Montag-Abend-Musik-Abenteuer im Stadttheater Kempten

Meisterkonzert mit Geigerin Midori und Pianist Özgür Aydin rührt zu Tränen

+
Midori und Özgür Aydin brillierten beim vierten Meisterkonzert.

Kempten – „Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo“, hat André Heller einmal gesungen. Auch die klassische Musik ist im idealen Fall ein Abenteuer, das sich im Kopf des Zuhörers oder der Zuhörerin abspielt und deswegen keine fernen Länder,

keine mächtigen Feinde oder aufgewühlte Zeiten braucht. Sie ist ein Gefühlsabenteuer, das einem – ohne dass man sich in entlegene Regionen seines Lebens begeben muss – an einem ganz normalen Montagabend im Konzertsaal eines Theaters begegnen kann.

Die Musiker, die man da hört – es müssen gar nicht viele sein, es reichen zwei – spielen nicht das große, virtuose Programm, sie spielen nicht bis zum Umfallen den Jubel in den Saal, sie spielen eine kleine Zugabe und zuvor nicht die Renommierstücke, mit denen sie glänzen können, bis zur Blendung, sie spielen beispielsweise ein eher einfaches Werk vom Vielschreiber Bach, eine Jugendübung von Schubert, und dann noch Werke von zwei Komponisten, die nicht in der ersten Reihe der Aufführungsliteratur stehen.

Wahre Abenteuer haben immer eines gemeinsam, man kann sie nicht planen und sie kommen, wenn man sie am wenigsten erwartet. Und so betreten die grazile, japanisch-stämmige, US-amerikanische Geigerin Midori und der amerikanisch-türkische Pianist Özgur Aydin, in Berlin lebend, die Bühne des Stadttheaters. Eigentlich sehen sie eher vornehm als abenteuerlich aus, sie in einem elegant gemusterten, langen Kleid und er mit Anzug und schwarzer Fliege. Und doch beginnt das musikalische Abenteuer vom ersten Stück an. Die vier Sätze der Sonate für Violine und Basso Continuo von Johann Sebastian Bach spielen sie in einer Ruhe und Ausgeglichenheit, die dieses kurze und wenig vielschichtige Stück in die Reihe der Bachschen Meisterwerke erhebt. Der reine und unaufgeregte Ton von Midoris Violine harmoniert mit den klaren, bis ins pianissimo genau kontrollierten Continuo-Linien Aydins so, als hätten beide nie etwas anderes gemacht, als zusammen zu spielen. Aus dem ursprünglich nur für Violine mit einer Basso-Continuo-Begleitung angelegten Werk formen beide Musiker auf diese Weise ein Stimmungsbild Bachscher Weltanschauung, die geprägt ist von Arbeit und festem Glauben bis hin zur barocken Weltvergessenheit eines Andreas Gryphius.

Bei Franz Schubert nach der Pause werden sich die Zeiten dann gewandelt haben. Seine Violinsonate atmet, so, wie die melodischen Themen aufgebaut und aneinandergereiht sind und in seiner ganzen viersätzigen Anlage, zutiefst den Geist der Wiener Klassik, Mozart vor allen Dingen. Aber sie ist nicht nur Mozart, der seit 24 Jahren tot ist, als Schubert 1815 diese Sonate in g-moll schreibt. Bei Franz Schubert legt sich bereits ein romantischer Schleier über die Töne, der die neuen musikalischen Zeiten ankündigt, Midori und Aydin spielen die klassischen Linien so luftig, dass dieser Schleier an allen Ecken und Enden durchschimmert und einen zu Tränen zu rühren vermag.

Eine geschickte Dramaturgie hat zwischen Bach und Schubert vor der Pause ganz unchronologisch ein Stück ins Programm gebracht, das einen interessanten Hörgegensatz zum anfänglichen Barockstück bot. César Franck ist der große Lehrmeister der französischen Moderne. In der Nachfolge von Hector Berlioz vereint er Elemente der deutschen und der französischen Romantik und strahlt mit seiner wenig illustren Musikerkarriere, die ihn bis zum Professor für Orgel am Pariser Konservatorium gebracht hat, einen großen Einfluss auf zukünftige französische Komponistengenerationen aus. Sein berühmtestes Kammermusikwerk, die Violinsonate in A-Dur, das er 1886 vier Jahre vor seinem Tod komponiert hat, besitzt den reichen melodischen Gehalt und die harmonische Farbigkeit eines gereiften Spätromantikers. Die zurückhaltende, man möchte fast sagen distinguierte Spielweise Midoris ist wie geschaffen, dieses Stück nicht ins allzu Romantisierende abgleiten zu lassen. Eine klassische Interpretation eines romantischen Werkes! Bravo!

Zum Schluss wiederum in einem spannenden Gegensatz zum vorher gehörten Schubert ein italienischer Komponist vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Ottorino Respighi ist wie Franck immer noch Romantiker. Er liebt die großen, schwelgenden Melodien voll reicher Harmonien. Aber er ist Italiener und er kennt die Musik, die seit den Zeiten Francks in Italien und in Deutschland geschrieben wurde. Und er kennt auch die Musik eines Nachfahren von Franck: Claude Debussy. Und so schreibt er mit seiner Violinsonate in h-moll ein sehr individuell geprägtes Werk, das alle romantische Lieblichkeit abgeworfen hat und eher den ständigen Widerstreit von Violine und Klavier in sich trägt. Aydin gibt gelassen-kraftvoll und technisch brillant den Widerhall zu Midoris markant-zurückhaltender Violine. Mit dem letzten Satz, einer antikisierenden Passacaglia, schlagen die Musiker einen perfekten Bogen zum Beginn des Konzerts. Das Abenteuer ist bestanden, dieser Abend war ein Geschenk.

Jürgen Kus

Auch interessant

Meistgelesen

Beim Jugendtheater Martinszell rettet Lilli uns – und die Farben
Beim Jugendtheater Martinszell rettet Lilli uns – und die Farben
Vivid Curls übertreffen in der Sankt-Georgs-Kirche alle Erwartungen
Vivid Curls übertreffen in der Sankt-Georgs-Kirche alle Erwartungen
Ärgernis am Rande eines Unfalls
Ärgernis am Rande eines Unfalls
M-net Georg Hieble Silvesterlauf: Gewinne zwei Freistartplätze und sei dabei!
M-net Georg Hieble Silvesterlauf: Gewinne zwei Freistartplätze und sei dabei!

Kommentare