"Schlechter kann es für uns nicht werden"

Mobilfunkmast an Heisinger Familienwohngebiet und Spielplatz geplant

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Der Mobilfunkmast soll beim Hochbehälter entstehen. Die Belastung auf dem Spiel- und Bolzplatz sei zu vernachlässigen, so der Gutachter Dipl. Ing, Hans Ulrich. Wichtiger sei die Situation im häuslichen Umfeld. Die könne jeder selbst beeinflussen, indem er etwa auf DECT-Telefone verzichtet und WLAN ausschaltet. „Jeder Elternteil, der im Auto das Handy anhat, belastet sein Kind mehr als der Sendemast.“

Lauben/Heising – Die Telekom möchte im Laubener Ortsteil Heising einen neuen Mobilfunkmasten bauen. Weil der bevorzugte Standort dort nicht zur Verfügung steht, soll der Mast nun auf dem Hochbehälter platziert werden – und somit direkt auf dem beliebten Rodelhang sowie in unmittelbarer Nähe zum Spielplatz, Bolzplatz und dem Wohngebiet Wiesengrund, in dem junge Familien mit rund 50 Kindern leben. Doch die Bewohner sorgen sich um ihre Gesundheit und die ihrer Kinder. Nun steht die Gemeindevertretung im Spannungsfeld zwischen den Ängsten der Anwohner, den staatlichen Anforderungen, dem Druck der Deutschen Telekom – deren Vertreter machte jüngst keinen Hehl aus der Machtposition des Konzerns – und dem Wunsch anderer Laubener nach einer besseren Mobilfunkversorgung im Ort.

„Zu mir kommen immer wieder Bürger, die sich beschweren, weil wir im Gemeindegebiet einen schlechten Mobilfunkempfang haben“, sagt Laubens Bürgermeiste Berthold Ziegler. Da kam es gerade recht, dass die Telekom vor rund eineinhalb Jahren bei der Gemeinde Lauben einen Mobilfunkstandort nachfragte. Ziel des Unternehmens ist die größtmögliche funktechnische Abdeckung der Autobahn A7 in diesem Bereich (u.a. auch im Hinblick auf autonomes Fahren) bei gleichzeitiger Versorgung des Ortes. 

Die Gemeinde beauftragte daraufhin den renommierten Mobilfunkgutachter Dipl. Ing. FH Hans Ulrich mit der Suche nach dem aus Versorgungssicht besten und in puncto Strahlenbelastung schonendsten Standort. Acht Standorte auf Laubener Flur wurden dazu verglichen. Fünf davon scheiden aufgrund ihrer Ineffizienz aus. Die Ergebnisse des Immissionsgutachtens können auf der Website der Gemeinde Lauben eingesehen werden.

Champignon verweigert den Standort

Der laut Gutachten geeignetste Standort, um die Zielvorgaben zu erfüllen, wäre der Schornstein der Käserei Champignon. Diesen Plänen erteilte das Unternehmen aber bereits eine Absage. Nun steht als Alternative der eingangs erwähnte Hügel oberhalb des Wohngebietes Wiesengrund im Raum (A04). Die Anwohner – allesamt junge Familien – wollen sich damit nicht abfinden. 

„WLAN können wir rausschalten, aber so ein Mast bestrahlt uns rund um die Uhr“, sagen Einige. In der vergangenen Woche organisierten sie kurzfristig einen Informationsabend, bei dem der Geobiologe und Messtechniker Wolfgang Jogschies aus Wildpoldsried über mögliche Gesundheitsrisiken durch Mobilfunk referierte und auch zu den untersuchten Maststandorten Stellung bezog.

"Schockierende Messwerte"

„Mein erster Eindruck war: Was ist das für ein Gutachten?!“, gab dieser zu. „Die Messpunkte haben mich alle schockiert, weil die Werte so hoch sind.“ Zwar sei der Standort Champignon funktechnisch ideal, strahlentechnisch sei aber auch er problematisch. „Das Rathaus bekäme eine Strahlendosis von 25.000 mW (Milliwatt) ab.“ In landwirtschaftlichen Betrieben träten massive Probleme wie etwa die Häufung von Totgeburten bei Kühen bereits bei 200-300 mW auf, so Jogschies. Der gesetzliche Grenzwert werde sicher an keiner Stelle in der Gemeinde überschritten, so der Experte. „Aber besagte Grenzwert enthält keine Vorsorgekomponente. 

Er schützt nicht die Gesundheit der Menschen, er schützt nur die Industrie vor Regressansprüchen.“ Neben den Studien, die die Gefahrlosigkeit der Technologie belegten, gebe es hunderte andere aus verschiedenen Ländern, die einen Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Störungen des Zentralen Nervensystems, des Hormonsystems, deren Gentoxizität sowie die Begünstigung der Entstehung von Krebs herstellten. „Diese sind aber nicht als wissenschaftliche Beweise anerkannt. Denn nicht jeder Mensch reagiert gleich und bei einer langsam entstehenden Krankheit wie Krebs kann ein ganzes Konglomerat an Auslösern eine Rolle spielen. 

Das Problem ist also, trotz der vorliegenden besorgniserregenden Untersuchungsergebnisse, zweifelsfrei zu beweisen, welche konkrete Rolle der Mobilfunk dabei spielt. Diesen Beweis wird die Wissenschaft nie erbringen können“, glaubt er. Dabei hat selbst die Strahlenschutzkommission 2001 geäußert: „Es gibt eine Fülle von Hinweisen auf Gesundheitsbeeinträchtigungen unterhalb der Grenzwerte. Dabei geht es um Zellabläufe, die Öffnung der Blut-Hirn-Schranke, das Immunsystem, Blutparameter, kognitive Funktionen und EEG-Auffälligkeiten.“

"Der Bedarf ist da"

Die Aussage veranlasste einen besorgten Bürger während der mehrstündigen, mitunter äußerst hitzig geführten Diskussion, zu der Frage an Berthold Ziegler: „Wenn ich das Risiko nicht einschätzen kann, dann lasse ich doch die Finger davon. Wenn ich nicht sicher bin, ob das Eis auf dem Baggersee im Winter trägt, schicke ich mein Kind doch auch nicht auf den See.“ Ziegler: „Ich bin ganz ehrlich, ich kann das Risiko nicht einschätzen.“ Bürger: „Warum machen Sie‘s dann?!“ Ziegler: „Weil der Bedarf da ist. Sehr viele Bürger beschweren sich bei mir, dass Lauben unterversorgt ist.“ Auch Jogschies vertrat die Meinung: „Die bauen den Sender nicht, um die Leute zu ärgern oder um sie krank zu machen, sondern weil der Bedarf da ist. Jeder der ein Smartphone nutzt, trägt dazu bei, dass der Sender kommt.“

Begrenzter Handlungsspielraum

Dass der Handlungsspielraum begrenzt ist, zeigte sich bei der Informationsveranstaltung der Gemeinde am Montagabend, bei der der Gutachter Hans Ulrich im Beisein des Mobilfunkbeauftragten bei der Telekom, Frank-Peter Käßler, seine Untersuchungsergebnisse vorstellte. Darin kommen auch konkrete Berechnungen zur maximalen Strahlung der zu erwartenden Nutzung durch insgesamt drei Mobilfunkbetreiber vor. Auch Ulrich sprach von den „durchaus ernstzunehmenden Studien“ zu massiven Gesundheitsgefahren auch unterhalb der Grenzwerte. Diese gingen in erster Linie von Endgeräten wie Handy, Tablet, WLAN-Router etc. aus. 

Der Thematik stehe allerdings das öffentliche Interesse an einer flächendeckenden Versorgung mit Dienstleitungen des Mobilfunks entgegen. „Der Netzbetreiber hat das Recht, auf technischem Niveau zu versorgen, das heißt, Lauben kann gar nicht ausscheren.“ Käßler: „Die Bundesregierung hat eine 97- bis 98-prozentige flächendeckende LTE-Versorgung in ganz Deutschland verfügt. Diesem Auftrag müssen wir nachkommen.“ Ulrich machte klar: „Wenn mit der Gemeinde keine Einigung erzielt wird, machen sich die sehr geschickten Akquisiteure der Telekom auf die Suche nach einem privaten Standort.“ 

Und ein solcher führe seiner langjährigen Erfahrung nach zu einer schlechteren Versorgung bei zugleich wesentlich höherer Belastung als bei den von ihm vorgeschlagenen Varianten. „Solange wir im Dialog sind, haben wir zumindest einen gewissen Einfluss auf die Thematik“, fand auch Ziegler. Er betonte: „Den A04 bekommt die Telekom aber nur, wenn sie uns dafür einen Masten in Lauben, an der Kläranlage (A03) hinstellt, um auch in dem Gemeindeteil eine gute Versorgung zu erreichen.“

"Schmerzlicher Kompromiss"

Für die Telekom wäre der A04 in Kopplung mit dem A03 „ein schmerzlicher Kompromiss“, so Frank-Peter Käßler. Auf die Frage eines Besuchers, ob er denn garantieren könne, dass der A04 nur zusammen mit dem A03 verwirklicht werde, gab er offen zu: „Das ist eine Frage des Gesamtpakets und der Kostenthematik – Sie sehen die Eurozeichen in meinen Augen. Wenn das für uns nicht machbar ist, werden wir den anderen Weg (private Dachstandorte; Anm. d Red.) beschreiten, das ist ganz klar.“ 

Einen alternativen Handymasten auf Gemeindegrund in unmittelbarer Nähe zu den Champignonwerken schloss Bürgermeister Ziegler auf Nachfrage des Kreisboten aus. Der Gemeinderat werde in seiner nächsten Sitzung nochmals beraten, ob der jetzige Beschluss (A04 mit A03) Bestand haben solle. Er wenn dies geklärt sei, werde man in Verhandlungen mit der Telekom treten. Ein Zeitfenster für den Bau sei noch nicht besprochen worden. Im Anschluss an die Veranstaltung herrschte bei den Anwohnern des Wiesengrunds Katerstimmung. „Nichts Genaues weiß man nicht. Wir alle haben Kinder. Was sollen wir jetzt machen?“ Eine Mutter fasste es so zusammen: „Schlechter kann es für uns nicht werden.“ 

Sabine Stodal

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