Indra Baier-Müller fordert

Nachdenken über Separation der älteren Menschen und der damit verbundenen psychischen Belastungen 

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Indra Baier-Müller.

Kempten – So langsam scheinen sich die meisten Menschen mit den alltäglichen Einschränkungen zu arrangieren.

Fahrräder, die die letzten Jahre im dunklen Keller gefristet haben, erblicken plötzlich wieder das Tageslicht; statt den neuesten Angeboten in den Schaufenstern der Fußgängerzonen entdecken viele Menschen neuerdings die Lust am Wandern und Spazierengehen und entdecken die Schönheiten der eben aus dem Winterschlaf erwachenden Natur. Wen die Einschränkungen dagegen wirklich hart treffen, sind die älteren Menschen; vor allem die, die in Senioren- und Pflegeheimen leben. Knall auf Fall dürfen sie keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen oder Freunden haben. Sozialkontakte? Fehlanzeige! Keine Besuche der Enkel, keine Familienfeiern, keine fröhlichen Seniorenrunden ...

Für die Noch-Diakonie-Chefin und frisch gewählte Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller steht außer Frage, dass sich Politik und Gesellschaft in naher Zukunft Gedanken darüber machen müsse, „wie man mit der Separation und der damit verbundenen psychischen Belastung der Risikogruppen umgehen soll. Die Menschen haben Angst vor der Einsamkeit und sind geneigt, die Angst vor der Ansteckungsgefahr zugunsten der sozialen Kontakte zu Angehörigen zu vernachlässigen.“ Da das Risiko einer Ausbreitung des Corona-Virus mit wahrscheinlich fatalen Folgen in den Senioren- und Pflegeeinrichtungen besonders hoch ist, liegt auf der Hand. 

So verwundert es kaum, wenn Baier-Müller im Gespräch mit dem Kreisbote davon berichtet, dass der Kioskbetrieb mit Verkauf von Kaffee und Kuchen im von der Diakonie betriebenen Wilhelm-Löhe-Haus zunächst eingestellt worden sei, „aus Angst davor, dass sich die Menschen gegenseitig anstecken“. Zwischenzeitlich hatte man zumindest den Verkauf von kleineren Artikeln wieder aufgenommen. Was jedoch in der vergangenen Woche wieder untersagt worden war. Wie weit Theorie und Praxis auseinanderklaffen können, wird unter anderem daran deutlich: Wer im Wohnbereich des Seniorenheims lebt, darf zwar zum Einkaufen oder Spazierengehen raus, sollte jedoch nachweisen, dass keinerlei Sozialkontakte stattfanden. 

Andererseits habe Jede/r in der Einrichtung seine/n Hausarzt/-ärztin, die bei Bedarf im Haus ein- und ausgehen können. „Das müsste man auf einen Arzt/eine Ärztin pro Haus einschränken“, sieht Baier-Müller hier dringenden Handlungsbedarf. Angesprochen auf das ebenso ein- und ausgehende Pflegepersonal räumt sie ein, dass diese zwar darauf hingewiesen wurden, nur notwendige Einkäufe zu erledigen und sich möglichst nur zwischen der Arbeit und ihrem Zuhause zu bewegen, „was aber kaum jemand kontrollieren kann“. 

Auch gute Seiten
Bei aller Tragik der Corona-Krise kann Baier-Müller der Situation aber auch Gutes abgewinnen. Unter anderem „entstehen Bezüge, die es vorher nicht gab“ und vermutlich nicht gegeben hätte, indem auf einmal Menschen miteinander ins Gespräch kämen, die sich zuvor gegenseitig kaum beachtet hätten. Insgesamt sei „das innerhäusische Gefüge“, der Zusammenhalt, „viel stärker geworden“. Aber auch diese Seite kennt Baier-Müller: In ihrem privaten Umfeld seien es gerade die Senioren im Alter zwischen 70 und 80 Jahren, die sagen würden „mein Gott, dann ist es halt Corona und kein Schlaganfall“. 

Die SeniorInnen seien zwar nicht leichtsinnig, hielten Abstand zu anderen Menschen etc., seien aber „nicht panisch“ und pflegten „einen relativ pragmatischen Ansatz“ im Umgang mit der Virus-Gefahr. Den Auftrag an die Gesellschaft sieht Baier-Müller nichtsdestotrotz darin, für die da zu sein, „die sich selbst nicht mehr schützen können“, wie z.B. demente oder geistig behinderte Menschen oder auch bei bestimmten psychischen Erkrankungen. Denen, die sich noch selbst schützen können, sollte ihres Erachtens aber auch noch Handlungsspielraum gelassen werden. 

Für die Gesellschaft würde sie sich wünschen, dass die Menschen erkennen, was wir durch die Krise erhalten, wie das Gefühl füreinander da zu sein, Unterstützung zu erhalten, Nachbarschaftshilfe etc.; und dass sich die Menschen darüber Gedanken machen, wie sie miteinander umgehen. Richtig gut findet Baier-Müller, dass die Menschen, die „sich jetzt gerade gefährden und im Sturm stehen“, Anerkennung bekommen, wie aktuell durch die von Ministerpräsident Markus Söder angekündigte Sonderzahlung. Und sie sieht momentan „extrem gute Bedingungen“ dafür, dass die Wertschätzung auch langfristig Fuß fassen könnte. 

Christine Tröger

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