Eine echte Alternative

Grüne besuchen Bio-Bauernhof mit muttergebundener Kälberaufzucht

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Bio-Landwirt Manfred Gabler hat vor circa einem Jahr auf die muttergebundene Kälberaufzucht umgestellt. Zweimal täglich sehen sich Mutterkuh und Kalb, das seine Milch frisch aus dem Euter erhält, wie im Hintergrund zu sehen ist.

Haldenwang – Die sogenannte muttergebundene Kälberaufzucht, bei der Kalb und Mutterkuh zwischen sechs Wochen und drei Monaten miteinander in Kontakt bleiben, anstatt bereits wenige Stunden nach Geburt voneinander getrennt zu werden, ist in Deutschland noch eine Rarität.

Nur um die 70 von bundesweit rund 80.000 Milchvieh-Betrieben greifen auf die alternative Variante der Kälberaufzucht zurück. Einen Einblick in die Praxis lieferte am vergangenen Montagnachmittag eine Veranstaltung des Grünen-Kreisverbandes Kempten, der dem Biobauernhof von Manfred Gabler in Fleschützen (Gemeinde Haldenwang) einen Besuch abstattete. Mit dabei waren unter anderem der Europaabgeordnete Martin Häusling, der Landtagsvizepräsident Thomas Gehring und Stadträtin Erna-Kathrein Groll.

Landwirt Manfred Gabler hat den Hof seiner Eltern vor 22 Jahren übernommen, bewirtschaftet diesen seit elf Jahren biologisch und hat im März 2018 auf die muttergebundene Kälberaufzucht umgestellt. Mittlerweile werden zwischen 60 bis 80 Prozent aller Kälber darüber aufgezogen. Dem voran gingen ein Erfahrungsaustausch mit zahlreichen über das gesamte Bundesgebiet und der Schweiz verteilten Bauernhöfen, die diese Art der Aufzucht bereits umsetzten, und eine fünfjährige Testphase im eigenen Betrieb, bei der je fünf bis sechs Kühe pro Jahr gemeinsam mit ihren Kälbern aufwuchsen. 

Die schrittweise Umstellung hatte mehrere Gründe, wie Manfred Gabler erklärte. Zum einen mussten erst die baulichen Voraussetzungen – ein neuer Stall als regelmäßiger Begegnungsort von Kuh und Kalb – geschaffen werden, andererseits sollten Bedenken, die diese Variante der Kälberaufzucht mit sich brachte, ausgeräumt werden. „Die muttergebundene Kälberaufzucht ist vordergründig mit zwei Herausforderungen verknüpft. Erstens kann es in seltenen Fällen passieren, dass die Kuh ihre Restmilch, die das Kalb nicht benötigt hat, nur noch ungern im Melkstand abgibt. Zweitens kann durch den ungewöhnlich langen Zeitraum, den Kuh und Kalb miteinander verbringen, ein zum Teil heftiger Trennungsschmerz entstehen“, beschrieb Gabler zwei Situationen, mit denen gerechnet werden müsse. 

Doch diese Hauptbedenken könnten relativ einfach aus der Welt geschafft werden, führte der Landwirt weiter aus. „Erstkalbende Kühe sind momentan außen vor, denn hier haben wir gelegentlich die Erfahrung gemacht, dass es zu Schwierigkeiten mit der Restmilch kommen kann. Hinsichtlich des Trennungsschmerzes gibt es eine unkomplizierte Lösung. In der letzten Woche des Zusammenseins von Kuh und Kalb erhält dieses nicht mehr die Milch von der Mutter selbst. Denn das verbindende Element zwischen beiden ist die Milch. Macht die Mutterkuh die Erfahrung, dass es dem Kalb trotzdem gut geht, bleibt der Trennungsschmerz aus“, meinte Gabler.

Der Agrarpolitiker Häusling, dessen Familie selbst 100 Milchkühe nach Bioland-Richtlinien hält, beschäftigt sich anlässlich der anstehenden Europawahl mit der muttergebundenen Kälberaufzucht. „58 Milliarden Euro gibt die EU für die Förderung der Landwirtschaft aus. Die große Frage dabei ist, welche Formen in Zukunft wie gefördert werden sollen“, zeigte sich der Politiker offen für alternative Arten der Kälberaufzucht und beklagte das derzeitige Finanzierungsverfahren. „Momentan ist die Höhe der Summe allein von der Fläche abhängig. Biologische Gesichtspunkte bleiben außen vor.“

Vermutlich würde sich auch Manfred Gabler künftig darüber freuen, wenn Biobauernhöfe mit alternativen Arten der Aufzucht zusätzliche Fördermittel erhielten. Doch seine Hauptmotivation für die Umstellung war eine andere, wie er im Gespräch verriet: „Es geht um das Wohlbefinden. Wenn ich zweimal täglich sehe, wie sehr sich Kuh und Kalb freuen, sobald sie aufeinandertreffen, macht das auch mich glücklicher.“ Außerdem wolle er mit positivem Beispiel vorangehen und aufzeigen, dass alternative Formen durchaus praxistauglich sein können. „Über 100 Berufskollegen waren schon hier und haben sich eine Führung geben lassen. Einige von ihnen überlegen nun ebenfalls umzustellen.“ 

Doch auch heute schon stehe der Landwirt im Allgäu nicht alleine da, der fünf bis sechs weitere Betriebe in der Region kenne, die diese Art der Kälberaufzucht verfolgten.

Dominik Baum

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