"Man wird sicherlich mit Mundschutz drehen müssen"

Nachwuchsregisseur Löwen im Interview

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Hochkonzentriert am Set: Der Kemptener Nachwuchsregisseur Alexander Löwen bei den Dreharbeiten.

Kempten/Kaufbeuren/München – Der Kemptener Nachwuchsregisseur Alexander Löwen hat den Drehbuchwettbewerb des Filmfestivals „Filmzeit Kaufbeuren“ gewonnen. Im Interview spricht er über Dreharbeiten in der Corona-Krise und seine Arbeit mit Starregisseur Werner Herzog.

„Grad Deutscher Härte“ heißt das Drehbuch, mit dem Alexander Löwen die Jury des Kaufbeurener Autorenfestivals überzeugen konnte. In der Geschichte geht es um die 90-jährige Ida, die Besuch von einem jungen Klempner bekommt. Dieser stellt sich bald als sogenannter Reichsbürger heraus. Anstatt ihn von Anfang an zu verunglimpfen, nimmt sich Ida der Absurdität um die Verschwörungstheorien an. Sie treibt sie sogar auf die Spitze – bis das Kartenhaus in sich zusammenfällt. Löwen wuchs in Kempten auf und studiert seit 2015 Spielfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Für den 28-Jährigen ist es der erste Preis als Drehbuchautor. Sein Drehbuch soll bis Anfang September in Kaufbeuren realisiert werden – so ist die Bedingung der Preisvergabe. Premiere feiert der Film auf der 13. filmzeitkaufbeuren im Oktober.

Herr Löwen, in Ihrem Drehbuch geht es um einen Reichsbürger und Verschwörungstheorien. Was fasziniert Sie als Autor daran?

Alexander Löwen: Für eine künstlerische Arbeit sind Verschwörungstheorien ein spannender Kosmos. Sie sind nämlich von einer unglaublichen Fantasie geprägt. Es werden dabei die absurdesten Behauptungen mit den absurdesten Beweisen unterlegt. Oberflächlich betrachtet, erscheint alles logisch. Wenn man aber genauer hinschaut, ist gar nichts mehr logisch. 

Was besorgt sie daran? 

Alexander Löwen: Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Verschwörungstheorien auf der anderen Seite extrem gefährlich sind. Die Attentäter der rechtsextremen Szene in den letzten Jahren waren sehr eng mit Verschwörungstheorien verbandelt. Wir haben gesehen, dass diese Theorien gar nicht so theoretisch bleiben, sondern ganz konkrete, praktische Handlungen nach sich ziehen. Diese sind antisemitisch, gewalttätig und absolut gefährlich für die Gesellschaft. 

Was war der Anstoß zu „Grad Deutscher Härte“? 

Alexander Löwen: Ich wollte einen Ton treffen, der dieses schwere Thema mit humoristischen Mitteln mit einem Augen - zwinkern aufgreift. Deshalb habe ich eine Satire geschrieben. Es war für mich auch interessant, eine ältere Figur, die im Leben schon so einiges erlebt haben muss, einem Reichsbürger gegenüberzustellen. 

Was bedeutet Ihnen der Gewinn des Drehbuchwettbewerbs des Allgäuer Autorenfestivals? 

Alexander Löwen: Dieser Preis ist mir besonders wichtig, da es mein erster Drehbuchpreis ist. Vorher waren es immer Filme oder Inszenierungen, die bereits fertig waren. Ich freue mich auch darauf, dass der Film auf dem Festival in meiner Heimatstadt Kempten gezeigt wird. 

Sie haben im Rahmen der Meisterklasse Ihres Diplomstudiums unter anderem von Starregisseur Werner Herzog gelernt. Was konnten Sie sich von ihm abgucken? 

Alexander Löwen: Mich hat an Werner Herzog fasziniert, wie er in seinen Dokumentarfilmen ganz genuine und echte Momente aus den Menschen herauslocken kann. „Wie macht er das?“, habe ich mich immer gefragt. In meiner Meisterklasse mit ihm ging es darum, Menschen aus schwierigen Situationen zu interviewen. Ziel war, die Essenz dieses Gesprächs auf die Leinwand zu bringen. Dabei habe ich mit einer Frau gesprochen, die mehrfach suizidal war und einen schwierigen Lebensweg hinter sich hatte. 

Was passierte dann? 

Alexander Löwen: Werner Herzog steht hinter mir, schaut mir über die Schulter und flüstert mir in meinen Nacken, wo ich nochmal nachfragen müsste und das Gespräch in eine andere Richtung lenken könnte. Da habe ich gemerkt: Er schafft es, indem er immer haargenau nachfragt. Er lässt nie eine Allgemeinheit so stehen. Von ihm habe ich gelernt, mit einem Menschen in einem Gespräch noch näher zu kommen. 

Wie werden Ihre Dreharbeiten unter Corona-Bedingungen in diesem Sommer in Kaufbeuren aussehen? 

Alexander Löwen: Das frage ich mich selber (lacht)! Im Endeffekt ist es wichtig, ein kleines Team zu haben. Normalerweise habe ich am Set an die 30 Leute gehabt. Dann wird man sicherlich beim Catering bestimmte Auflagen befolgen müssen. Da werden wir aber darauf achten, dass dort der Schutz gewährleistet ist. Man wird sicherlich mit Mundschutz drehen müssen, auch die Schauspieler. Außer, wenn sie spielen. So bekomme ich es derzeit von anderen Filmproduktionen mit und so könnte es auch bei uns im Sommer laufen. 

Machen Sie sich hinsichtlich der Corona-Krise Sorgen um die Zukunft der Film- und Theaterbranche? 

Alexander Löwen: Als Nachwuchsregisseur denke ich, dass Filmprojekte zukünftig sehr nach Priorität gefördert und produziert werden. Ich befürchte, dass Nachwuchsprojekte diese Priorität erstmal nicht erhalten werden. Globaler betrachtet, mache ich mir auch Sorgen, welche Auswirkungen die Krise auf die Kinokultur haben wird. Wir sehen jetzt schon, dass viele Kinos vor finanziellen Schwierigkeiten oder gar vor der Insolvenz stehen. Wir sehen auch, dass Künstler, vom Tonassistenten bis zum Darsteller, allgemein wirtschaftliche Probleme haben. 

Herr Löwen, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg! 

Das Interview führte Cian Hartung.

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