Dem eigenen Bösen ins Auge schauen

Die "Mythus"-Kunstausstellung konfrontiert mit Entmündigung und Mittäterschaft

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Großformatige szenische Fotografie im alten Kellergewölbe der Galerie sollen die Betrachter zum Nachdenken anregen. Wer bin ich: Opfer, Täter, Befehlsempfänger, beobachtender oder gar wegschauender Dritter?

Kempten – Es ist kein Spaziergang durch eine klassische Kunstausstellung, sondern ein bisweilen verstörender, grotesker Weg, beobachtet von Überwachungskameras durch ein eingefrorenes Theaterstück:

Zu Beginn, im ersten Raum, prangt ein meterlanger Satz in Fraktur an den Wänden: „Man befahl mir, nicht zu gehorchen. Und ich gehorchte.“ „Weiterhin – oder ein letztes Mal?“, mag man sich fragen, während man über diesem Satz die Portraitfotos von vermeintlichen oder echten Helden, von Fidel Castro bis Greta Thumberg betrachtet. 

Bald darauf erscheinen die beiden Protagonisten auf großformatigen Drucken: Die beiden 18 und 21 Jahre jungen Schauspieler und Künstler Levi Bösker und Jonas Schönberger wagen in Uniformen und ohne Sprache, wie in einem nachkolorierten Stummfilm, verstörende Szenen, eingefroren in Fotografien. Hier wird mit Macht und Gewalt verhört und umerzogen. „Wenn es ‚Opfer-Ausstellungen‘ gibt, die Mitleid oder Empathie auslösen, dann ist dies eine ‚Täter-Ausstellung‘“, sagt Stephan A. Schmidt, Kurator dieser nur vordergründig monothematischen wie vielschichtigen Ausstellung und Vorsitzender des Allgäuer Kunstvereins artig e.V., der das Schauspiel der beiden auch fotografiert hat. 

Die Bildsprache der szenischen Erzählung mit weiteren Darstellern steht im Irgendwo zwischen Gottfried Helnwein, Wolfenstein und Rammstein – und steht letztlich in der Tradition der Kirchenmalerei, die seit dem Mittelalter mit Darstellungen von Todsünden, Hexensabbat oder Jüngstem Gericht buchstäblich den Teufel an die Wände malt und mit Bildern der niederländischen Renaissance von Pieter Bruegel und seinem Vorbild Hieronymus Bosch Einzug in die kollektive Bilderwelt der Menschen in Mitteleuropa gefunden haben. Ebenso wie diese stellen sie keine Fragen, sondern bilden ab. Und: „Wir befehlen Ihnen, hinzuschauen, und zeigen Unmündigkeit in reinster Form, damit Sie sich nicht von ihr verleiten lassen“, sagen die beiden Künstler und verweisen über die Kant’sche „selbstverschuldete Unmündigkeit“ auf das Zitat der großen politischen Philosophin Hannah Arendt: „Keiner hat das Recht zu gehorchen.“ 

Der Betrachter mag dennoch hinterfragen: Warum meinen heutzutage zwei junge Künstler, sich wieder Uniformen anziehen zu müssen, während man mit Brandstiftern das tolerante Zwiegespräch führt? Was wird im Lauf der Geschichte zu solchen „Mythen“, die die Masse wie das Individuum, die Gemeinschaft aus Bürgern oder Konsumenten aus der Verantwortung stehlen? Wer bin ich: Opfer, Täter, Befehlsempfänger, beobachtender oder gar wegschauender Dritter? Die Ausstellung lässt, als Installation, auch den Tatort des Schauspiels im alten Kellergewölbe der Galerie wieder aufleben; Sound und Video ergänzen die großformatigen Szenenbilder.

 Die Ausstellung in der Galerie Kunstreich, Schützenstraße 7, ist bis Dienstag, 1. Oktober geöffnet. Die Öffnungszeiten sind Dienstag von 16 bis 20 Uhr und Samstag & Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Die Finissage mit Künstlern und ein Kuratorengspräch finden am Donnerstag, 3. Oktober, um 18 Uhr statt. Der Eintritt zur Ausstellung ist wie immer frei. 


kb

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