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Misstrauen am »Mount Dethleffs«

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Von: Lutz Bäucker

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Idylle in Gefahr? Zwischen dem Spielplatz von Kleinhaslach(vorne) und dem bisherigen Werksgelände (hinten) will „Dethleffs“  660 neue Stellplätze für seine Wohnmobile bauen
Idylle in Gefahr? Zwischen dem Spielplatz von Kleinhaslach(vorne) und dem bisherigen Werksgelände (hinten) will „Dethleffs“ 660 neue Stellplätze für seine Wohnmobile bauen. © Bäucker

Isny – Das Interesse der Bevölkerung war riesengroß: Rund 120 Zuschauer verfolgten die öffentliche Sitzung des Gemeinderates, in der es um die geplante Erweiterung des „Dethleffs“-Werksgeländes ging.

Ein Vorhaben, das vor allem im Stadtteil Kleinhaslach auf großen Widerstand stößt. Der Wohnmobil- und Caravan-Bauer möchte mit 660 neuen Stellplätzen bis in die unmittelbare Nachbarschaft der Kleinhaslacher vorstoßen. Der damit verbundene Lärm, die Fahrzeugbewegungen und ein neuer Fahrweg sorgten für eine hochemotionale und mehr als drei Stunden dauernde Diskussion.

Großes Bürgerinteresse

Selbst langjährige Beobachter der Isnyer Kommunalpolitik waren überrascht. „Solch einen Andrang haben wir seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt.“ Das Forum des Kursaales war mit Stühlen bestückt worden, doch die reichten nicht aus, immer wieder mussten neue Sitzgelegenheiten für das hereindrängende Publikum herbeigeschafft werden. Bürgermeister Rainer Magenreuter stellte zu Beginn der Sitzung erstmal Grundsätzliches fest: „Isny ist die Wiege des Wohnwagenbaus, da sind Investitionen am Standort prinzipiell erfreulich. Aber es gibt viele offene Fragen dazu.“

Enormes Wachstum bei Wohnmobil-Produktion

Um diese Fragen zu beantworten, waren drei Mitglieder der Dethleffs-Geschäftsführung angetreten, an der Spitze Alexander Leopold. Der Vorsitzende der Geschäftsführung skizzierte das „extreme Wachstum des europäischen Wohnmobilmarktes, die enorm angestiegene Nachfrage gerade in Deutschland und die damit verbundene hohe Auslastung des Werkes in Isny“.

Leopolds Resümee: „Wir kommen nicht darum herum, unsere Fläche zu erweitern.“ Als Begründung führte er „Pufferflächen für die Lagerung von notwendigen Teilen“ an, die für eine kontinuierliche und sichere Produktion der Dethleffs-Fahrzeuge nötig seien. Laut Leopold hat sich die Zahl der Mitarbeiter im Werk Isny in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt, derzeit sind dort 1.700 Menschen beschäftigt. Co-Geschäftsführer Günther Wank präsentierte die geplante Erweiterung um neue Abstellplätze für 660 Wohnmobil-Chassis. „Die werden dort nur geparkt, nicht bearbeitet. Und es wird dort nur rund 50 Fahrzeugbewegungen pro Arbeitstag geben“, versprach Wank. Die zu erwartende Lärmbelästigung von Kleinhaslach hatte sich „Dethleffs“ durch das Lindauer Büro Sieber als „im erlaubten Rahmen“ attestieren lassen.

Anwohner kritisieren Lärm-Management

Eine Bewertung, die die betroffenen Anwohner sofort auf den Plan rief. Andre Schönegge aus dem Wohngebiet „Im Wiesengrund“, das sich in Sicht- und Hörweite zum geplanten neuen Areal befindet, eröffnete die Diskussion mit heftigen Vorwürfen an das europaweit agierende Unternehmen. „Dethleffs hat keinerlei Gespür für Recht und Ordnung, wer garantiert uns die Einhaltung der zugelassenen Lärmwerte? Wir Anwohner haben ganz schlechte Erfahrungen mit Ihnen gemacht!“ Schönegge bezog sich dabei auf das Verhalten des Wohnmobil-Giganten im Jahr 2021. „Seit Juni ‘21 hat uns eine defekte Förderschnecke mit schrecklichem Quietschen den Schlaf geraubt und die Nerven strapaziert und die Firma hat monatelang nichts dagegen unternommen.“ Günther Wank musste einräumen, dass das Horror-Geräusch erst vor Kurzem abgestellt wurde. Anlieger Jochen Müller schlug in dieselbe Kerbe: „Wir misstrauen der Firma massiv! Ein halbes Jahr lang Untätigkeit, das geht gar nicht. Dethleffs muss jetzt den Beweis antreten, in Zukunft anders zu handeln.“ Man habe nicht mehr schlafen und sich nicht auf der Terrasse aufhalten können, so ein anderer Kleinhaslacher. „Es war furchtbar.“

„Wir haben schlechte Erfahrungen mit dem Lärm-Management von Dethleffs gemacht“: Anwohner Andre Schönegge aus Kleinhaslach sprach den vielen Zuhörern im Kursaal aus dem Herzen.
„Wir haben schlechte Erfahrungen mit dem Lärm-Management von Dethleffs gemacht“: Anwohner Andre Schönegge aus Kleinhaslach sprach den vielen Zuhörern im Kursaal aus dem Herzen. © Bäucker

Kritisiert wird auch die Lärmbelästigung durch die firmeneigene Schneeräumung. „Die Fahrzeuge beginnen nicht selten schon um drei Uhr nachts damit, riesige Schneemengen zum sogenannten ‚Mount Dethleffs‘ zusammenzuschieben, dabei machen sie mit ihren Rückfahrwarnpiepsern einen enormen Lärm, manchmal bis zu 97 Dezibel. Und das geht stundenlang so.“(Anm. d. Red.: Ein Presslufthammer ist 99 Dezibel laut.)

Unternehmen verspricht Besserung

Geschäftsführer Leopold versuchte, die Wogen zu glätten, sprach davon, dass „wir ein zugängliches Unternehmen sind, das keinen Krieg mit den Nachbarn möchte, sondern das besser werden muss, um allgemeinverträgliche Lösungen für das Lärmproblem zu finden.“ Er räumte die schlechte Kommunikation mit den Beschwerdeführern aus Kleinhaslach ohne Wenn und Aber ein. Alexander Leopold: „Unser Firmenclaim ’Ein Freund der Familie‘ sein zu wollen, ist uns in der Nachbarschaft noch nicht gelungen.“ Schönegge reagierte prompt: „Ich nehme das als Ihr Versprechen für die Zukunft, dass Dethleffs sich bessern wird.“ Nicht alle Betroffenen stimmten ihm zu. „Wir fühlen uns in Kleinhaslach wie David gegen Goliath“, so eine Bewohnerin, „man hat uns verraten und verkauft.“ Ein deutlich höherer Lärmschutz müsse her, nicht nur am Erweiterungsgelände, auch im gegenwärtigen Bestand des Werkes.

Und nicht nur der Lärm wurde thematisiert, auch die Verlegung eines öffentlichen Fahrweges an den Rand eines beliebten Kinderspielplatzes, der Flächenverbrauch, die Versiegelung und die Dimension der Baupläne wurden heftig kritisiert.

Deal mit den Bürgern soll her

Grünen-Gemeinderätin Petra Eyssel nannte das Vorhaben von Dethleffs schlicht „nicht enkeltauglich“: „Sie müssen mir Ideen für die Zukunft vorlegen, nur dann kann ich Ihnen vertrauen.“ CDU-Mann Siebler unterstrich die „Wichtigkeit des Arbeitgebers Dethleffs für Isny“ und nannte die Erweiterung „ein „Statement pro Standort Isny“. SPD-Rat Stöckle betonte, nicht nur Arbeitsplätze schützen zu wollen, sondern auch die Anwohner. Sein Fraktionskollege Clement schlug dem Fahrzeugbauer „einen Deal mit den Bürgern“ vor: „Beseitigen Sie auch die Altlasten, damit bringen wir die Kuh vom Eis.“ Dafür plädierte auch Gebhard Mayer von den Freien Wählern. „Der Lärm muss überall eingedämmt werden, dann kriegen wir das hin.“

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