Kulturstiftung des Bundes fördert Projekt der Stadtbibliothek mit 150.000 Euro

Nature Writing

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Lebendige Bibliothek für Nature Writing soll Menschen aller Art und Altersstufen für die Natur und das Schreiben begeistern.

Kempten – “hochdrei – Stadtbibliotheken verändern“ ist ein Programm der Kulturstiftung, das Stadtbibliotheken dazu anregen will, sich durch eine Neuausrichtung ihrer Ressourcen und Veranstaltungsformate als offene Orte der Begegnung zu etablieren.

„Lebendige Bibliothek für Nature Writing“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Nature_Writing) heißt das mit insgesamt 175.000 Euro veranschlagte Zweijahres-Projekt der Kemptener Stadtbibliothek deren Ziel es ist, sich in regionaler Zusammenarbeit mit der Stadtbücherei Sonthofen, der Bücherei Wertach und dem Verein Deutsche Sebald-Gesellschaft e. V. zu öffnen, und durch die Begegnung von Menschen und den entstehenden Wissenstransfer neue Bildungspartnerschaften zu entwickeln, wie Andrea Graf, Leiterin der Kemptner Stadtbibliothek, dem Kulturausschuss darlegte.

Mit dem Projekt stellt die Bibliothek, als lebendiger und analoger Wissensspeicher, Fragen der Beziehung von Mensch und Natur in den Fokus. Der Kulturfonds fördert das partizipative Projekt mit 150.000 Euro. Anknüpfend an die Tradition des Nature Writing wollen die Bibliotheken alle Interessierten mit visuellen, auditiven, digitalen, sozialen und kinästhetischen Impulsen dazu animieren, die eigene Umwelt neu wahrzunehmen. Gemeinsam mit den extra aus Berlin angereisten künstlerischen Projektleiterinnen Susa Pop (www.publicartlab-berlin.de) und Michaela Vieser (www.michaelavieser.de/) wurde dafür das Patenschaftsprogramm der Grünen Kulturvermittler entwickelt, die aus engagierten regionalen SchriftstellerInnen und Kulturschaffenden akquiriert werden sollen. Ihre Aufgabe wird sein, die nachhaltigen Themenwelten des Nature Writings – z.B. Geschichte und Erde, Umwelt und Naturschutz, Gesellschaft, Wissenschaft und Bildung – in dem bürgernahen Programm zwischen Allgäuer (Kultur-)Institutionen und den Bibliotheken zu vermitteln. Darüberhinaus sollen sie ein regionales Netzwerk mit weiteren Stadtbüchereien und Bibliotheken voranbringen. Eine Herausforderung sieht Vieser darin, den Städtern Nature Writing, also die Beschreibung der Naturbeobachtungen als ein empathisches Erlebnis, beizubringen. „So wird Klimawandel zu etwas Fassbarem“ und weniger abstrakt. Interessant ist aus Sicht der Projektleiterinnen, dass der vor allem im englischsprachigen Raum sehr bekannte Nature-Writer W.G. Sebald in Wertach geboren und aufgewachsen ist. Der einstige Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt als eine wichtige literarische Figur für das Genre Nature Writing und das kulturelle Erbe der Region. Anlässlich seines 20.Todesjahres (er verunglückte tödlich am 14. Dezember 2001 bei einem Autounfall bei Norfolk/U.K.) ist der Auftakt des Programms mit Themenwelten sowie verschiedenen Formaten des Nature Writing geplant.

Zu den Highlights während der zweijährigen Projektlaufzeit zählen die Entstehung einer Bibliothek der Dinge, in der z.B. Podcast-Tools angeboten werden, durch die BibliotheksnutzerInnen ihre natürliche Umwelt hörbar einzufangen und davon zu erzählen lernen; ferner ausleihbare Herbarien oder auch Wettermess-Stationen, um Allgäuer Phänomenen wie dem Föhn auf die Schliche zu kommen. Im Sommer 2022 sollen lokale und internationale Nature Writer in einem Schreib- und Lesecamp im Hofgarten die Methode des Nature Writings vermitteln; über den Projektzeitraum von zwei Jahren sollen im Rahmen von „Orangerie Salons“ Vorträge der Grünen Kulturvermittler Themen der regionalen Kemptener Stadtgeschichte aufgreifen, die natürlich mit der Natur in Verbindung stehen; denkbar sind z.B. Themen wie „Altweibersommer“ oder der Umgang mit der Natur in der Römerzeit. Während der KunstNacht Kempten 2022 vernetzt ein multimedialer Event die Bibliotheken Kempten, Wertach und Sonthofen durch Echtzeit-Projektionen auf historischen Gebäuden. Bespielt werden sie von Schriftstellern, die die drei Städte mit Nature Writing-Botschaften in Austausch bringen. Solastalgia heißt ein weiteres Projekt in dem Zeitzeugen zu ihrem Verständnis von Natur interviewt werden und dazu, wie sich der Begriff und das Verhältnis zur Natur seit ihrer Kindheit verändert hat. Für die etwas Jüngeren bietet die Bibliothek schließlich eine Reise wie die des Kleinen Prinzen an, allerdings statt durch das Universum geht es auf die Wiesen und in die Wälder im Allgäu. Wem oder was würde der Kleine Prinz hier begegnen?, ist nur eine der Fragen die dabei zu klären sein wird.

Silvia Schäfer (CSU) war die Nachhaltigkeit des Projektes ein Anliegen. Durch die Kulturvermittler vor Ort sah Pop, die in Kempten einst Abitur gemacht hat, das Projekt sehr „lokal verankert“ so dass es „in welcher Form auch immer“ fortgeführt werden könne, möglicherweise auch mit noch weiteren Kommunen, auch im Ausland. Kulturamtsleiter Martin Fink bezeichnete das Nature Writing-Projekt als „sehr nachhaltig“, zumal die Kulturfonds für eine Förderung auch darauf achten würden. Es sei nach der Stadtexpedition bereits das zweite Projekt des Europäischen Kulturfonds in Kempten. Für die bereits sehr stark in der Bevölkerung verankerte Stadtbibliothek versprach er sich durch das Projekt noch festere Bande. OB Thomas Kiechle sah in dem Projekt „eine Riesenchance mit hohen Fördermitteln“ zeigen zu können, was die Bibliotheken leisten und „das Wort Bibliothek neu zu buchstabieren“. Die Kulturbeauftragte Annette Hauser-Felberbaum (FW) zeigte sich „besonders fasziniert“ davon, dass „die ganze Bevölkerung involviert ist und die Kinder zum Schreiben“ animiert würden.

Christine Tröger

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