgeliefert. „Dabei ist das Schlachten von kranken Tieren eigentlich streng verboten“, so Mülln. Die Milch des Betriebes, rund 40 Tonnen am Tag, geht zum größten Teil zu einer bekannten Käserei im Allgäu. 

„Diese Recherche entzaubert den Mythos von der Milchproduktion im idyllischen Allgäu. Sie ist längst in der Massentierhaltung angekommen, mit schrecklichen Folgen für die Tiere. Jeder kennt inzwischen die grausamen Folgen der Massentierhaltung bei Geflügel und Schweinen. Die Konsumenten und Konsumentinnen von Milchprodukten müssen sich klar werden, dass der Konsum von Kuhmilchkäse die gleichen schrecklichen Folgen für Tiere hat und die Milchproduktion anderen Tierausbeutungs-Industrien an Grausamkeit in nichts nachsteht. Wir fordern ein hartes Durchgreifen der Behörden gegen die Tierquälerei in der Milchproduktion und appellieren an die Verbraucher auf tierleidfreie Pflanzenmilch zu setzen und dieser Barbarei damit ein Ende zu setzen", so Friedrich Mülln.

In einer Pressemitteilung des Landratsamtes heißt es zu den Vorwürfen: Der Milchviehbetrieb und seine Betriebsstätten wurden in den vergangenen Jahren regelmäßig kontrolliert. Insgesamt handelte es sich in den vergangenen fünf Jahren um 19 Regelkontrollen und 15 anlassbezogene Kontrollen (davon zehn Tierschutz-Kontrollen). Diese Kontrollen seien unangemeldet erfolgt. Bei den Kontrollen wurden tierschutzrechtliche Verstöße festgestellt. Die Beanstandungen bewegten sich laut Landratsamt im „gering- bis mittelgradigen Bereich“. Die Auflagen zur Behebung der Mängel wurden unmittelbar vor Ort ausgesprochen und dem Landwirt wenn erforderlich nachfolgend schriftlich zugestellt. Im Rahmen dieser Amtskontrollen kam es zu keinen Bußgeldern oder Strafanzeigen, da die Mängel vom Betrieb immer beseitigt wurden. Gerüchten zufolge wurden unerwünschte Kontrolleure des Hofes verwiesen, bis Kontrolleure auftauchten, die dem Landwirt eher entsprachen.

Allerdings räumt das Landratsamt auch ein, dass außerhalb dieser Kontrollen weitere Hinweise eingingen, aus denen sich ein Verdacht auf eine Straftat ergab. In diesen Fällen habe man Strafanzeige erstattet. In weiteren Fällen wurden Stellungnahmen bei der Polizei beziehungsweise bei der Staatsanwaltschaft abgegeben. Der Betreiber des Milchviehbetriebes aus Bad Grönenbach war zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen. 

Die Käserei Champignon äußert sich wie folgt: "Wir haben die Medienberichte natürlich verfolgt und sind von den Vorfällen sehr betroffen. Diese Bilder entsprechen in keiner Weise unseren Forderungen und Ansprüchen. Wir bekennen uns eindeutig und unmissverständlich zum Tierwohl und distanzieren uns von jeglichen Missständen in der Tierhaltung oder Verstößen gegen das Tierschutzgesetz. Wir haben mit unseren Lieferanten klare Standards zur Milchproduktion vereinbart und kontrollieren deren Einhaltung über regelmäßige Audits durch unabhängige, zertifizierte und akkreditierte Prüfstellen vor Ort. Zuletzt wurde der betroffene Milchviehbetrieb im März 2019 kontrolliert. Die gelieferte Milch des betreffenden Milchviehhofes war und ist von einwandfreier Qualität, dennoch wird die Käserei Champignon, aus ethischen und moralischen Gründen, ab sofort keine Milch mehr von diesem Hof annehmen und verarbeiten."

Auf der Facebookseite der Käserei äußern Kunden ihren Unmut: "Eure Werbung von liebevoll umsorgten Kühe, alles eine Illusion. (...) Mich habt ihr als Kunden verloren."

"Sadismus an Tieren von Lieferanten wird auch immer von den abnehmenden und verarbeiteten Betrieben vertuscht. Solange bis es zu einem öffentlichen Aufschrei durch die Medien kommt, dann wäscht man sich schnell die Hände in Unschuld. (...) Die sogenannten Audits und Prüfungen sind nur eine Farce und das Zugeständnis an den Handel getreu dem Motto: 'Wir gaukeln dem Verbraucher vor, alles im Griff zu haben.' Zu behaupten, man hätte nichts gewusst, heißt im Umkehrschluss, dass man entweder unfähig ist, seinen größten Lieferanten zu kontrollieren oder dass es einfach nur egal ist, solange die Produktivität stimmt. (...)"

Der Kreisbote hat bei der Käserei Champignon nachgefragt, wie ihre Standards zur Sicherung des Tierwohls mit den liefernden Milchviehbetrieben aussehen. Das Unternehmen teilte mit, es gebe "28 Kriterien zur Gesundheit und dem Wohlergehen der Tiere sind Bestandteil des QM Milch Standard, zu dem sich unsere Lieferanten verpflichtet haben. Darüber hinaus müssen die gesetzlichen Vorschriften eingehalten werden. Kommt es zu Abweichungen, werden diese dokumentiert und müssen abgestellt werden. Bei groben Verstößen muss das entsprechende Veterinäramt informiert werden. Die Verfolgung von Tierschutzverstößen liegt in der Verantwortung der Veterinärämter."

Die Sendung "Report Mainz" strahlte am Dienstag, 9. Juli, um 21.45 Uhr in der ARD eine Reportage aus über die von der „Soko Tierrecht“ recherchierten Missstände. Eine Stellungnahme vom Landratsamt Unterallgäu zu den Vorkommnissen auf diesem Betrieb lesen Sie hier. Reaktionen zu diesem Fall gab es auch aus der Politik, die entsprechenden Aussagen finden Sie hier.


Eric Schneider/Susanne Lüderitz

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