"Wir müssen uns ranhalten, um ein kleines Stück die Welt zu retten"

Nachhaltigkeitspreis – fünf Jahre später

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Verkehrswende aufgeschoben: Kempten gilt Beobachtern zufolge noch immer als Autostadt und fahrradunfreundlich.

Kempten – 2015 erhielt die Stadt Kempten den Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

Fünf Jahre später stellt sich die Frage, was von der preisgekrönten Nachhaltigkeit geblieben ist – und wo die Stadt Nachholbedarf hat.

Eine kleine Metallkugel mit einem Loch, darin schwarz-rot-goldene Ringe, montiert auf einer großen Acrylglastafel. Diese skurrile Auszeichnung erhielt Oberbürgermeister Thomas Kiechle vor fünf Jahren, als er für die Stadt Kempten den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Stadt mittlerer Größe“ entgegennahm. Kempten besteche durch „überzeugende Arbeit“ beim Thema Nachhaltigkeit, begründete die Jury ihre Entscheidung, vor allem dank eines „partizipativen und kooperativen Nachhaltigkeitsmanagements“. 

Projekte zum Klimaschutz, die Haushaltskonsolidierung, die damals formulierten „Strategischen Ziele 2020“ sowie die Einbindung von Wirtschaft und Zivilgesellschaft in Entscheidungsprozesse begeisterte das Bewertungsgremium – neben einer langen Liste anderer Punkte. Bis heute wird die Auszeichnung stolz in der OnlineChronik auf der Webseite der Stadt erwähnt. Zwar erwirkten die Lorbeeren das Image einer nachhaltigen Stadt und ein zweckgebundenes Preisgeld in Höhe von 30.000 Euro, doch wie viel nachhaltiger Kempten seitdem geworden ist, bleibt offen. So stellen sich fünf Jahre nach der Verleihung die Fragen: Wie nachhaltig ist die Stadt wirklich? Hätte sie auch in diesem Jahr einen solchen Preis verdient? Und wo gibt es Nachholbedarf? 

"2020 kann ich der Stadt keinen Nachhaltigkeitspreis geben"
„2015 war Kempten auf einem guten Weg“, sagt Michael Hofer, stellvertretendes Mitglied der ÖDP im Klimaschutzbeirat. Er hebt aber hervor: „2020 kann ich der Stadt keinen Nachhaltigkeitspreis geben. Die Versprechen wurden nicht eingehalten.“ Zwar lobt er das nachhaltige Einkaufskonzept für die Innenstadt, die städtischen Sozial- und Bildungsangebote sowie den Schuldenabbau. Doch sei die Stadt beim Umweltschutz nur auf dem „halben Weg“. „Wir haben zuletzt die Stadt klimaneutral erklärt und haben kompensiert, was wir an CO² ausstoßen“, so der Stadtrat. 

„Augenwischerei“, nennt Hofer diesen Vorgang. Er bemängelt, dass lediglich die Gebäude der Stadtverwaltung und ihre Töchterunternehmen, die nur rund sechs Prozent der Stadt ausmachten, unter diese Bilanz gefallen seien. Der Rest der Stadt sei nicht klimaneutral. „Die Stadt versucht immer, die Fassade herzustellen: ‚Wir sind nachhaltig‘“, kritisiert er scharf. Skeptisch sieht er auch die Beteiligungen der Stadt Kempten am Memminger Flughafen. Bevor sich Kempten „nachhaltig“ nennen könne, müsse man sich von diesen Anteilen trennen, so Hofer. 

Anders sieht es Alexander Buck von den Freien Wählern. Ob man im Jahr 2020 einen Nachhaltigkeitspreis verdient hätte? „Klar“, sagt das Mitglied zahlreicher Stadtratsausschüsse und holt aus. Die Stadt habe viele Projekte in der Wirtschaft, im Umweltschutz, Abfall- oder Wertstoffwirtschaft und Energiemanagement am Laufen, so Buck, der auch im Aufsichtsrat der ZAK Holding GmbH sitzt. „Das müssen uns die Städte erst einmal nachmachen.“ Er fügt hinzu: „Ich glaube, im Vergleich zu anderen Städten haben wir ein ganz gutes Standing im Bezug auf Klimaschutz.“ Mit Blick auf den städtischen CO²-Ausstoß hinke man aber hinterher, zeigt er sich selbstkritisch: „Wir sind momentan nicht auf dem Stand, auf dem wir sein sollten.“ 

Potenzial zur Vorzeigestadt
Kritische Worte verwendet Dominik Tartler von Future for Kempten. „Kempten hat mit seiner Nachhaltigkeitsplanung durchaus das Potenzial einer Vorzeigestadt“, betont der 18-Jährige, der im Klimaschutzbeirat sitzt. Jedoch begrenze sich das Vorzeigbare vor allem auf die Planung – und weniger auf die praktische Umsetzung, moniert er. Vor dem Hintergrund der Pariser Klimaziele betrachtet er die Einhaltung des städtischen CO²-Budgets als „mehr als akut“. Er fordert die Einhaltung der Maßnahmen im dafür zur Verfügung stehenden zeitlichen Rahmen – und ihre regelmäßige Überprüfung. 

„Uns muss jedoch auch bewusst werden, dass die langfristigen Konsequenzen von zu spätem Handeln im Vergleich in beiden Bereichen um ein Vielfaches drastischer ausfallen werden“, schlägt er Alarm. „Beim Umwelt- und Klimaschutz hat die Stadt viele Projekte in die Wege geleitet“, betont er. Dazu zähle er das Solarkataster, das Projekt der Klimaschulen und auch Beratungsangebote rund ums Energiesparen. Größtes Manko sei aber die Kommunikation nach außen und das fehlende Bewerben dieser Angebote. Diese müsse „in hohem Maße verbessert werden“, so Tartler. Nur so könne man einen Grundstein für eine nachhaltig denkende und handelnde Gesellschaft legen. 

Nachholbedarf bei ÖPNV und Fahrradmobilität
Er fordert zudem: „Es braucht einen grundlegenden Wandel vom Individualverkehr hin zum ÖPNV und Fahrrad. Eine zentrale Rolle wird hierbei die Haushaltsplanung für die nächsten Jahre spielen.“ Buck von den Freien Wählern stimmt ihm zu: „Den größten Nachholbedarf haben wir bei der Mobilität.“ Er bemängelt: „Da hat man lange gesagt: ‚Das ist hier viel zu hügelig‘“. Eine Zunahme von E-Bikes und ein gesellschaftliches Umdenken hätten die Umstände aber verändert. „Wir müssen uns da ranhalten, um ein kleines Stück die Welt zu retten.“ 

„Den ÖPNV in der Stadt zu stärken, muss unbedingt sein“, pflichtet auch Hofer von der ÖDP bei. „Es gibt gute Ideen“, sagt er, „wie zum Beispiel das 100-Euro-Ticket oder die Innenstadtsperrung des Kronenplatzes.“ Kempten sei noch immer eine „Autostadt“, sagt Ingrid Vornberger, die für die SPD im Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz sitzt. Sie bedauere, dass Kempten laut der letzten Wertung des ADFC zu den fahrradunfreundlichsten Städten Deutschlands gehört. Sie fordert einen Weg weg vom Auto und eine „Bewusstseinsänderung bei der eigenen Mobilität“. „Wenn man den ÖPNV attraktiv machen will, dann müssen wir das Auto verteuern“, sagt sie. 

Im November dieses Jahres wird der Deutsche Nachhaltigkeitspreis erneut verliehen. Dass ein zweiter Nachhaltigkeitspreis Oberbürgermeister Thomas Kiechle in die Hände fällt, ist unwahrscheinlich. Wie die Pressestelle der Stadt auf Anfrage mitteilte, habe man sich in diesem Jahr nicht beworben. Besser so, mag sich so mancher Kritiker denken. Die Auszeichnung scheint Kemptens Fortschritt beim Thema Nachhaltigkeit mehr erschwert als Leichtigkeit verliehen zu haben. 

Cian Hartung

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