Unsere aktuelle Grüne Seite zum Thema Wald

Teil 1: Naturnahe Waldbewirtschaftung – mit Gewinn!?

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Eine sogenannte Femellückenmischung: naturnah bewirtschafteter Plenterwald als klassischer Bergmischwald mit Buche, Weißtanne und Fichte.
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Altes, starkes Totholz: Buchenstamm mit Zunderschwammbesatz.
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Sehr selten geworden in unseren Wäldern: Der Tannenstachelbart braucht starkes Weißtannenholz, das schon sehr lange liegt und modert.

Was bedeutet es, den Wald naturnah zu bewirtschaften? Ist das nicht schon Praxis und Aufgabe der Förster? Wie ist ein Wald beschaffen, der nicht naturnah „bestellt“ wird? Gibt es da etwa Unterschiede? Was heißt es für die Pflanzen, Waldbewohner und die Menschen? Was bedeutet in diesem Zusammenhang Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft?

VON ANDREAS LEISING

Zwischen einem konventionell bewirtschafteten Wald und einem Förster, welcher naturnah arbeitet, besteht laut Gerhard Rohrmoser – freiberuflicher Forstingenieur aus Hinang bei Sonthofen – ein in etwa so großer Unterschied, wie zwischen der Arbeitsweise eines Bio-Bauern und eines konventionell wirtschaftenden Landwirts. Rohrmoser berät und betreut seit über 20 Jahren Waldbesitzer im Allgäu, welche ihren Wald naturnah bewirtschaften und die Waldnatur „enkeltauglich“ mit Gewinn für Mensch und Natur entwickeln möchten. Sein Leitmotiv lautet: „Wer die Waldnatur beherrschen will, muss ihr gehorchen!“

Wald als Wertanlage

Heutzutage besteht immer noch großer Druck, Wälder mit maximaler Rendite zu bewirtschaften. Die Nachfrage nach Holz als „umweltfreundlichem, da nachwachsendem Baustoff“ ist ungebrochen. Dazu kommt die Tatsache, dass in Zeiten der niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt, immer mehr wohlhabende Bürger sich als Kapitalanlage ein Waldstück, meist zu völlig überzogenen Preisen, ja meistbietend, ergattern. Nicht selten wird dann aus „erntereifen“ Wäldern – jedoch weit vor dem natürlichen Lebensalter der Bäume – Holz entnommen, ohne dass darauf geachtet wird, welche ökologische Vielfalt der jeweilige Wald zum Zeitpunkt der Entnahme vorweist, und welchen Nutzen er für Mensch, Tier und Ökosystem in der Region hat.

Aber gerade hier setzt die naturnahe Waldbewirtschaftung an. Eben diese forstwirtschaftlich betrachtet erntereifen, teils alten und großgewachsenen Baumriesen will man mit dieser Methode im Wald erhalten.

Bayern ist arm an Naturwäldern, also an Wäldern, die sich ohne Holznutzung dauerhaft natürlich entwickeln dürfen. Aktuell sind von etwa 2,5 Mio. Hektaren Wald in Bayern nur etwa 33.000 Hektar ohne forstliche Nutzung und einer natürlichen Entwicklung überlassen. Das entspricht 1,3 Prozent der Waldfläche, so heißt es in einem gemeinsamen Papier des BUND Naturschutz und Greenpeace aus dem Jahr 2016. Dort unterbreiten die beiden Umweltorganisationen, unter dem Titel „Mehr Naturwälder in Bayern“ Vorschläge für ein landesweites Naturwald-Verbundsystem.

Dabei hat die Bundesregierung bereits 2007 im Rahmen der Biodiversitätsstrategie beschlossen, zehn Prozent der öffentlichen Wälder dauerhaft als Wildnis zu schützen und ihrer natürlichen Entwicklung zu überlassen.

Greenpeace forderte bereits 2012 einen Einschlagstopp für alte Buchenbestände, älter als 140 Jahre. Mit dem Argument, es seien die Urwälder von Morgen. Diese alten Buchenwälder bieten Lebensraum für unzählige Tier-, Pilz- und Pflanzenarten.

Dazu sollten zusammenhängende Waldsysteme geschaffen oder erhalten und aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen werden, damit heimische Tier- und Pflanzenarten zurückkehren und sich geschützt ausbreiten können. Alle künftigen waldpolitischen Entscheidungen sollten auf Basis von Ökologie und Klimaschutz getroffen werden. Der Holz- und Biomasse-Anteil in den Wäldern wieder steigen.

Über 850 Jahre alt

Ließe man gesunde Bäume wachsen, kämen diese je nach Art auf stattliche Alter. Die Buche brächte es auf über 300 Jahre. Die Weißtanne schafft 600 Jahre und die Fichte mehr als 300 Jahre. Bei Europas mächtigstem Waldbaum, der Eiche, können es Großbäume sogar auf über 850 Jahre bringen.

Deutschland ist derzeit etwa zu einem Drittel mit Wald bedeckt, das hat die letzte Bundeswaldinventur des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ans Licht gebracht. In dieser Erhebung, die alle zehn Jahre durchgeführt wird, kamen außerdem die häufigsten Baumarten zum Vorschein. Mit 25 Prozent Anteil die Fichte, danach mit 22 Prozent die Kiefer, dann die Buche mit 15 Prozent und schließlich die Eiche mit zehn Prozent. Das Verhältnis hat sich sozusagen zu Gunsten der schnellwachsenden, wirtschaftlich lukrativen Fichten und Kiefern gewandelt. Von Natur aus wäre Deutschland zu 90 Prozent mit Wald bedeckt, Buchen hätten daran einen 75-prozentigen Anteil.

Nachhaltigkeit – eine deutsche Erfindung?

Seit gut 300 Jahren gibt es in Deutschland das Prinzip der Nachhaltigkeit in unseren Wäldern. In der sächsischen Berg-

baustadt Freiberg im Erzgebirge sorgte sich der dortige Oberberghauptmann von Carlowitz um den Holznachschub, als er beobachtete, wie die Wälder verschwanden – 20 Hektar Wald (ein Hektar entspricht 10.000 Quadratmetern oder 100 x 100 Metern) pro Jahr für einen der Hochöfen der Silberbergwerksproduktion. Durch seine Reisen nach Italien, Spanien und Frankreich konnte er sehen was die Rodungen dort angerichtet hatten und so setzte er sich für die Aufforstung hierzulande ein. Von ihm stamme der Satz: „Es dürfen nicht mehr Bäume gefällt werden, als neue nachwachsen.“

Für damalige Verhältnisse sicherlich wegweisend, und vermutlich ein Stück weit „aus der Not heraus“ entstanden, da ohne Holz auch keine Produktion. Anders betrachtet stellte diese neue Vorgehensweise schon damals einen Perspektivwechsel dar: Weg vom kurzfristigen Profitdenken hin zur Beachtung der Interessen zukünftiger Generationen. Von dieser „Kehrtwende“ profitieren wir heute noch. Denn hätten wir bis heute nicht nachhaltig in unseren Wäldern gewirtschaftet, so sägten wir zumindest sprichwörtlich an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Und das ist nicht allzu weit hergeholt, wie Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps“ ausführt. Ganze Kulturen wurden zerstört, weil Menschen das letzte Holz aufbrauchten und nichts mehr zum Leben hatten – Beispiel Osterinsel. Wer meint, das könne uns ja nicht passieren, sollte daran denken, dass der grenzenlose und übermäßige Konsum der Industrieländer heute schon zur großflächigen Rodung des Regenwaldes, zum Beispiel in Brasilien oder Indonesien führt. Dort wird, mit teils höchst fragwürdigen Methoden, billiges Holz eingeschlagen um beispielsweise Soja-Monokulturen für Tierfutter oder für die Herstellung von Agrosprit (irrwitziger Weise besser bekannt als Bio-Sprit), anzubauen oder Palmöl für die Nahrungsmittelproduktion zu gewinnen.

Doch wie stellt sich die jetzige Situation in Deutschland, Bayern und in unserer Region dar? Ist Nachhaltigkeit gleichzusetzen mit der Qualität und Beschaffenheit der Wälder und Forsten? Handelt es sich dabei automatisch um gesunde Wälder?

Wo heute in der Region Fichten-Monokulturen, Altersklassenwälder mit gleich alten Baumbeständen sehr weniger Baumarten, die alle zum selben Zeitpunkt erntereif und besonders maschinen- und rationalisierungsfreundlich sind, und nur vereinzelt Misch-

wälder stehen, waren früher die Landschaften zu zwei Dritteln mit Buchen bedeckt. Keine importierten Douglasien, kaum schnell nachwachsende und finanziell lukrative Fichten- oder Kiefernbestände. Nein: Buchen und heimische Weißtannen sind für unser Klima hier und in Europa bestens angepasst.

Das Schlagwort „Nachhaltigkeit“ ist in der heutigen Zeit differenziert zu sehen. Und das gilt nicht nur für die Waldbewirtschaftung. Es ist generell zu hinterfragen, inwieweit hier das Wort Nachhaltigkeit nicht zum Werbeslogan verkommen ist, ja als „Greenwashing“ und zur Gewissensberuhigung der Konsumenten nützlich sein soll.

Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft bezieht sich nicht nur auf den Holzzuwachs, sondern eben auch auf die andauernde Qualität des Waldbodens, der darauf nachwachsenden Bäume, Pilze und Beeren, also auf die gesamte Biodiversität des Waldes.

Mit der reinen Holzzuwachs-Definition könnte auch eine Fichten-Monokultur als nachhaltig legitimiert werden.

Zum Glück kommt man langsam von Monokulturen und Fichtenforsten ab, da man eingesehen hat, dass diese Formen der Bewirtschaftung eben in keinster Weise naturnah sind und zugleich der „Artenvielfalt“ entgegenwirken. Zudem sind reich strukturierte Wälder mit durchmischten Bäumen aller Altersklassen wesentlich robuster gegenüber Schäden durch Stürme und Borkenkäfer – besonders in Zeiten des Klimawandels.

Umbau großer Wald bei Wertach

Gerade was den Umbau von Monokulturen hin zu Mischwäldern betrifft, ist Bewegung in die Waldbewirtschaftung gekommen. Vor über einem viertel Jahrhundert veranlassten die beiden Orkane Vivian und Wiebke die Bayerischen Staatsforsten, sich über die bisherige Waldbewirtschaftung vor Ort Gedanken zu machen.

Dort wo bisher zu 95 Prozent Fichten standen, blieb aufgrund der beiden Orkane und dem anschließenden Borkenkäfer-Befall nicht mehr viel übrig. Zumal bekannt ist, dass die Fichte ein Flachwurzler und nicht besonders standhaft gegenüber Stürmen ist, und der Fichtenborkenkäfer eine der wenigen Arten ist, die zu Massenvermehrung neigen.

Mittlerweile wächst im großen Wald bei Wertach, zwischen 1200 und 1700 Metern, ein artenreicher Mischwald mit Tannen, Buchen, Ahorn (auch diese Arten sind jedoch wirtschaftlich interessant) und einem kleinen Anteil an Fichten. In diesem Gebiet gibt es erfreulicherweise auch Naturwaldreservate, mit Flächen, die sich selbst überlassen werden. Bleibt zu hoffen, dass mehrere Waldbesitzer diesem Beispiel folgen.

In der Rohrach-Schlucht bei Scheidegg im Westallgäu wurde ein Teilgebiet, ein alter naturnaher Wald des Bund Naturschutz in Bayern, als Naturwaldreservat und Urwald von Morgen ausgewiesen.

Die Fortsetzung mit Teil 2 der Grünen Seite zum Thema naturnahe Waldbewirtschaftung lesen Sie im Kreisboten vom 16. Mai. Dann geht es unter anderem um die Biodiversität des naturnahen Waldes, um die Rückkehr der Holzbringung mit Pferden, die Rolle von Totholz... und auch um die Seele des Waldes.

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