Wie lang ist zu lang?

Modellprojekt zur Ganztagsbetreuung: Sollen Grundschulkinder von 7 bis 18 Uhr außer Haus sein?

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Kempten – Mit einem Dilemma sahen sich am Montag die Mitglieder des Jugendhilfe-Ausschusses konfrontiert.

Zur Debatte stand, ob sich die Stadt am „Modellprojekt der Kooperativen Ganztagesbildung“ des Bayerischen Sozialministeriums beteiligen soll. Darin wird ein Modell erprobt, in dem die Grundschulkinder auch am Nachmittag Betreuung erhalten. Im äußersten Fall bis 18 Uhr. Der Gedanke, dass auch viele Grundschulkinder künftig so lange außer Haus verbringen könnten, gefiel vielen Stadträten überhaupt nicht.

Die Stimmen reichten von „eigentlich ist das völliger Wahnsinn“, über „ich habe ein ganz schlechtes Gefühl“ bis hin zu Forderungen an die Arbeitgeber, „sich ihrer Verantwortung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ bewusst zu werden. Nach eingehender Diskussion stimmten aber doch alle Ratsmitglieder dafür, beim Modellversuch mitzumachen. Eine große Rolle beim Modell, das Marion Haugg, die Leiterin des Amtes für Kindertagesstätten, Schulen und Sport vorstellte, spielen Partner aus der öffentlichen Jugendhilfe, wie AWO oder Caritas. Auch die Partnerschaft mit den Eltern soll eng sein. Der Hauptgedanke sind zwei Schienen. Neben rhythmisierten Ganztagsklassen, in denen sich Lernzeiten mit musischen, sportlichen und sozialfördernden Angeboten abwechseln, soll es auch eine flexible Variante geben, die so ähnlich aussieht wie ein Hort, mit Hausaufgabenbetreuung und Freizeitangeboten verschiedener Art. 

Nach ihrem Schulschluss sollen die Kinder in die flexible Betreuung wechseln können. So bestehe für alle Kinder eine Ganztagsgarantie. „Die dafür nötigen Räume möchte man gerne mit Bildungspartnern aus der Kinder- und Jugendarbeit nutzen, zum Beispiel örtlichen Musikschulen und Sportvereinen“, erklärte Haugg. Die Verwaltung würde gerne mit einer Bestandsgrundschule und der neuen geplanten zehnten Grundschule am Modellprojekt teilnehmen, um für den bereits angekündigten Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung im Grundschulalter gerüstet zu sein. „Wir gehen davon aus, dass man diese Zielmarke bis zum Jahr 2025 erreichen möchte“, so Haugg. 

Sorge um Vereinskultur

 Ganz und gar nicht gefiel Stadtjugendring(SJR)-Geschäftsführer Alexander Haag der Gedanke, die Schüler von 7 bis 18 Uhr in den Schulen betreuen zu lassen und das auch noch an 345 Tagen im Jahr. Vorgesehen sind im Modell maximal 20 Schließtage und Betreuung auch während der Ferien sowie an den Randzeiten wie Freitagnachmittag. Die Kritik äußerte Haag nicht nur im Hinblick auf die Kinder, sondern auch auf die Nachwuchsthematik der Kemptener Vereine: „Wir zerschlagen das, was wir in Deutschland so lange aufgebaut haben“, sagte er. SJR-Vorsitzender Stefan Keppeler spann den Gedanken weiter. 

Wenn alle Feuerwehren künftig hauptamtlich organisiert würden, kämen große Kosten auf die Gesellschaft zu, warnte er. Er räumte ein, dass im Modell Kooperationen mit den Vereinen vorgesehen seien, doch befürchtete er, dass die kleinen Vereine „außen vor bleiben“. Helmut Berchtold (CSU) hatte „ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache“. Er berichtete aus den USA, die er gut kenne, wo es kein Vereinsleben gebe. Berchtold kündigte an, zum ersten Mal nicht für einen Verwaltungsvorschlag zu stimmen. 

"In der Kooperation ganz andere Wege denken"
Thomas Baier-Regnery, Referent für Jugend, Schule und Soziales, hieß die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ebenfalls nicht unbedingt für gut, mahnte aber: „Wenn solche gesamtgesellschaftlichen Erwartungen da sind, und entsprechende Gesetze entstehen, dann müssen wir zusehen, dass die bestmögliche Betreuung gewährleistet wird.“ Man biete ja nicht nur Ganztagsschule, sondern auch außerschulische Angebote „in toller Qualität“. Und man müsse immer mehr an die Qualität bei der Betreuung denken. 

Der Personalschlüssel an der Münchener Modellschule am Pfanzeltplatz liegt über den gesetzlichen Anforderungen der bisherigen Ganztagsangebote und ist vergleichbar mit dem eines Hortes. Die Fachkraftquote in der Münchner Modellschule liegt bei 60 bis 70 Prozent. Vorteile sah Baier-Regnery hier für Inklusion und Integration. Erna-Kathrein Groll (Grüne) schloss sich an. „Ich will das auch nicht, aber es gibt immer weniger ideale Familienverbände, wenn alle berufstätig sind.“ Sie sah auch Vorteile für die Eltern, die womöglich weniger Elterntaxi spielen müssten. Und Dr. Dr. Robert Wiedenmann (FW) erwähnte, dass es auch Kinder gebe, die ohne die Ganztagesbetreuung womöglich gar nicht in Vereinen gefördert würden. Dass die Macht der Wirtschaft, die immer mehr Flexibilität fordere, vom Kemptener Stadtrat nicht beeinflussbar sei, warf Regina Liebhhaber (SPD) ein. 

Sie forderte, dass sich die Arbeitgeber ihrer Verantwortung im Hinblick auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf stärker bewusst sein müssten. Eine Ergänzung gab es dazu noch von der Gleichstellungsbeauftragten Katharina Simon: Nicht nur Mütter sollte die Teilzeit ermöglicht werden, sondern auch den Vätern. Auch Stefan Keppeler hatte eine Forderung an die Arbeitgeber, wenn man ihnen hier entgegenkomme. Bei der Freistellung von Jugendleitern hapere es im Moment stark. Hier will er Verbesserungen sehen. Und Franziska Limmer vom SJR erinnerte daran, dass Grundschulkinder noch klein seien, und Ruhepausen brauchen, „sonst werden sie krank“. Limmer wünschte sich, dass solche Zeiten beim Modellprojekt berücksichtigt werden. Harald Platz (CSU) hielt jeden Modellversuch für begrüßenswert, „weil wir Dinge gestalterisch beeinflussen können“. Ob Kempten den Zuschlag erhält, wird sich aber erst noch zeigen. 

Susanne Lüderitz

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