Muss die Allee wirklich weg?

14 alte Bäume an der OA 19 sollen gefällt werden – dagegen gibt es Protest

+
Viele der alten Alleebäume wurden zur Fällung markiert – dagegen regt sich Widerstand. 

Dietmannsried – Wer von Dietmannsried auf der Kreisstraße OA 19 Richtung Wolfertschwenden fährt, der passiert zwischen Eichholz und Ittelsburg eine alte Allee. Zahlreiche große Spitzahorne und Linden säumen dort den Fahrbahnrand. Seit November vergangenen Jahres sind 14 von ihnen mit aufgesprühten Kreuzen markiert. Die Nachfrage des Kreisboten beim Landratsamt ergab: Ja, die Bäume sollen gefällt werden. Angeblich seien sie so schwer geschädigt, dass die Verkehrssicherheit beeinträchtigt sei. Genau dies zweifelt ein Experte an.

Da die OA 19 eine Kreisstraße ist, ist nicht die Gemeinde Dietmannsried, sondern das Landratsamt Oberallgäu für Pflege, Erhalt und gegebenenfalls auch Fällung jener Straßenbäume zuständig. Dort ist man der Meinung, die besagten Bäume müssen weg. Der Kreisbote wollte wissen, warum und fragte schriftlich bei der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) am Landratsamt nach den genauen Gründen. Die dortige Sachbearbeiterin ließ lediglich verlauten, sie habe die Anfrage an den zuständigen Kollegen vom Kreistiefbauamt weitergeleitet. Dessen Stellungnahme steht bis heute, mehr als zehn Tage nach Erhalt, aus. 

Keine gravierenden Schäden festgestellt

Einer, der sich mit Nachdruck gegen die Fällung wendet, ist Christian A. Knaus. Er ist Fachagrarwirt für Baumpflege und -sanierung und seit rund 20 Jahren Sachverständiger für Baumpflege und für Verkehrssicherheit von Bäumen. In dieser Funktion war er auch schon vielfach im Auftrag des Landratsamtes tätig. Er sagt: „Ich kenne diesen Baumbestand schon seit über 15 Jahren und habe auch schon für die Untere Naturschutzbehörde Pflegearbeiten daran durchgeführt.“ Nachdem ihm die Markierungen aufgefallen waren, habe er die Bäume aus persönlichem Interesse im Dezember 2019 auf Defektsymptome in Augenschein genommen. Das Ergebnis: „Die allermeisten von ihnen weisen keine Schäden auf, die eine Fällung aus Verkehrssicherungsgründen rechtfertigen würden. Nur einige wenige müssten zur detaillierten Schadensanalyse genauer untersucht werden.“ Nicht nur fachlich, sondern auch im Hinblick auf das Volksbegehren Artenschutz und die allgemeinen Diskussionen zum Thema Klimaschutz hält er die Fällung für ein völlig falsches Signal. „Laut bayerischem Naturschutzgesetz stehen Alleen, genau wie Hecken, unter besonderem Schutz und dürfen nicht einfach gerodet werden“, betont er. „Bäume sind wertvolle Lebensräume mit hohem ökologischen Wert für zahlreiche Vögel, Kleinsäuger und Insekten. Darüber hinaus binden sie CO2 und liefern uns Sauerstoff.“ Auch die besondere, landschaftsprägende Funktion der Bäume für diese Gegend sei nicht zu vernachlässigen. Normale Baumpflegeeingriffe wie beispielsweise das Entfernen von Dürrholz, die Erhöhung des Lichtraumprofils und eine Kronenpflege wären seines Erachtens ausreichend, um die Sicherheit der Bäume herzustellen.

Fällungen würden Gefährdung provozieren

Mehr noch: In Fachkreisen sei allgemein bekannt, dass die Fällung einzelner Bäume das Risiko von Baumbruch und Baumwurf des Bestandes erheblich erhöhen. Die Gefährdung der Verkehrssicherheit würde durch diese Maßnahmen also erst herbeigeführt. Seine durch konkrete Analysen untermauerte Sichtweise teilte der Kemptener der UNB schriftlich mit. Tatsächlich wurde daraufhin ein Vor-Ort-Termin anberaumt, an dem neben Knaus auch Vertreter des Straßenbaulastträgers, der UNB, des Bund Naturschutz und des Landesbundes für Vogelschutz, der Dietmannsrieder Bauamtsleiter sowie der Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege anwesend waren. Laut schriftlicher Auskunft der Pressestelle des LRA führte der Austausch der Positionen letztlich zu dem Ergebnis, „dass nun noch einmal genau abgeprüft werden soll, ob und wo im Einzelfall Bäume eventuell nicht gefällt werden müssen, weil alternative Schutzmaßnahmen ergriffen werden können. In dem Bereich, in dem der Baumbestand an der Straße Alleecharakter aufweist, ist unter Umständen die Anordnung eines Tempolimits denkbar. Ob und inwieweit das gelingen kann, hängt allerdings auch von der Intensität der bestehenden Vorschädigungen der betroffenen Bäume ab“. Den Teilnehmern des Termins wurde die Zusage erteilt, dass eine schriftliche Mitteilung über das weitere Vorgehen erfolge. Bis heute ist nichts passiert. Das heißt zwar nicht, dass die Fällung abgewendet werden kann. Zumindest ist durch diese Zusicherung aber sichergestellt, dass die Verantwortlichen nicht einfach Gras über die Sache wachsen lassen und irgendwann später vollendete Tatsachen schaffen können. Übrigens: Besagte Allee reicht bis ins Unterallgäu. Auf dortiger Flur wurde kein einziger Baum markiert, geschweige denn gefällt. Stattdessen waren erst kürzlich Baumpflegetrupps am Werk.

Sabine Stodal



Kommentar: 

Weg damit? Geht gar nicht mehr!

Keine Frage: Wenn Bäume in Straßennähe eine Gefahr für den Menschen darstellen, etwa durch herabfallende Äste oder nicht mehr gegebene Standsicherheit, muss rechtzeitig gehandelt werden. Um genau solche Gefahren kommen zu sehen, werden Straßenbäume zweimal jährlich von Fachleuten begutachtet. Daher verwundert es doch sehr, dass nun plötzlich 14 Bäume einer Allee so stark geschädigt sein sollen, dass jede Rettung zu spät kommt und sie allesamt gefällt werden müssen. Als Begründung dient das gern bemühte pauschale Totschlagargument „Verkehrssicherheit“. Fragen nach den konkreten Schädigungen bleiben indes unbeantwortet – auch das darf verwundern. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Erhalt der Bäume nicht das oberste Ziel ist. Ein Schelm, wer denkt, manch Entscheider könnte sie womöglich gar als lästige Störfaktoren ansehen, deren Begutachtung und Pflege nur unnötig Zeit und Geld kosten. Viel zu oft schon wurden per Motorsäge vollendete Tatsachen geschaffen. Sollte ein Aufschrei der Empörung erfolgt sein, genügte in der Regel kurzes Wegducken in dem Wissen: Weg ist weg und der Bürger vergisst schnell. Nun haben sich aber mehr als eine Million Bürgerinnen und Bürger im Volksbegehren 2019 für mehr Artenschutz ausgesprochen. Sie alle sind nun weiter gefordert, den lokalen Akteuren immer und immer wieder auf die Finger zu schauen und auch schriftlich bei Kommunen, Städten und Landratsämtern nachzuhaken und Stellung zu beziehen. Vielleicht kann auf diese Weise endlich ein allgemeines Umdenken gelingen, zur Not mit sanftem Zwang.

 Sabine Stodal


Auch interessant

Meistgelesen

Unsicherheit um Covid-19 Tests: Dr. Matthias Sauter vom Klinikum Kempten klärt auf
Unsicherheit um Covid-19 Tests: Dr. Matthias Sauter vom Klinikum Kempten klärt auf
Die Polizei appelliert an die Bürger sich an die Ausgangsbeschränkung zu halten
Die Polizei appelliert an die Bürger sich an die Ausgangsbeschränkung zu halten
Kinderbuchtipps für Osternest, Ferien und Zusammen-Alleine-Sein
Kinderbuchtipps für Osternest, Ferien und Zusammen-Alleine-Sein
Nachdenken über Separation der älteren Menschen und der damit verbundenen psychischen Belastungen 
Nachdenken über Separation der älteren Menschen und der damit verbundenen psychischen Belastungen 

Kommentare